Mode
Frankreichs Jugend trägt Lidl statt Gucci
In Sachen Schnäppchenjagd sind die Deutschen die ungekrönten Europameister. Doch die Konkurrenz ist groß und kommt nun von unerwarteter Seite. In Frankreich wird immer häufiger beobachtet, wie sich Menschen schon in den frühen Morgenstunden vor einer der 1500 Lidl-Filialen zusammenrotten. Ungeduldig am Einkaufswagen zerrend, warten sie auf die Öffnung der Geschäfte.
Die Jagd verläuft dies- und jenseits des Rheines ähnlich: Türen werden geöffnet, Leute stürmen in den Laden, hetzen durch die Regalreihen, um nur Minuten später selig lächelnd auf dem Parkplatz einen großen Karton mit einer Küchenmaschine oder einem Elektrogrill in den Kofferraum ihres Autos zu hieven.
Unschlagbar günstig
Die deutsche Lebensmittelkette Lidl hat es seit 1989 wie kein anderes Unternehmen geschafft, in den Franzosen die Kaufinstinkte zu wecken. Geglückt ist dem Unternehmen das über das Angebot von sogenannten Non-Food-Artikeln. Das Problem der Discounter in Frankreich ist, dass die Leute bereit sind, für Lebensmittel wesentlich mehr Geld auszugeben, als ihre deutschen Nachbarn. Es ist also schwieriger, die Kunden über Sonderangebote etwa für Milch, Wurst oder Wein in die Geschäfte zu locken.
Deshalb werden in regelmäßigen Abständen qualitativ hochwertige Gebrauchsartikel angeboten, die zu einem unschlagbar niedrigen Preis über den Ladentisch gehen. So schlägt das Unternehmen zwei Fliegen mit einer Klappe: Es werden nicht nur Kunden in die Filialen gelockt, die bei ihrem Besuch noch weitere Waren in den Einkaufskorb legen. In den Köpfen der Kunden setzt sich zudem das extrem gute Preis-Leistungs-Verhältnis fest.
Glück muss man haben
Auch in diesen Tagen wurde von den Schnäppchenjägern zum Halali geblasen. Ziel war eine Multifunktionsküchenmaschine, die in Windeseile ausverkauft war. Und der nächste Hype ist schon programmiert. Am 5. Juli liegen sehr spezielle, außerordentlich bunte Turnschuhe in den Regalen, die für unschlagbare 12,99 Euro angeboten werden und in Frankreich Kultstatus haben.
Im Reich des Marketings spielt allerdings auch Glück eine große Rolle. So erzählt Michel Biero, Chef-Einkäufer bei Lidl in Frankreich, dass er beim Bestellen der Turnschuhe befürchtete, dass diese ein Ladenhüter werden würden. Doch dann postete der ehemalige Fußballspieler Djibril Cissé auf Instagram ein Foto der Sneaker und schrieb dazu „ein riesiges Dankeschön“ und „wo Mama einkaufen war“. Als dann noch der populäre Rapper Booba in den sozialen Medien behauptete, sich diese Turnschuhe bestellt zu haben, brachen die Dämme und Michel Biero musste einige Zehntausend Paare nachordern.
Sozialkritische Komponente
Mit dem Hype um die Turnschuhe ist Lidl noch ein weiterer Coup gelungen, erklärt Pascale Hébel, Leiterin der Konsumabteilung des französischen Forschungszentrums Crédoc. Mit dem Verkauf von populären Textilien würden junge Menschen angesprochen, die nicht gerade zur typischen Zielgruppe gehörten. Die Wissenschaftlerin sieht sogar einen Strategiewandel bei dem deutschen Unternehmen. Die Filialen würden so umgestaltet, dass sie weniger wie große Lagerhäuser aussehen. Zudem würden gezielt sogenannte Influencer eingespannt, die die Produkte über ihre sozialen Kanäle bewerben und so neue Käuferschichten ansprechen.
Der Erfolg der Lidl-Sneaker hat in den Augen von Pascale Hébel sogar eine Art sozialkritische Komponente. Die Billigschuhe vom Discounter würden in bestimmten Kreisen zu einer Art Symbol stilisiert. Sie seien das ideale Objekt, mit dem sich der Träger gegen die Trends der klassischen Mode und überteuerten Nobelmarken stellen könne. Wer wirklich cool sein will, trägt also Lidl statt Gucci.