Panorama
Essen mit Kindern: Außer Kontrolle?
An alle, die regelmäßig oder vielleicht auch nur gelegentlich das große Vergnügen haben, eine Mahlzeit mit Kindern einzunehmen – dieser Text ist für Sie. Eins vorneweg: Dass ganz kleine Kinder, die rechts nicht von links unterscheiden können, grün nicht von gelb und einen Golf nicht von einem Mercedes, dass die auch keine „Tischregeln“ befolgen können, ist klar und soll hier nicht das Thema sein. Wir reden über ältere Kinder, sagen wir ab dem Vorschulalter. Über ein Alter, in dem es dem Nachwuchs durchaus zuzutrauen wäre, ein paar Minuten zumindest annähernd ruhig zu sitzen – was sie auch beim Malen oder in der Schule regelmäßig unter Beweis stellen. Am Esstisch aber – so scheint es jedenfalls – haben sie dann urplötzlich jede noch so kleine Regel vergessen und verhalten sich wie die Affen im Zoo.
Szenario eins: Das Essen zu Hause. In der Vorstellung ist die Sache mit den gemeinsamen Mahlzeiten eigentlich ganz einfach. Die Familie sitzt am Tisch. Alle haben Hunger, es wird gemeinsam gegessen. Jeder erzählt von seinem Tag, vielleicht wird gelacht, weil ein paar lustige Dinge erzählt werden. Alle benutzen ihr eigenes Besteck und trinken aus ihren Gläsern. Wenn alle satt sind, wird gemeinsam der Tisch ab- und aufgeräumt. Kein Hexenwerk also.
„Kinder! Es gibt Essen!“
Das ist der Punkt, an dem Eltern vermutlich jetzt nur milde lächeln. Das Problem beginnt bereits im ersten Satz: Die Familie sitzt am Tisch. Nun ja. Bis es so weit ist, wird drölftausendmal gerufen: „Kinder! Es gibt Essen!“ Bis geklärt ist, wer neben wem sitzt, ob das Glas für eine weitere Mahlzeit zu dreckig ist, die richtige Gabel am richtigen Platz liegt und der Ketchup diesmal „aber nur ausnahmsweise“ zum Rührei mit auf den Tisch darf, sind weitere fünf Minuten vergangen. Sie merken: Es ist kompliziert. Zumindest in vielen Familien.
Warum das so ist, das erklärt Nora Imlau. Sie ist Journalistin, Buchautorin für Familienthemen, Mutter von vier Kindern zwischen drei und 15 Jahren und kennt alle Facetten um das Thema Familienessen. Das „Grundproblem“: Gerade in Deutschland sei das Bild eines harmonischen Beisammenseins am Esstisch kulturell verankert: „Eine gemeinsame Mahlzeit mit der Familie am Tisch entspricht dem Bild im Kopf einer intakten und glücklichen Familie. Klappt das nicht, stellen viele Eltern sich und ihre Erziehung in Frage.“
Familienregeln aufstellen
Imlau möchte Druck aus den Familien nehmen und empfiehlt einen Blick in andere Länder: In Italien und anderen südeuropäischen Ländern werde nicht erwartet, dass Kinder dauerhaft ruhig am Tisch sitzen. „Das Essen in vielen Ländern hat eher einen Buffet-Charakter. Jeder nimmt sich das, was er möchte. Die Erwachsenen essen stundenlang, die Kinder bedienen sich, wenn sie Hunger haben“, erzählt Imlau. In den USA empfehlen die Kinderärzte und Kinderpsychologen eine gemeinsame Mahlzeit mit der Familie – pro Woche. Ansonsten werde das Essen dort oft vor dem Fernseher eingenommen. Gemeinsam oder getrennt, so wie es eben gerade passend ist. Allerdings: Nora Imlau sagt auch, dass dieses Verhalten durchaus kritisch zu sehen sei.
Wenn nun eine Familie für sich beschließt, dass gemeinsames Essen wichtig für sie als Familie sei, es aber ohne Meckern, Zanken und schlechte Stimmung am Tisch nicht klappt, dann bieten sich Familienregeln an. Ab dem Grundschulalter können Kinder diese Regeln mitformulieren und mitentscheiden. „Eltern sollten den Kindern keine Regeln aufzwingen. Wenn Kinder diese Regeln mitbestimmen dürfen, sind sie auch eher bereit, sie einzuhalten“, rät Imlau. Das kann dann aber auch bedeuten, dass ein Kind die Regel „es gibt jeden Tag Nudeln“ vorschlägt. Dann sollte über eine solche Regel genauso diskutiert werden wie über den Vorschlag: „Alle Kinder bleiben sitzen, bis alle anderen Kinder fertig gegessen haben.“ Ansonsten sei es für Kinder wichtig, beim Essen und am Esstisch klare Strukturen zu haben: Jeder hat seinen festen Platz, jeder hat seinen Teller, sein Geschirr und bei den Eltern sollte untereinander eine gewisse Klarheit über das Vorgehen herrschen.
„Dann ist halt mal der Mund beim Kauen offen“
Es ist sinnvoll das Thema Essen zunächst als Eltern ohne anwesende Kinder zu besprechen und dabei Fragen zu klären: Was ist jedem Elternteil wichtig und welches „Problem“ sollte zuerst angegangen werden? „Es ist unmöglich, alle Dinge auf einmal zu verändern. Eltern sollten mit einem Problem anfangen“, erzählt Imlau. „Dann ist eben mal der Ellenbogen auf dem Tisch oder der Mund beim Kauen offen, dafür bleibt das Kind bei den Mahlzeiten sitzen.“ Auch sie habe zu Hause immer wieder Mahlzeiten, bei denen es überhaupt nicht klappt. Dann sagt man zu sich und zu seinen Kindern: „Heute hat es nicht geklappt, morgen wird es wieder besser.“ Erwachsene müssen immer bedenken: Für Kinder bedeutet ein gemeinsames Essen ganz viel Impulskontrolle.
Beim zweiten Szenario, dem Essen im Restaurant, wird es oft noch ein bisschen komplizierter. Der Grund: Kinder und Köche sind unberechenbar. Manchmal kommt das Essen zügig, manchmal eben nicht. Manchmal verliert ein Kind vor Hunger die Nerven, manchmal eben nicht. Kommt eine Familie ins Restaurant, bekommt es oft direkt jeder Gast mit: Lautstark nehmen die Kinder ihre Plätze in Beschlag – oder versuchen es zumindest: „Am Fenster!“, „Neben der Mama!“, „Neben dem Papa!“, „Aber diesmal wollte ich neben dem Opa sitzen!“ Panisch kommt das Personal angeschossen und entfernt sofort jegliche Deko auf dem Tisch. Spätestens jetzt verdrehen manche anderen Gäste genervt die Augen. Und Nora Imlau kann das sogar verstehen: „Es klingt jetzt komisch, aber noch vor 30 Jahren war die Erziehung der Kinder anders und Kinder haben sich in der Öffentlichkeit angepasster verhalten“, sagt sie. Der Grund: Kinder fürchteten für sie unangenehme Konsequenzen, wenn sie sich nicht „brav“ oder angepasst verhielten. Hintergrund war nach Imlaus Ansicht eine andere Art von Erziehung – die Kinder wurden zwar nicht geschlagen, aber ihnen wurde suggeriert: Mama oder Papa haben mich nur lieb, wenn ich das tue, was sie sagen.
Ein Hörspiel hilft
Mittlerweile habe sich der Erziehungsstil grundlegend geändert. Kinder würden in einer angstfreien Umgebung aufwachsen und hätten heute eine sichere Bindung gegenüber ihren Eltern. „Wer sich sicher fühlt, der verhält sich so, wie er sich gerade fühlt. Er schimpft, schreit, tobt oder brüllt – auch im Restaurant“, sagt sie. Wenn Kinder sich so verhalten, zeigen sie gegenüber ihren Eltern, dass sie keine Angst vor ihnen haben, behauptet Imlau – und das sei unglaublich kostbar für die Eltern-Kind-Beziehung. Auch wenn ein „freches“ Kind im Restaurant vielleicht in dem Moment unpassend erscheint.
Deswegen hat Nora Imlau ein paar Tipps für einen entspannten Besuch im Restaurant: Im Sommer bieten sich Biergärten mit Spielplätzen an, oft kann man das Essen telefonisch vorbestellen oder gar den Lieferservice nutzen und erst gar nicht im Restaurant essen. Ansonsten nimmt auch sie gerne ein Puzzle, Bücher und kleine Spiele mit in die Wirtschaft. Und auch wenn die Oma lieber ins Nobelrestaurant möchte, ist die Pizzeria um die Ecke vielleicht doch die bessere Wahl. Muss es doch mal die Edelgastronomie sein, weil die Oma 70 wird und das ihr großer Wunsch ist, dann kann man den Kindern erzählen, dass sie Prinz und Prinzessin spielen und ganz fein speisen gehen.
Und wenn es gar nicht mehr geht, plädiert die Expertin für pragmatische Lösungen: „Dann gibt es eben das Hörspiel oder die Serie im Restaurant, wenn das Kind an diesem Ort leise sein muss“, sagt sie. Eine Grundidee: die Umgebung an das Kind anpassen und nicht das Kind an die Umgebung. Weil Kinder eben Kinder sind. Mittlerweile geht Nora Imlau mit ihren beiden großen Kindern, zwölf und 15 Jahre alt, wieder entspannt ins Restaurant und sie rät insgesamt zu mehr Gelassenheit am Familienesstisch, den Ist-Zustand zu Hause anzunehmen und daran zu denken: „Es ist alles eine Phase.“
Zur Person: Nora Imlau
Als Journalistin und Fachautorin hat die 39-Jährige etliche Bücher und viele Artikel über Familienthemen veröffentlicht. In Vorträgen und Workshops wirbt sie für ein bindungs- und beziehungsreiches Familienleben. Sie hat vier Kinder und lebt mit ihrer Familie in Süddeutschland. st