Gaststätten
15 Jahre danach: Was macht „Mister Rauchverbot“ heute?
Vor 15 Jahren, am 4. Juli 2010, hat es in Bayern eine Volksentscheid gegeben, der dazu führte, dass Bayern als erstes deutsches Bundesland das Rauchen in Gaststätten verboten hat. Sie waren der Initiator und das Gesicht der Anti-Rauch-Bewegung. Wie oft werden Sie heute noch erkannt?
Ich lebe mehr oder weniger im Ausland, in Wien, und bin eher selten in Bayern. Aber es passiert immer wieder, dass Leute mich erkennen und mit mir ins Gespräch kommen wollen. Gerade, wenn ich in Bayern unterwegs und dort in Gaststätten bin, sagen sie: „Echt, Du bist der? Dann bist eingeladen auf das Essen.“ Es gibt eigentlich sehr positive Reaktionen, wenn ich mal wieder in Bayern unterwegs bin.
Es ist also gerade andersherum als vor 15 Jahren – wo Ihnen eine Welle des Hasses entgegenschlug.
Ja, heute überwiegt das Positive. Ich bekomme im Jahr immer noch 100 bis 200 Dankesschreiben. Und es sind immer wieder Leute dabei, die sagen: „Mein Gott, das war damals für mich die Initialzündung, Nichtraucher zu werden.“ Oder Wirte, die sagen: „Man kann sich's heute gar nicht mehr anders vorstellen.“
Sie sind als „Nichtraucher-Nazi“ beschimpft worden und haben Morddrohungen bekommen, weil Sie und die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP), deren Bundesvorsitzender Sie von 2010 bis 2014 waren, über den Volksentscheid erreicht haben, dass bayerische Gaststätten und Festzelte rauchfrei sind. Sie haben gesehen, wie asozial Menschen im Umgang miteinander sein können. Hat das Ihr Menschenbild verändert?
Mein Menschenbild hat sich durch die Nichtrauchergeschichte nicht großartig verändert. Ja, ich habe sehr viel Hass abbekommen, aber ich konnte damit umgehen, weil ich es einordnen konnte, und weil ich wusste, dass das nicht gegen mich persönlich gerichtet ist, sondern dass es ein genereller Frust ist, den die Menschen an mir abgelassen haben. Ich glaube, ich war einer der Ersten, den man so übers Internet mobben konnte. Schwieriger war der Umgang innerhalb der eigenen Partei. Ich habe damals als Bundesvorsitzender der ÖDP intern sehr viele Veränderungsprozesse angestoßen. Und da habe ich innerparteilich Gegenwind bekommen, der weit unter der Gürtellinie war. Das hat mich eher erschüttert.
Was war der Grund dafür, dass Sie von den Parteikollegen derart angegangen worden sind?
Im Grunde genommen war es, dass ich die Partei digitalisiert und ins Internet geführt habe und eine Chance hatte, ins Europaparlament zu kommen. Die ÖDP (und andere kleinere Parteien, Anmerkung der Redaktion) hat 2014 die Klage vorm Bundesverfassungsgericht gewonnen und die Drei-Prozent-Hürde für die Europawahl ist gefallen. Innerparteilich ist es um Macht und Machterhalt gegangen: Ich wäre als Spitzenkandidat gehandelt worden, aber man hat intern ein Komplott geschmiedet, das dazu führte, dass ich nicht Spitzenkandidat wurde, sondern jemand anders.
Sie waren damals Ende 20, Student und Stadtrat im niederbayerischen Passau. Was bewegt Sie im Alter von 43 Jahren?
Ich habe mich jahrelang aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, auch weil ich in Passau gelebt habe, und dort – auch von meiner ehemaligen Partei – massiv gemobbt wurde und mehr oder weniger dazu aufgefordert wurde, die Stadt zu verlassen. Mittlerweile bin ich wieder aktiv, allerdings auf einer anderen Ebene. Ich bin Präsident der weltweiten Gästeführervereinigungen, der World Federation of Tourist Guide Associations. Dort versuche ich, Veränderungsprozesse anzustoßen. Wir versuchen, zwischen Staaten, die nicht mehr miteinander kommunizieren, einen Ausgleich zu finden und die Kontakte auf der touristischen Ebene zu halten – also im Iran-Israel-Konflikt, Nordzypern, Zypern, Serbien und Kosovo. Und ich wirke an der Ausbildung von Gästeführern mit. Ich betreibe in Wien ein Bildungsinstitut für touristische Dienstleistungen und bin bei allem, was mit Erlebnisinszenierungen zu tun hat, als Unternehmensberater oder Keynote-Speaker aktiv.
Der Weltverband der Gästeführervereinigungen hat 200.000 Gästeführer aus über 50 Staaten als Mitglieder – was sind Themen, die Sie dort beschäftigen?
Wir beschäftigen uns mit der Frage, welche ethische Verantwortung Gästeführer haben. Gerade jetzt, wo es immer mehr Rechtspopulisten gibt, stellt sich die Frage: Wie reden wir in unseren Touren drüber? Wie reden wir mit Gästen über die Vergangenheit? Ich war Anfang des Jahres auf einer Konferenz in Amerika und habe dort über die Gästeführer-Ausbildungen in Zeiten von Trump und Musk gesprochen. Es ist unsere ethische Verantwortung, auch schwierige Themen wie Rassismus und die Geschichte der Schwarzen in Amerika anzusprechen.
Was raten Sie Gästeführern in den USA?
Wir müssen über Missstände aufklären und politisch schwierige Themen ansprechen. Wir sollten nicht nur Halligalli-Führungen machen, sondern auch ganz klar einen Bildungsauftrag erfüllen. Das heißt: Die Gästeführer sollten in Amerika weiterhin sagen, dass Trump und Musk eine Grundlage des menschlichen Zusammenseins verlassen haben und sie sollten infrage stellen, ob diese die Menschenrechte, Stichwort Gleichheit, eigentlich noch anerkennen.
Wir Menschen aus Demokratien wollen oft hören, dass Gästeführer ihre Diktaturen-Staaten kritisieren. Aber diese haben mitunter Mithörer von der Staatssicherheit und könnten Riesenprobleme kriegen. Wie schwer ist es als Touristenführer, den Erwartungen der Gäste gerecht zu werden und sich gleichzeitig nicht selbst in Gefahr zu bringen?
Wir haben zwei Themen: Zum einen ist es so, dass manche Gästeführer solche Themen einfach nicht ansprechen wollen. Ich selber mache auch Führungen im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen bei Linz, und habe dort auch viele Republikaner als Gäste. Ich ziehe Vergleiche in der Sprache von Trump zu Hitler und spreche über Ideologien, die dahinter stecken. Das wollen viele nicht und sagen: „Nein, wir müssen unpolitisch sein und sollen das auch in der Ausbildung nicht ansprechen.“ Und da sage ich klar: Doch, es ist unser Auftrag und unsere ethische Verantwortung, das anzusprechen. Und ja, das andere, was Sie gesagt haben, ist vollkommen richtig: Wir haben zurzeit beispielsweise einen schwierigen Draht zu unseren Mitgliedern und Kollegen in Russland. Da merkt man stark: Sie stehen sofort unter Verdacht, ausländische Agenten zu sein, wenn sie mit uns kommunizieren. Wir müssen hier sensibel agieren, gleichzeitig merken wir aber auch, dass der Druck der Gemeinschaft sehr groß ist, zu sagen: „Alle Russen sind böse“ – und eben nicht zu differenzieren und zu sagen: „Vielleicht können die russischen Kollegen gerade nicht anders.“ Trotzdem den Dialog aufrechtzuerhalten, ist sehr schwierig. Das ist beim Iran gerade ein bisschen anders: Wir haben sehr viele iranische Kollegen, die sehr kritisch waren, und zu denen wir momentan keinen Kontakt mehr haben, etwa weil das Internet unterbrochen ist. Wir versuchen trotzdem dem Kontakt zu halten und sie zu ermutigen.
Die Serie
In unserer Serie „Zeitreise“ wollen wir Persönlichkeiten neu vorstellen – um einen Rückblick und eine Vorausschau zu wagen, um eine andere Seite von ihnen vorzustellen oder weil man einige Zeit nichts von ihnen gehört zu haben glaubt. Die bisherigen Folgen finden Sie auf rheinpfalz.de/zeitreise.