Panorama RHEINPFALZ Plus Artikel Abgetauchte Stummfilm-Diva: Hedda Vernon war ein gefeierter Star, dann verschwand sie. Wohin?

Hedda Vernon war ein Star, als die Bilder laufen lernten. Doch früh geriet sie in Vergessenheit. Ihr Leben blieb verborgen im Ne
Hedda Vernon war ein Star, als die Bilder laufen lernten. Doch früh geriet sie in Vergessenheit. Ihr Leben blieb verborgen im Nebel, der sich nun zu lichten scheint.

Hedda Vernon war einmal ein bedeutender Filmstar. Vor 100 Jahren. Danach geriet sie trotz ihrer enormen Popularität in Vergessenheit. Ihr späteres Schicksal ist unbekannt. Jetzt ist das Rätsel um die Stummfilm-Diva offenbar gelöst.

In der Filmgeschichte ist Hedda Vernon ein Phantom: stets präsent, aber nie fassbar. Schon 1935 wurde sie im Standardwerk „Vom Werden deutscher Filmkunst“ als Repräsentantin einer vergangenen Epoche geschmäht: „Von Kunst konnte vorläufig keine Rede sein.“ Der Schriftsteller Curt Riess ätzte 1956 in seiner Filmgeschichte „Das gab’s nur einmal“, sie sei „der blonde, ein bisschen verschminkte, gefeierte Star“ gewesen, der „Kitsch in allen Nuancen spielt“. Der „Spiegel“ listete sie 1950 in einem „ganzen Sortiment vergessener Größen“ auf, deren „Namen mit dem Zelluloid vergilbt“ waren.

So blieb von Hedda Vernon nur eine vage Erinnerung aus der Frühzeit des Stummfilms. Zwar lechzte das Publikum damals schon nach atemloser Action, plakativer Erotik, derbem Klamauk und großen Gefühlen. Die Ausdrucksmittel erscheinen gröber: Augenrollen und Händeringen drückten Melodramatik aus, theatralische Gesten ersetzten die Dialoge, dick aufgetragenes Pathos sollte emotionale Gefühligkeit darstellen. In Sachen Erotik war man noch wilhelminisch prüde, aber bereit zur (meist) dezenten Präsentation nackter Haut.

Exotisches Pseudonym, geheimnisvolle Diva

Immerhin gab Hedda Vernon schon 1920 auf die Frage, wie sie zum Film gekommen sei, die doppeldeutige Antwort: „Per Beine.“ In einem autobiografischen Beitrag zum Büchlein „Die Frau im Film“ ergänzte sie: „Als ich schließlich da war, schimpfte der Regisseur, weil ich zu spät kam; und als ich ihm was vorspielte, schimpfte er noch mehr. Aber als der Film herauskam, klatschte das Publikum.“

Fan-Magazine der 1920er, die ausführlich übers Privat- und Liebesleben der Idole berichteten, beschränkten sich auf Huldigungen und Jubelarien. Wie es dem Klischee eines extravaganten Stummfilm-Stars entsprach, gab sich Hedda Vernon das Image der rätselhaft-geheimnisvollen Diva. So blieb unbekannt, wer sich hinter dem exotischen Pseudonym verbarg.

Aus Hedwig wird Hedda

Vermutlich hieß sie in Wahrheit Hedwig Klara Kemp und wurde am 27. Oktober 1888 in Rummelsburg in Pommern als Tochter eines Brauereibesitzers geboren. Das geht aus einer Heiratsurkunde hervor, die auf Wikipedia zitiert und ihr zugeordnet wird. Demnach ging sie 1917 in Berlin ihre zweite Ehe ein. Denn im Eintrag heißt sie Heese, geborene Kemp. Von ihrem ersten Mann, einem Arzt aus Kolberg, war sie 1914 geschieden worden.

Bei ihrer ersten Heirat 1912 war Hedwig Kemp laut Urkunde „ohne Beruf“. Die Schauspielerin Hedda Vernon wurde im selben Jahr von der Berliner Produktionsfirma Bioscop unter Vertrag genommen, ihre ersten Filme, „Die Papier-Spur“ und „Die rote Jule“, kamen im Dezember 1912 heraus. Im folgenden Jahr erschien sie in „Menschen und Masken“ unter der Regie von Harry Piel, der später in sensationellen Abenteuergeschichten selbst vor die Kamera trat. Hier spielte Ludwig Trautmann die Hauptrolle, ein Top-Star jener Zeit auch er, aufgewachsen an der Weinstraße.

Filme wie am Fließband

Außerdem auf der Besetzungsliste: der Darsteller und Regisseur Hubert Moest, der in vielen Nachschlagewerken fälschlicherweise als Ehemann von Hedda Vernon geführt wird. Moest war ihr Regisseur und Geschäftspartner, und Hedda Vernon wurde binnen kürzester Zeit zum Liebling des Publikums. 1914 gründete sie eine eigene Firma, ließ sich aber auch von anderen Gesellschaften engagieren. Auf dem Regiestuhl saß fast immer Moest, während Hedda Vernon mitunter am Drehbuch mitarbeitete.

Die Schauspielerin drehte Filme wie am Fließband. Ihr Ausstoß umfasste alberne Lustspiele wie „Die Perle“ (1914) und grimmige Melodramen nach Art des Schicksalromans „Zofia“ (1915), in dem die fast 30-Jährige ein Mädchen spielt, das im Krieg zur Waisen wird. Die Dirnengeschichte „Das Frauenhaus von Brescia“ wurde 1920 von der britischen Zensur wegen des anrüchigen Themas verboten. Daneben spielte sie wagemutige Detektivinnen („Die roten Schuhe“, 1917), entsagende Soldatenbräute („Das Eiserne Kreuz“, 1914), untreue Ehefrauen („Seine Beichte“, 1920), verderbte Kurtisanen („Blondes Gift“, 1919) und die historische „Lady Godiva“ (1921), aber auch eine reiche Dame von Welt („Manolescus Memoiren“, 1920).

Auf einmal verschwunden

Im Reißer „Der Reiter ohne Kopf“ agierte sie 1921 noch einmal an der Seite von Harry Piel. Jetzt war er es, der im Zentrum stand, während Hedda Vernon allmählich in Nebenrollen abwanderte. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Filmmarkt internationaler, Hollywood-Importe bekamen einen ungeahnten Stellenwert. Neue Stars zogen die Zuschauergunst auf sich. Hedda Vernon, die ungekrönte Königin des Kommerzfilms, rückte in den Hintergrund. Nach ihrem Auftritt in dem Film „Zwischen zwei Frauen“, der im Frühjahr 1925 in die Kinos kam, scheint sie nie mehr in einem Spielfilm mitgewirkt zu haben.

Zwar druckten Filmzeitschriften bis in die 1930er-Jahre Leserfragen nach ihrem Verbleib ab. Das österreichische Magazin „Mein Film“ antwortete 1932 knapp: „Hat geheiratet.“ Die „Neue Freie Presse“ meldete 1929: „Juli in Gastein. Auf den Promenaden sichtet man täglich neue interessante Besucher wie (…) Filmstar Hedda Vernon.“ Dagegen schrieb das „Neue Wiener Journal“ 1928 unter der Überschrift „Untergegangene Filmsterne“: „Manche Darstellerin hat den großen Rollen Lebewohl sagen müssen, weil die erste Blüte der Jugend vorüber war. (…) Hedda Vernon (ist) aus diesem Grund stark in den Hintergrund getreten.“

Sie stürzte aus strahlenden Höhen in absolutes Vergessen. Recherchen im Bundesarchiv und im Deutschen Institut für Filmkunde blieben ebenso ergebnislos wie Anfragen bei der Stiftung Deutsche Kinemathek und dem einstigen Filmarchiv der DDR. Helfen konnten weder der allwissende Kino-Enzyklopädist und RHEINPFALZ-Mitarbeiter Erdi Holsiepe (1959 bis 2017) noch die Datenbank des Hamburgischen Cinegraph-Zentrums für Filmforschung, auch nicht die feministische Filmgeschichtsschreibung. Vermutungen, sie könnte ein Opfer des Nazi-Terrors geworden sein wie die Mannheimer Stummfilm-Aktrice Sybill Morel, führten ins Nichts. Der Suchdienst des Roten Kreuzes konnte nicht helfen, solange der wahre Name der Verschwundenen unbekannt war.

Eine neue Spur: Autorennen

Vor wenigen Wochen tauchte im Internet der Verweis auf die zweite Eheschließung der Hedwig Heese, geborene Kemp, auf, die 1917 ihren Kollegen Ernst Hofmann heiratete. Zeitgleich erhielt der „Welt“-Redakteur Hanns-Georg Rodek eine Kopie des Standesamtseintrags von 1912, während der Schweizer Sammler Thomas Staedeli einen kurzen Eintrag im Netz postete.

Nach ihrer Karriere, erfuhr Staedeli von einem ehemaligen Nachbarn, soll sie bei Autorennen angetreten sein. Auf dem Heimweg von einem Pistensieg sei sie in der Schaufensterscheibe eines Zürcher Geschäfts gelandet: „Sie begründete den Vorfall humorvoll damit, dass die vielen Blumen, die man ihr in den offenen Wagen warf, sie mit ihrem Duft betört hätten.“

Mehrere Ehen und ein Golflehrer

Nach Angaben Staedelis trat der Ex-Star noch öfter vor den Standesbeamten. Demnach heiratete sie den Industriejuristen Walther Waldschmidt, von dem sie „einen größeren Aktienanteil an dessen Firma Knorr-Bremse AG erbte“. Der bekannte Manager und Politiker starb 1932 in der Schweiz. Eine weitere Heirat soll ihr den Namen Polidoro eingetragen haben, ehe sie schließlich den Golflehrer Anjo Lacinik geehelicht habe. „Mit den letztgenannten Ehepartnern lebte sie im Kanton Luzern“, postete Staedeli. Details konnte er auf Nachfrage nicht nennen.

Licht ins Dunkel brachte jetzt ein Auskunftsersuchen der RHEINPFALZ am SONNTAG bei der Gemeindeverwaltung Luzern. Im dortigen Einwohnerregister findet sich der Vermerk: „Hedwig Lacinik ist am 10. August 1961 in München gestorben.“ Das Rätsel scheint gelöst. Sofern Hedwig Kemp, Hedda Vernon und die 1961 verstorbene Schweizerin ein und dieselbe Person sind.

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