Österreich RHEINPFALZ Plus Artikel Aus für „Gletscher-Ehe“: Fünf Stimmen bringen Superskigebiet zu Fall

Die Wildspitzbahn im Pitztal ist die höchste Seilbahn Österreichs. Eine Zusammenlegung des Skigebiets mit dem im Ötztal wird es
Die Wildspitzbahn im Pitztal ist die höchste Seilbahn Österreichs. Eine Zusammenlegung des Skigebiets mit dem im Ötztal wird es nun aber wohl nicht geben.

Die Macht der Seilbahnbetreiber bröckelt. Die Menschen in Tirol nehmen den Raubbau an der Natur zugunsten profitabler Großprojekte nicht mehr widerspruchslos hin.

Das Ergebnis hätte auch anders aussehen können. Ganze fünf Stimmen entschieden in der Tiroler Tourismusgemeinde St. Leonhard bei einer Abstimmung am Sonntag über das Schicksal eines gigantischen Projekts: die Zusammenlegung der Gletschergebiete in Ötz- und Pitztal zu einem einzigen Skigebiet. Von den 701 gültigen Stimmen lauteten 348 auf Ja, 353 auf Nein. Die „Gletscher-Ehe“, wie Tiroler Tourismusmanager das als hochprofitabel geltende monströse Vorhaben mit falschem Pathos nannten, ist damit vorerst gescheitert.

Doch Elmar Haid, Bürgermeister des auf 1783 Meter Meereshöhe gelegenen St. Leonhard im Pitztal, will nicht klein beigeben. Er sieht in dem Ergebnis keine klare Entscheidung, allenfalls „eine Pattstellung“. Der Politiker – er gehört der konservativen ÖVP an, die auch den österreichischen Bundeskanzler stellt – verweist auf einen einstimmigen Gemeinderatsbeschluss für das Großprojekt, der laut Gesetz auch umgesetzt werden müsse. „Wir haben hier sieben Monate im Jahr Winter, wir sind eine Tourismusgemeinde und müssen in die Zukunft schauen“, sagte Haid im österreichischen Rundfunk.

Wirklich schneesicher trotz Klimawandel?

Doch überraschenderweise scheinen die betroffenen Seilbahnbetreiber, die gewöhnlich mit der Lokalpolitik eng verflochten sind, eher geneigt, das Ergebnis der Volksabstimmung zu akzeptieren. So heißt es in einer offiziellen Stellungnahme der Pitztaler Gletscherbahnen: „Für uns steht fest, dass wir das Projekt nicht mehr weiterverfolgen werden.“ Auch Jakob Falkner, Geschäftsführer der Söldener Bergbahnen, bedauert als leidenschaftlicher Befürworter zwar das knappe Nein, mit dem „eine große Zukunftschance vertan“ werde, will es aber respektieren.

Geboren wurde die Idee, die beiden Gletscherskigebiete zusammenzulegen, im Jahr 2016. Wegen des Klimawandels wollten Seilbahnbetreiber und Touristiker den Skitourismus in höhere Lagen versetzen, um Wintergästen weiterhin Schneesicherheit und zugleich die Attraktion eines grenzenlosen Freizeitvergnügens zu bieten. Geplant waren bereits drei zusätzliche Gondelbahnen, die Erweiterung der Pisten um 64 Hektar und ein gemeinsames Seilbahnzentrum.

Umweltschützer schlugen umgehend Alarm. Im Zeitalter schmelzender Gletscher sei ein Großprojekt dieser Art anachronistisch: „Es geht nicht nur um den Schutz von Gletschereis, sondern um den Schutz hochalpiner Landschaften per se“, sagte Gerd Estermann von der Bürgerinitiative „Feldring“ der österreichischen Presseagentur APA. Eine Vereinigung der Skigebiete hätte eine wenig berührte Landschaft mit einer Unzahl bis zu 80 Meter hoher Seilbahnstützen verschandelt. Estermann, der auch die Volksbefragung unterstützte, sammelte 168.000 Unterschriften gegen das Gletscherprojekt – bei 750.000 Einwohnern Tirols eine erstaunliche Anzahl.

90 Skigebiete, 1000 Liftanlagen, 5000 Hektar Pisten

Über 40 Gutachten ließen Befürworter und Gegner des Projekts in den vergangenen sechs Jahren erstellen, um letztlich doch die Entscheidung an die Bevölkerung einer der Projektgemeinden zu delegieren. Nach der Ablehnung des Supergletscherprojekts hoffen die Umweltschützer auf die Grünen, die in Tirol mitregieren, dass sie die nötigen Reformen vorantreiben. „Die Stimmung ist gekippt“, glaubt Estermann, darüber könnten „auch die etablierten Parteien nicht mehr hinwegsehen“.

Man sollte meinen, dass Österreichs Touristenhochburg ohnehin nahezu vollständig erschlossen ist. Derzeit gibt es in Tirol, das kleiner ist als Schleswig-Holstein, rund 90 Skigebiete, über 1000 Liftanlagen und nahezu 5000 Hektar befahrbare Pisten. Manches frühere Bauerndorf, allen voran Ischgl, erblühte zu einem Hotspot der hochalpinen Vergnügungsindustrie, der zuletzt der Coronavirus zusetzte und nunmehr der Klimawandel deutlich die Grenzen aufzeigt.

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