Kochkunst RHEINPFALZ Plus Artikel Jamie Oliver: „Männer, die kochen, haben besseren Sex“

Der britische Star-Koch Jamie Oliver setzt sich seit vielen schon Jahren für ein gesünderes Essensangebot in Schulkantinen ein.
Der britische Star-Koch Jamie Oliver setzt sich seit vielen schon Jahren für ein gesünderes Essensangebot in Schulkantinen ein.

Der britische Fernsehkoch spricht darüber, warum sich Männer nicht wie Höhlenmenschen aufführen sollten, und weshalb er kein Vegetarier wird.

Herr Oliver, als Sie vor 20 Jahren gesünderes Essen an englischen Schulkantinen einführen wollten, haben Eltern ihren Kindern Fastfood und Süßigkeiten über den Schulhofzaun geworfen. Jetzt ist Ihr neues Kochbuch erschienen. Es heißt „Eat yourself healthy.“ Suchen Sie wieder Ärger?
Ich versuche nur zu helfen. Als ich mich erstmals für gesünderes Schulessen eingesetzt habe, war das ein Lehrstück dafür, wie Menschen gegen jede Form von Veränderung kämpfen, selbst wenn diese Veränderung ihr Leben besser macht. Kaum etwas ist so schwierig zu verändern wie der Lifestyle, und Ernährung ist nun mal ein wichtiger Teil unseres Lebensstils. Das ist frustrierend, aber ich gebe nicht auf. Für mein neues Kochbuch habe ich Rezepte mit Inspirationen aus aller Welt kreiert, für die man die Zutaten in jedem Supermarkt bekommt, die schnell gemacht sind, toll aussehen, nicht teuer, aber gesund sind und super schmecken.

Sie galten lange als Fleischliebhaber. Warum landet immer mehr Gemüse in Ihren Töpfen?
Ich bin immer noch ein absoluter Meat-Lover. Aber überall auf der Welt, wo die Leute gut Fleisch zubereiten können, können sie auch gut Gemüse kochen. Außer in Großbritannien! In Deutschland kenne ich mich nicht so gut aus, aber ich glaube, hier ist es auch so. Wir Engländer und ihr Deutschen sind uns in vielerlei Hinsicht ziemlich ähnlich. In Sachen Gemüse und Hülsenfrüchte ist in unseren Ländern noch viel Luft nach oben. Ich will dazu beitragen, dass bei uns Gemüse nicht länger ein undankbares Dasein als notwendige, aber öde Beilage fristet. Gesund muss nicht langweilig sein. Ich will das Gemüse feiern. Ich bin zweieinhalb Jahre durch die Welt gereist und habe die Gegenden aufgesucht, in denen die Menschen am ältesten werden. Eines hatten all diese Gegenden gemein: Die Menschen haben dort viel fantastisch zubereitetes Gemüse gegessen.

Das klingt ja fast so, als könnten Sie sich vorstellen, Vegetarier zu werden?
Vegetarier, Veganer, Pescetarier – ich mag diese Bezeichnungen nicht. Man sollte keinem Kult frönen. Ich werde also kein Vegetarier, aber ich esse mindestens drei, vier Mal pro Woche vegetarisch. Und wenn ich Fleisch oder Fisch esse, achte ich auf Qualität.

Star-Koch Jamie Oliver plädiert dafür, weniger Fleisch und mehr Gemüse zu essen.
Star-Koch Jamie Oliver plädiert dafür, weniger Fleisch und mehr Gemüse zu essen.

Das muss man sich leisten können.
Schon als ich Student war und kein Geld hatte, habe ich beim Fleisch auf Qualität geachtet. Für viele der besten Essen der Welt braucht man nicht die teuersten Teile des Tieres, aber an der Qualität des Fleisches sollte man nicht sparen.

Sollte Kochen und Ernährung verpflichtendes Schulfach werden?
Unbedingt. Es ist Aufgabe der Schule, die Kultur des jeweiligen Landes zu vermitteln. Und Kochen und Essen ist ein wichtiger Bestandteil jeder Kultur. Hinzu kommt: Wenn eine Volkswirtschaft produktiver werden möchte, die Anzahl der Krankentage reduzieren, ihr Gesundheitssysteme entlasten und die nicht nur gesundheitlichen Unterschiede zwischen arm und reich verringern möchte, dann muss sie ihren Kindern das Kochen beibringen. Übergewicht und schlechte Ernährung gehören in Großbritannien und Deutschland zu den größten Problemen. Kochunterricht könnte zu einem glücklicheren, gesünderen, fitteren und wohlhabenderen Deutschland führen.

Was sollten die Schülerinnen und Schüler dabei lernen?
Am Ende der Schulzeit sollte jedes Kind mindestens zehn leckere, gesunde Gerichte draufhaben. Ich nenne es: „Zehn Rezepte, die Dein Leben retten“. In Großbritannien und Deutschland haben große Teile der letzten drei Generationen kaum oder gar nicht kochen gelernt. Deshalb müssen sich viele Menschen auf die Lebensmittelindustrie verlassen, die ihnen hochverarbeitete Lebensmittel vorsetzt. Das kann dick und krank machen und ist teuer. Früher gab es in England – und wahrscheinlich auch in Deutschland – das Fach Hauswirtschaft. Da hat man beim Kochen auch viel über Biologie, Geschichte und Wirtschaft gelernt und wie man einen Haushalt führt. Ich finde, es ist höchste Eisenbahn, dass eine moderne Form des Hauswirtschaftsunterrichts wieder eingeführt wird.

Kriege, Krisen, Katastrophen. Wir leben in herausfordernden Zeiten. Wie wichtig ist es, jetzt gut zu essen?
Sehr wichtig. Vor allem Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, Menschen verloren haben oder etwas anderes Traumatisches erlebt haben, wissen aus eigener Erfahrung, was für eine tröstende Wirkung gutes Essen haben kann. Gemeinsam zu kochen und zu essen kann sehr therapeutisch oder auch romantisch sein.

Sie haben fünf Kinder, ich habe drei. Seitdem ich Vater bin, koche ich viel zu oft Spaghetti Bolognese und Fischstäbchen mit Kartoffelbrei und Erbsen. Meine Kinder lieben diese Gerichte, ich kann sie nicht mehr sehen. Was sind gesunde, schnelle und preiswerte Alternativen?
Das sind doch zwei gute Gerichte. Aber damit sie nicht nur Ihren Kindern, sondern auch Ihnen wieder besser schmecken, sollten Sie mal variieren. Unsere Aufgabe als Eltern ist es, unseren Kindern möglichst viele verschiedene Erfahrungen zu ermöglichen. Ich betrachte Rezepte nur als Anregungen, nicht als Vorschriften, an die man sich sklavisch halten muss. Schmecken Sie die Bolognese doch mal mit anderen Gewürzen und Kräutern ab. Das wirkt Wunder.

Und was mache ich mit den verhassten Fischstäbchen mit Kartoffelbrei?
Von den Fischstäbchen, diesem hoch verarbeiteten, kommerziellen Produkt, sollten Sie wegkommen. Was den Kindern an den Fischstäbchen gefällt, ist ja vor allem die Knusprigkeit. Sie können verschiedene Fischsorten kaufen und mit ein bisschen Mehl, Ei und Paniermehl selbst eine leckere Panade machen. Und zum Kartoffelbrei: Pürieren Sie ein bisschen Knollensellerie, Karotten oder Steckrüben mit und peppen ihn mit Butter und Parmesan auf. Oh mein Gott, das ist köstlich! Ich bin mir sicher, das wird den Kindern schmecken.

Im Internet zelebrieren sich immer mehr junge Frauen als sogenannte Trad-Wives, also traditionelle Hausfrauen, die gerne für ihre Familien kochen. Männer hingegen wenden in den sozialen Medien große Fleischlappen auf dem Grill. Zementiert das Kochen traditionelle Geschlechterrollen?
Wenn man sich die Geschichtsbücher ansieht, waren die großen Grillmeister der Welt allesamt Frauen. Und ich bin davon überzeugt, dass Frauen auch heute noch besser grillen können – wenn die Männer sie denn ließen. Dass Männer am Grill eine große Show abziehen, kam zumindest in England erst in den 1950er Jahren auf. Ich schätze, in Deutschland ist es ähnlich. Es war ein großer Marketingerfolg der Lebensmittelindustrie.

Wie kann Gleichberechtigung am Grill und in der Küche erreicht werden?
Als ich vor 25 Jahren meine Kochsendung „The Naked Chef“ gemacht habe, war es das Hauptziel, Männer zurück in die Küche zu bringen, oder besser gesagt: erstmals in die Küche zu bringen. Damals war es doch so, dass die Frauen – genau wie die Männer – arbeiten gingen. Trotzdem lagen die Typen am Abend auf der Couch und fragten ihre Frauen: „Was gibt es denn heute zum Essen, Schatz?“ Aber so ein Verhalten ist in einer modernen Familie nicht mehr akzeptabel. Das wollten wir mit „The Naked Chef“ ändern, und ich glaube, das hat auch ganz gut funktioniert. Viele Männer kochen heute wirklich gerne.

Ich kenne viele Männer, die lieber am Grill den Zampano machen, anstatt Mittagessen für die Familie zu kochen.
Da ich selbst ein Mann bin, weiß ich: Männer können am Grill und in der Küche unangenehm alpha sein. Viele Männer hantieren gerne mit großen Fleischstücken und großen Messern und führen sich auf wie Höhlenmenschen. Frauen hingegen sind oft fürsorglicher, sie gehen verantwortungsbewusster mit Essen und Mutter Erde um. Wir Männer können viel von unseren Frauen lernen und sollten häufiger mit ihnen kochen.

Haben Männer, die für ihre Frauen kochen, besseren Sex?
Ich würde viel Geld darauf wetten: Männer, die für ihre Frauen kochen, haben mehr und besseren Sex. Denn es gibt kaum eine bessere Möglichkeit, jemandem zu sagen, dass man ihn oder sie liebt. Aber es geht nicht nur darum, dass man kocht, sondern auch darum, das Essen liebevoll zu präsentieren. Schlaue Männer haben das begriffen.

Was kocht Ihre Frau besser als Sie ?
Ehrlich gesagt: Mir fällt nichts ein. Das soll nicht heißen, dass meine Frau nicht gut kochen kann. Wenn ich nicht zu Hause bin, kocht sie für die Kinder. Und es ist bestimmt immer lecker. Aber wenn ich zu Hause bin, koche ich für sie. Immer! Das ist meine Liebeserklärung, meine Art, ihr eine Umarmung zu geben.

Zur Person

Jamie Oliver (50) lernte im Pub seines Vaters und am Westminster College in London das Kochen. Mit der Show „The Naked Chef“ gelang ihm 1999 der Durchbruch als TV-Koch. Heute ist er einer der bekanntesten Köche der Welt. Er setzt sich für eine gesündere Ernährung britischer Schulkinder und gegen soziale Benachteiligung ein.

Die Serie

In der Serie „Zeitreise“ wollen wir Persönlichkeiten neu vorstellen. Die bisherigen Folgen finden Sie unter: rheinpfalz.de/zeitreise

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