Panorama Ich bleib dann mal da - Was Rücktritte so schwierig macht
Horst Seehofer wollte, Jogi Löw sollte, Angela Merkel müsste eigentlich. Doch alle sind noch da. Denn ein Rücktritt ist viel mehr als die Konsequenz einer Niederlage. Er gilt als das öffentliche Eingeständnis persönlichen Scheiterns.
Am Ende war es wie immer. Als am Montag in Berlin die Sonne hinter dem Konrad-Adenauer-Haus in den Landwehrkanal plumpste, stand Horst Seehofer vor den Mikrofonen, ein Meter dreiundneunzig Größe aufgerichtet zum Denkmal der eigenen Bedeutsamkeit. „Ich bleibe Bundesinnenminister.“ Nur 20 Stunden vorher, da graute in München der Morgen noch nicht, sprach er auch schon in Mikrofone, aber das war ein anderer Mann, so grau wie ein Obatzta aus dem Kloster Andechs, der längst den Reifegrad überschritten hat. „Ich habe ja gesagt, dass ich beide Ämter zur Verfügung stelle, dass ich das in den nächsten drei Tagen vollziehe“, sagte er müde, und Journalisten rätselten vor dem Zu-Bett-Gehen, warum ein Rücktritt drei Tage dauern muss. Ein zweiter deutscher Dauerbrenner wollte sich auch noch nicht zur Ruhe legen: Joachim Löw, in besseren Weltmeistertagen kuschelbärmäßig Jogi geheißen, rätselte öffentlich, ob er noch genug Kraft und Energie für einen Neuanfang besitze. Millionen hatten zuvor gesehen, wie sich „die Mannschaft“ in Einzelteile zerlegt hatte und über den Rasen spaziert war, als hätte sie statt Powerriegel Baldriantropfen zu sich genommen. Jogi verschwand im dunklen Tann seines geliebten Schwarzwalds und ließ die Nation rätseln, was er zu tun gedenke. Als der Deutsche Fußball-Bund dann verkündete, „dass eine überstürzte und oberflächliche Bewertung wenig Sinn mache“, wussten die Fans, dass sie ihren Jogi behalten. Warum fällt es prominenten Persönlichkeiten eigentlich so schwer, zurückzutreten? Warum wird ihnen, die in guten Zeiten doch souverän und routiniert ihre Aufgabe meistern, das Ende ihrer Amtszeit oft zur Qual, manchmal zur Peinlichkeit? Warum können Leute, die ständig seufzen, wie stressig und zeitfressend ihr Job ist, nicht gelassen sagen: Ich höre auf?
Beschmutzt vom Makel des Scheiterns
Ein Rücktritt markiert nicht nur das Ende einer öffentlichen Tätigkeit. Ein Rücktritt wird beschmutzt von dem Makel des Scheiterns. Wer seinen Job aufgibt, „räumt seinen Schreibtisch“ oder „packt seine Sachen“ „verlässt die Kommandobrücke“, ist „der Lotse, der von Bord geht“. Abgegriffene Sprachbilder wie diese gibt es zuhauf, und alle sind negativ besetzt. Wer aus einem mächtigen Amt vor Ablauf der ihm zugebilligten Zeit ausscheidet, ist in den Augen der Öffentlichkeit ein Versager, der es nicht mehr bringt. Der Schlussmacher stiehlt sich davon wie ein untreuer Ehemann, der aus dem Einfamilienhaus auszieht und die Familie im Stich lässt. Neben der Schande des Scheiterns ist der eigene Bedeutungsverlust ein wichtiger Grund, warum einflussreiche Personen vor einem Rücktritt zaudern und zögern. Berühmt wurde der panische Ausruf „Und was wird aus mir?“ der schleswig-holsteinischen Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD), als Parteifreunde ihr klarmachten, dass sie die Mehrheit im Landtag verloren hatte und besser nicht mehr zum vierten Wahlgang antreten sollte. Die „Pattex-Heide“ bündelte in ihrer Frage all das, was viele Bürger Politikern unterstellen: Machtgier, Selbstverliebtheit und Wirklichkeitsverleugnung. Sie reden von der Verantwortung gegenüber dem Gemeinwesen und von der Wahl auf Zeit. Tatsächlich aber halten viele sich selbst – siehe Seehofer – für das Maß aller Dinge und glauben, sie seien unersetzlich. Mag auch das Land ins Chaos stürzen.
Wulff und zu Guttenberg - zwei prominente Beispiele
Politiker, Sportler und Künstler sind Aufmerksamkeitsjunkies, für die eine Schlagzeile und viele Follower in den sozialen Netzwerken wie ein Schuss Heroin sind. Loslassen können sie nicht, weil das die Höchststrafe nach sich zieht: vergessen zu werden. Weil sie davor große Angst haben, verpatzen viele ihren Abschied und verdüstern ihr Bild in der Geschichte. Zwei prominente Beispiele sind der Bundespräsident Christian Wulff (CDU) und der Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). Beide stiegen jung zu Polit-Popstars mit Glamourfaktor auf, sie hatten schöne Frauen und platzten schier vor Tatendurst, das Volk bewunderte sie und die Leitartikler tuschelten, die würden es noch bis ganz an die Spitze schaffen. Als die Strahlemänner ihr Rendezvous mit ihrer nicht ganz so glänzenden Vergangenheit hatten, der eine in Form eines Baukredits für sein Haus, der andere in Gestalt einer abgekupferten Doktorarbeit, wollten und konnten sie nicht begreifen, wieso solch eine Nichtigkeit ihre Lebensleistung überschatten sollte. Deshalb verteidigten sie sich ungeschickt, was die Sache nur schlimmer machte. Dass Menschen in hohen Positionen Vorbilder sein sollten, haben beide vermutlich bis heute nicht kapiert. Guttenberg sagte vor einem Jahr: „Ich habe alle Konsequenzen ertragen. Aber ich darf nach so langer Zeit für mich sagen, jetzt ist auch irgendwann mal gut.“ So redet einer, der mit seinem Schicksal hadert, den Rücktritt als Zumutung begreift.
Glänzendes Comeback im Lutherjahr
Viel besser hat Margot Käßmann ihren Rückzug orchestriert. Sie galt als Bischöfin der Herzen, doch dann bremste eine nächtliche Autofahrt unter Alkohol ihre Karriere aus. Nach schlafloser Nacht handelte Käßmann schnell, entschlossen und ohne zu jammern. Ihr rascher Rückzug gab ihr die Freiheit eines Christenmenschen zurück. Hier stand sie und konnte doch anders. Dadurch gewann sie ihre Handlungsfreiheit zurück, war keine Getriebene und musste sich nicht ständig rechtfertigen. Und sie erlebte ein glänzendes Comeback im Lutherjahr, als gefragter Gast in Talkshows und umjubelte Rednerin auf Jubiläumsveranstaltungen. Käßmann büßte für ihre eigene Schwäche. Seltener treten Politiker zurück, weil sie Verantwortung für die Fehler anderer übernehmen. Berühmtestes Beispiel ist Willy Brandt (SPD), der 1974 als Bundeskanzler dafür gerade stand, dass der DDR-Spion Günter Guillaume in seiner Nähe schalten und walten konnte. Brandt war allerdings zermürbt von Misserfolgen seiner Koalition in jenem Jahr. Seinen Kopf für die Fehler anderer hielt 1994 auch Innenminister Rudolf Seiters (CDU) hin, nach einem missglückten Einsatz der Bundespolizei gegen zwei RAF-Terroristen in Bad Kleinem mit zwei Toten. Es sind Beispiele, die keine Schule machten. So lehnte der heutige Vizekanzler und damalige Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) nach der Randale beim G-20-Gipfel in seiner Stadt einen Rücktritt ab, sagte aber den bei Politikern seltenen Satz: „Ich schäme mich für das, was passiert ist.“
Amt aufgeben und Ansehen retten
Es gibt noble Rücktritte, die dem Publikum Respekt abnötigen. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) war Justizministerin unter Kanzler Helmut Kohl (CDU). Damals ist der Große Lauschangriff, die akustische Überwachung von Wohnungen, ein Aufreger; für die Ministerin wäre das unvereinbar mit ihrem liberalen Gewissen. Aber die Union setzt sich durch und auch die Mitglieder ihrer FDP stimmen für den Lauschangriff. Am 14. Dezember 1995, da ist sie gerade 44 Jahre alt, erklärt die resolute Münchnerin ihren Rücktritt. Sie weint. Niemand weiß, ob es Tränen der Enttäuschung oder des Zorns sind. Aber alle, die das gesehen haben, erinnern sich noch Jahre danach an die Szene. Ihr Parteifreund Gerhart Baum sagt der „Zeit“, er habe bis dahin „die Leutheusser für ein aufgescheuchtes Huhn“ gehalten. Nach dem Rücktritt habe er sie bewundert: für ihren Mut, ihre Leidenschaft, ihre Entschiedenheit. Es geht also. Man kann zurücktreten, ohne dass es so aussieht, als ob man vom Hof gejagt wird. Man kann sein Amt aufgeben und doch sein Ansehen retten, manchmal gar mehren. Ein Rückzug aus innerer Souveränität – wünschen wir uns einen solchen Wesenszug nicht öfter?