Meinung DSDS: Die Vergangenheit als Zufluchtsort

Seit 2002 moderiert Dieter Bohlen die Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“.
Seit 2002 moderiert Dieter Bohlen die Castingshow »Deutschland sucht den Superstar«.

In unsicheren Zeiten wird Nostalgie zur Komfortzone – auch im Fernsehen. Warum Formate wie „Deutschland sucht den Superstar“ davon profitieren.

Die Welt ist kompliziert geworden. Inflation, Kriege, ein Dauerkrisenmodus – da liegt es nahe, sich in leichtere Zeiten zurückzuträumen, in Momente, in denen alles irgendwie einfacher schien. Kein Wunder also, dass Nostalgie Konjunktur hat, ob in der Mode, in der Musik oder im Fernsehen. Der Charme der Vergangenheit wird gerne als Fluchtpunkt inszeniert. Und genau hier setzt die Fernsehsendung „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) an, die in diesem Jahr mit einer neuen Staffel die Bildschirme füllt.

Denn DSDS ist längst mehr ein Ritual als ein tatsächlicher Wettbewerb. Die Zuschauer wissen genau, was kommt: fiese Jury-Sprüche, Popstar-Träume und kalkulierte Dramen. Genau diese Verlässlichkeit scheint der Reiz zu sein. Und obwohl die Sendung schon oft totgesagt wurde, lief sie einigermaßen solide an – laut dem Branchendienst DWDL schalteten am vergangenen Dienstag im Schnitt immerhin fast zwei Millionen Menschen ein.

Wettbewerb wird zur Nebensache

DSDS verkauft dem RTL-Publikum längst kein Versprechen auf Zukunft mehr, sondern ein Gefühl von gelebter Vergangenheit. Vertrautheit schlägt Erneuerung, Wiederholung wird zur Komfortzone. Bohlen wird zum Anker. In einer Zeit permanenter Umbrüche wirkt das beruhigend auf viele Zuschauer. Social-Media-Influencer schwärmen bei der Premiere der aus der Zeit gefallenen Fernsehsendung, wie sehr DSDS ihre eigene Kindheit und Jugend geprägt hat – als ließe sich ein Lebensgefühl einfach wie ein alter Fernseher wieder einschalten. Reality, Drama und Tränen: alles live serviert – doch der eigentliche Wettbewerb um den Sieg ist dabei über die Jahre längst zur Nebensache geworden.

Denn Nostalgie hat ihre eigene Logik. Sie fragt nicht, ob etwas noch funktioniert, sondern nur, ob es sich bekannt anfühlt. Und so wird aus einem überholten Konzept einer Fernsehsendung ein vermeintlicher Klassiker, aus einem Castingformat ein Stück Erinnerungskultur.

Nur: Das Konzept ist längst auserzählt. Man sagt, man solle aufhören, wenn es am schönsten ist. Für DSDS kommt dieser Zeitpunkt wohl einige Staffeln und Jahre zu spät. Doch vielleicht liegt die Faszination bei DSDS eben genau darin, dass es schon lange nicht mehr darum geht, wer tatsächlich Superstar wird, sondern darum, wie lange das Format noch existieren kann, bevor selbst die Nostalgie auf den Aus-Knopf drückt.

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