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Sonntag, 25. Februar 2018 Drucken

Zeitgeschehen

Warum wir lachen

Von Rolf Gauweiler

Lach doch mal.

Lach doch mal. (Symbolfoto: dpa)

Lachen ist eine komplexe emotionale Ausdrucksform. Schon Babys lächeln uns an, Psychologen halten es für das menschliche Signal der Begrüßung schlechthin. Und Lachen vertreibt die Furcht.

Die sechs Frauen laufen im Dachstübchen des Hauses der Arbeiterwohlfahrt im südpfälzischen Jockgrim im Kreis und klatschen in die Hände. Sie stellen sich vor, sie gingen nach dem Aufstehen ins Bad, verschlafen und mürrisch, noch nicht bereit für den neuen Tag. Kursleiterin Simone Buchwald sagt, sie sollen sich jetzt mit Lachcreme einschmieren. Alle reiben sich mit konzentrischen Kreisbewegungen das Gesicht, watscheln durch den Raum wie Pinguine. Und alle lachen los. Sie kichern nicht, sie schmunzeln nicht. Sie schütten sich geradezu aus vor Lachen.

Keine Männer

 

Der Jockgrimer Lachclub trifft sich zweimal im Monat. Er ist kein typisch deutscher Verein mit Schriftführer und Kassenwart. Wem zum Lachen zumute ist, kommt vorbei. Männer sieht man in dem lustigen Kreis nicht. Vielleicht können sie ja nicht so gut aus sich herausgehen, vermuten die fröhlichen Damen. Lachclubs wurden nicht in der Pfalz erfunden, obwohl dieser Menschenschlag prädestiniert dafür sein könnte. Im Jahr 1995 gründete sich der erste Lachclub in Indien. Inzwischen gibt es mehr als 6000 weltweit. Sie feiern stets am ersten Sonntag im Mai den Weltlachtag. Pünktlich um 14 Uhr schicken dann die Mitglieder eine Minute lang ein globales Gelächter für den Weltfrieden in den Himmel.

Simone Buchlaub ist die Seele des Jockgrimer Lachclubs. Wenn die zertifizierte Lach-Yoga-Leiterin über die Technik spricht, mit der sie Leute zum Lachen bringt, sprudelt es geradezu aus ihr heraus. Und die Skepsis ihres Gesprächspartners, man könne doch nicht auf Kommando lachen, fegt sie mit einem breiten Lächeln vom Tisch. Beim Lachyoga soll der Mensch über die motorische Ebene zum Lachen kommen; ein anfangs künstliches soll in ein echtes Lachen übergehen. Diese Übungen sind gesund, sagt Buchlaub. Denn Lachen regt Herz und Kreislauf an, löst Verspannungen, beugt Depressionen vor, reduziert Stresshormone und verbessert die allgemeine Grundstimmung. Auch Schmerzen werden einfach weggeprustet, weil dabei entzündungshemmende und schmerzstillende Substanzen freigesetzt werden. Das alles lehrt uns die Gelotologie, die Wissenschaft vom Lachen, die diese Phänomene seit 1964 untersucht.

Zu Tode gelacht

 

Lachen bewegt den Menschen, weil es seinen ganzen Körper bewegt. Lacht jemand, geraten im Gesicht 17 und am Körper sogar 80 Muskeln in Schwingung. Die Augenbrauen heben sich, die Nasenlöcher weiten sich, der Jochbeinmuskel zieht die Mundwinkel nach oben, die Augen verengen sich zu Schlitzen, der Atem geht schneller, der Puls rast, die Luft schießt mit bis zu 100 Stundenkilometern durch die Lungen, die Stimmbänder schwingen. Aber die Muskeln an den Beinen erschlaffen, weshalb ein Heiterkeitsanfall im Stehen dazu führen kann, dass man vornüber kippt. Auch die Blasenmuskulatur entspannt sich – daher kommt wohl auch die Redensart „ich hab mir vor Lachen in die Hosen gepinkelt“.

Im Extremfall kann Lachen sogar töten. Der 50-jährige Alex Mitchell, ein Maurer aus Norfolk in Großbritannien, der an Herzrhythmusstörungen litt, lachte bei einer Folge der Comedy-Fernsehserie „The Goodies“ eine halbe Stunde lang und sank mit heiterer Miene tot im Sessel zusammen. Der Joker, der Gegenspieler Batmans, tötet seine Opfer durch ein Lachgift, durch das diese sich totlachen und grinsend hinscheiden. Jack Nicholson hat die Rolle des Bösewichts wunderbar verkörpert.

Gesellschaftliches Schmiermittel

 

Der Mensch kann jedenfalls lachen ohne eine Frohnatur zu sein oder über eine besonders üppige Portion Humor zu verfügen. „Fake it, until you make it“, frei übersetzt „tu so als ob, bis es echt wird“, ist eine praktische Anweisung in Lachyoga-Stunden. Der Mensch, so sagt es Simone Buchlaub, versetzt sich Schritt für Schritt zurück in eine kindliche Verspieltheit. Denn schon Säuglinge, die erst sechs bis acht Wochen alt sind, reagieren mit einem Lächeln auf ihre Umwelt. Auch können Neugeborene eine bestimmte Mimik zeitversetzt nachahmen, zum Beispiel eine herausgestreckte Zunge. Die Fachleute sprechen von einem „sozialen Lächeln“.

Lachen ist ein gesellschaftliches Schmiermittel. Der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt deutet das Lächeln als eine Möglichkeit, mit Wildfremden schnell in Kontakt zu kommen, und schildert in seinem Buch „Liebe und Hass“ eine entwaffnende Begegnung aus dem Vietnamkrieg. Ein amerikanischer Sergeant habe sich plötzlich zwei Vietcong-Soldaten gegenübergesehen, und als sein Gewehr versagte, habe er seine Gegner einfach angelächelt, worauf diese ihre Waffen sinken ließen. Der angebahnte Kontakt hielt allerdings nicht lange. Der Amerikaner lud erneut durch und tötete seine Feinde.

Freude im Unglück

 

Der Angelächelte muss im Gesicht seines Gegenübers also lesen und dessen Lachen interpretieren können. Es kann vorgetäuscht sein, auch um wahre Gefühle zu verbergen. Bei den Olympischen Winterspielen in Korea verpasste der Biathlet Simon Schempp um Fußesbreite den Sieg und das Gold. Die Silbermedaille ist unter solchen Begleitumständen für einen ehrgeizigen Sportler eigentlich eine Niederlage, die er vor der Öffentlichkeit aber nicht preisgeben darf. Also versteckte sich Schempp vor der Fernsehkamera hinter einem Lächeln, das Freude im Unglück zeigen sollte. Nicht nur der Temperaturen wegen war es ein eisiges Lächeln, bei dem die Mundwinkel förmlich festfroren.

In der Politik und der Wirtschaft ist das Raubtierlächeln verbreitet, für das auch der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt gefürchtet war. Wenn er seine (blendend weißen und ebenmäßig geformten) Zähne fletschte, war den Kontrahenten klar, dass sie einen rhetorischen Angriff zu gewärtigen haben.

Die Angst weglachen

 

Der Begriff Raubtierlächeln kommt nicht von ungefähr. Bei Tieren ist ein Lächeln oft eine Drohung, kann aber auch eine Geste der Unterwerfung sein. Das Lachen verbindet Mensch und Affe in der Evolutionsgeschichte. Forscher berichten von Schimpansen, Pavianen, Orang-Utans und Bonobos, die nach Kitzelattacken Kicherlaute ausstoßen. Auch die intelligenten Delfine tragen mitunter ein breites Grinsen im Gesicht. Sogar die Ratten lachen. Wenn junge Nager spielen, stoßen sie hohe Pfeiftöne aus, die allerdings mit 50 Kilohertz weit über der menschlichen Hörgrenze liegen. Hundebesitzer schwören Stein und Bein, dass ihr treuer Begleiter sie auch schon mal angelächelt hat. Hingegen ist die berühmteste Katze im Netz die mürrische Grumpy Cat. Ihr Gesichtsausdruck stammt von einem Gendefekt, felider Kleinwuchs genannt.

Dass auch Tiere lachen können, hätte sich der griechische Philosoph Aristoteles nicht vorstellen können. Er hielt das Lachen für eine besondere Begabung des Menschen. In seinem Werk über die Poetik wollte er nach der Tragödie und dem Epos auch die Komödie behandeln; er kam nicht dazu oder die Abhandlung ist verschollen. Der Schriftsteller Umberto Eco machte diese Überlieferung zur Kernbotschaft seines Bestsellers „Der Name der Rose“. In der Bibliothek eines mittelalterlichen Klosters versteckt ein blinder Mönch den zweiten Band von Aristoteles. Er hält ihn für gefährlich. Lieber mordet er, als das gotteslästerliche Lachen in der sündhaften Welt populär zu machen. Dabei ist Lachen in der Kirche gar nicht verpönt. Das Ostergelächter während der Predigt zur Auferstehung Jesu sollte die Angst vor dem Tod einfach weglachen.

Gute Miene zum bösen Spiel

 

Lachen ist subversiv und wurde von den Mächtigen nie geschätzt. Wenn das Volk lacht, hat die Regierung ihre Autorität eingebüßt. Lachen tötet die Furcht. Das konnte Folgen haben, bis in die jüngere Vergangenheit. Wer unter den Nazis Witze über Hitler riss und denunziert wurde, der riskierte seinen Kopf. In unseren Tagen sind, sieht man mal von Erdogans Türkei oder Nordkorea ab, Witze nicht mehr lebensgefährlich. Die Politiker sitzen in München auf dem Nockherberg und lachen aus vollem Halse, wenn sie beim Derblecken zur Starkbierzeit durch den Kakao gezogen werden. Sie machen gute Miene zum bösen Spiel.

Was sollen sie auch tun? Der Humor und das Lachen ändern sich. Heerscharen professioneller Witzereißer, die sich Comedians nennen, bespaßen ein Publikum aus Ichlingen, die spontane Heiterkeit verlernt haben. Lachen wird zur Pose. Auf Selfies, auf Instagram, auf Bewerbungsfotos präsentieren sich kontaktfreudige, glückliche Zeitgenossen, die leicht und locker den Alltag bewältigen. Was mal ein herzhafter Gefühlsausbruch war, ist nur noch ein Smiley in diversen Farben und Variationen.

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