Meinung Die KI hört wenigstens zu
Eine Mutter, die innerhalb von drei Sekunden antwortet. Ein Vater, der nie „Bin in einer Besprechung“ schreibt. Eine Schwester, die sich tatsächlich merkt, was man ihr vor drei Monaten erzählt hat. Und Freunde, die auf „Wie gehts dir?“ nicht mit „sorry, eben erst gesehen“ drei Tage später reagieren. Diese Traumvorstellung von Familie scheint für viele junge Menschen inzwischen Wirklichkeit geworden zu sein, und zwar in Form von KI-Chatbots.
Laut einer Umfrage der Krankenkasse Pronova BKK „plaudern“ rund 40 Prozent der jungen erwachsenen KI-Nutzer lieber mit künstlicher Intelligenz als mit Verwandten. Und ehrlich gesagt: überraschend ist das nicht. Die KI hört immer zu. Sie hat immer Zeit. Sie antwortet freundlich, strukturiert und ohne abgehetzte Sprachnachricht, die unterwegs neben einer vielbefahrenen Straße aufgenommen wurde. Sie sagt nicht: „Nun stell dich nicht so an“, sondern: „Das klingt belastend.“ Sie bewertet nicht und das Beste überhaupt: Sie widerspricht selten bis gar nicht.
Für echte Gespräche bleibt wenig Zeit
Verhält sich die KI also inzwischen schon höflicher als Menschen? Denn alle scheinen im Dauerstress zu sein, keine Zeit für echte Gespräche zu haben. Und dann werden vielleicht sogar noch Wahrheiten ausgesprochen, die man nicht hören will. Denn Menschen wiedersprechen nun einmal. Die KI dagegen scheint die perfekte Gesellschaft für eine Zeit, in der jeder erschöpft ist. Sie ist immer erreichbar.
Experten warnen allerdings davor, dass damit soziale Fähigkeiten verkümmern könnten. Weil wir an Widerspruch wachsen, an Unsicherheit, an echten Gesprächen. Nicht an einer Maschine, die unsere Sicht der Dinge höflich abnickt.
Doch KI-Chatbots könnten auch ein Vorteil für einsame Menschen sein, die damit „das Gefühl von sozialer Leere reduzieren können“. Vielleicht sollte uns neben der zunehmend fehlenden Bereitschaft, andere Ansichten zuzulassen, also vor allem beunruhigen, dass offenbar immer weniger Menschen das Gefühl haben, dass ihnen wirklich zugehört wird oder jemand Verständnis zeigt. Am Ende ersetzt die KI nicht den Menschen, sondern etwas, das im Alltag selten geworden ist. Die eigentliche Zukunftsfrage ist damit nicht, wie intelligent KI-Systeme noch werden sollen. Sondern ob Menschen wieder lernen, füreinander präsent zu sein – auch dann, wenn jemand anderer Meinung ist.