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Zeitgeschehen

Unter die Haut

2017 in Leinsweiler: Beck auf der Terrasse eines Hotels.

2017 in Leinsweiler: Beck auf der Terrasse eines Hotels.

1994 in Mainz: Beck wird zum Ministerpräsidenten vereidigt.

1994 in Mainz: Beck wird zum Ministerpräsidenten vereidigt.

SPAN_ROT_AUFSPAN_ROT_ZU2011 in Bad Bergzabern: Beck unterwegs in seiner Heimatregion.

SPAN_ROT_AUFSPAN_ROT_ZU2011 in Bad Bergzabern: Beck unterwegs in seiner Heimatregion.

SPAN_ROT_AUFSPAN_ROT_ZU2013 in Mainz: Beck tritt wegen Bauchspeicheldrüsenproblemen ab.

SPAN_ROT_AUFSPAN_ROT_ZU2013 in Mainz: Beck tritt wegen Bauchspeicheldrüsenproblemen ab. ( fotos: dpa (3), van, iversen)

1998 in Kaiserslautern: Beck feiert den FCK für die Meisterschaft.

1998 in Kaiserslautern: Beck feiert den FCK für die Meisterschaft.

Wie wenige steht Kurt Beck für den Mythos der Sozialdemokratie: den Aufstieg aus kleinen Verhältnissen. Der frühere rheinland-pfälzische Ministerpräsident zählte sich nie zu einer abgehobenen Elite, er war immer gerne nah bei de Leut’. Aber wer ist der Mensch hinter dem Politiker, der so lange oben war, dass ihn manche König nannten? Wir haben den Südpfälzer in den vergangenen Monaten immer wieder getroffen. Von Andreas Schlick

Es geschieht vor fünf Jahren am Tag der Deutschen Einheit in München. Während ein Fernsehteam den damaligen rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten zur Bürgerbeteiligung interviewt, nimmt ein Bürger das Thema ziemlich wörtlich. Er ruft aus dem Hintergrund: „Wir Bayern bezahlen den Nürburgring“, er meint damit den Länderfinanzausgleich, „und den Betzenberg“, schiebt der Mann nach. Beim Anblick von Becks Gesicht hätten Meteorologen in diesem Moment vermutlich eine Unwetterwarnung herausgeben. Der dreht sich um und raunzt den Störer an: „Können Sie mal das Maul halten, wenn ich ein Interview gebe? Einfach das Maul halten.“ Die Haut des Sozialdemokraten ist zu dieser Zeit so dünn wie Klarsichtfolie. Der Nürburgring macht Beck zu schaffen. Dabei hatte er es doch gut gemeint mit dem Millionenprojekt für die Menschen in der Eifel. Aber es ist ein Millionengrab geworden. Ein Skandalon. Sein schlimmster Fehler. Wie konnte ihm das passieren? Er war doch so lange der unangefochtene Landesvater, der sogar die absolute Mehrheit holte. König Kurt.

 

Es gibt ein Geheimnis seines Erfolgs: Im Gegensatz zu manchen Talkshowpolitikern, die sich nur auf der Straße blicken lassen, wenn es um ihre Wiederwahl geht, war Beck geradezu gierig nach Kontakt mit dem Volk. Jedes Weinfest hätte er einem Abendessen mit Ärztefunktionären vorgezogen. Für viele Rheinland-Pfälzer verkörperte Beck einen Typen, dem man als Nachbar das Füttern der Katze anvertraut, wenn es in den Urlaub geht. Deshalb haben ihn die Menschen auch treu gewählt. Dieses „Nah-bei-de-Leut’“-Prinzip hat Beck auch zum Gießkannenpolitiker werden lassen, der jeder Region, jeder Stadt, jedem Dorf mit Geld aus Mainz unter die Arme greifen wollte. Der Kontostand des Landes war dabei nicht immer wichtig. Vielleicht hat ihn das irgendwann blind werden lassen für die Gefahren, die in einem solchen Großprojekt liegen: einer Rennstrecke im Norden des Landes neues Leben einzuhauchen. Beck hat sich stets jeglicher Kritik verweigert. Heute sagt er: „Über die Probleme zur Weiterentwicklung der Region am Nürburgring habe ich mich am meisten geärgert. Entgegen aller Gutachten und wirtschaftlicher Prognosen ging dort schief, was schiefgehen konnte.“ Nun laufe das Projekt ganz gut. Es klingt wie eine Rechtfertigung.

Wer Becks Zeit als Ministerpräsident auf solche Affären verkürzt, leidet an politischer Amnesie. Wie wenige hat er sich für das Land der Reben und Rüben eingesetzt. Zu seinen großen Verdiensten zählt die Einführung kostenloser Kitaplätze, was ihm viele Eltern nicht vergessen haben dürften. Rheinland-Pfalz ist damit zum Vorreiter in der Bundesrepublik geworden.

Leinsweiler. Beck, 68, blaues Hemd, sitzt an diesem sonnigen Vormittag auf der Terrasse eines Hotels. Es gibt Spargel mit Schinken, dazu eine Rieslingschorle. Hinter ihm leuchtet die Südpfalz, seine Heimat. Der Mann aus Steinfeld wirkt lockerer als früher, nur der Bart sieht immer noch so aus, als hätte ihn ein Chirurg mit dem Skalpell zurechtgeschnippelt. Beck lehnt sich zurück und erzählt von seinen Anfängen. Als Johanna Beck ihren Sohn am 5. Februar 1949 in Bad Bergzabern per Kaiserschnitt zur Welt bringen möchte, fällt der Strom aus. Die Ärzte schaffen Gaslampen heran, Kind und Mutter überleben nur knapp. Aber der Säugling trägt Hautverunreinigungen davon, die Infektion löst eine schwere Neurodermitis aus. In Becks Kindheit quält ihn ständiger Juckreiz. Morgens muss ihm seine Mutter die Verbände mit Kamillenwasser von den Gelenken lösen, wenn sie festgeklebt sind. Oft läuft ihm das Blut die Beine hinunter. Ministrant darf der Junge ohne Augenbrauen nicht werden, weil andere Eltern auf die Barrikaden gehen. Sie fürchten, ihre Kinder könnten sich anstecken, wenn sie eine Kutte anziehen, die Beck zuvor getragen hat. Sein Verhältnis zur Kirche bleibt deshalb lange schwierig. „Ich habe viel Zeit gebraucht, um das zu verarbeiten. Aber ich bin noch immer ein Christ.“

 

Beck ist nicht der Einzige in Steinfeld, der ausgegrenzt wird. Es gibt Kinder mit Downsyndrom, manche können sich selber nicht die Schuhe binden. Ein Mädchen bekommt er nur zu Gesicht, wenn die Eltern das Fuhrwerk in den Hof fahren, sie wird versteckt. „Ich habe da zum ersten Mal gespürt, was Ungerechtigkeit bedeutet. Deshalb war es mir später wichtig, dass sich Schulen um solche Kinder kümmern. Ich habe ja selbst gemerkt, was es heißt, ein Außenseiter zu sein.“ Er erlebt aber auch, was Solidarität bedeutet. Seine Großmutter pflegt ihren bettlägerigen Mann 14 Jahre bis zu dessen Tod. Diese Erfahrungen prägen Becks politisches Leben. 1972, er ist damals 23 Jahre alt, stößt er zur SPD.

 

Mainz. Beck sitzt im elften Stock des Wissenschaftsministeriums. Erstmals tagt der Beirat der Karl-Marx-Ausstellung. Dieses Jahr will Trier, die Heimatstadt des Proletarierphilosophen, dessen 200. Geburtstag feiern. Beck ist als Vorsitzender der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung gekommen, die vor allem die Wissenschaft fördert. Ein Arbeiter als Chef von Akademikern? Vater Maurer, Mutter Hausfrau, er, Beck, Mechaniker. Mit diesem Lebensweg steht er wie noch ganz wenige für den Mythos der Sozialdemokratie: den Aufstieg aus kleinen Verhältnissen. Heute hingegen kennen viele SPD-Politiker ein Montageband bei Daimler nur vom Wahlkampfbesuch.

 

19 Jahre, von 1994 bis 2013, hat Beck in Rheinland-Pfalz regiert. Unermüdlich reiste er herum, besuchte Kindergärten, sprach mit Senioren, diskutierte mit Betriebsräten. Diese Rastlosigkeit kann einen unsensibel machen für den eigenen Körper. Wegen „dieser Geschichte mit der Bauchspeicheldrüse“, wie er es nennt, tritt er zurück.

 

Steinfeld. Beck steht in seinem Büro im Dachgeschoss seines Elternhauses. Die Einrichtung erinnert an die Möbelhausprospekte der frühen Achtziger. Massiver Holzschreibtisch, schwarzer Lederstuhl. Auf einem Regal reiht sich eine Brockhausausgabe, sozialdemokratische Standardausstattung. Während seine Sekretärin Kaffee bringt, erzählt Beck von seinem Schlaganfall. Er sitzt am Morgen des 28. Dezember 2015 in seinem Schlafzimmer auf der Bettkante und will sich abstützen. Doch sein linker Arm knickt immer wieder weg. Hat er sich einen Nerv eingeklemmt? Er steigt in die Dusche, will sich einschäumen. Doch sein Arm macht, was er will. Beck erinnert sich an seine Zeit als Ministerpräsident, als er mal in Ingelheim Fachvorträge über Schlaganfälle hörte. Aber ich doch nicht, sagt er zu sich und steigt wieder aus der Dusche.

 

Als ihm am Frühstückstisch die Gabel das zweite Mal aus der Hand fällt, sagt seine Frau: „Du hattest einen Schlaganfall.“ Während sie ihn in die Notaufnahme des Pfalzklinikums in Klingenmünster bringt, fragt sich Beck: Was ist mit meiner Arbeit? Werde ich meine Hemden noch selbst anziehen können? Und gibt es überhaupt noch ein selbstbestimmtes Leben für mich? Fragen eines Mannes, für den der Begriff Verletzlichkeit nie zum Wortschatz gehört hat. Doch der menschliche Körper ist wie das Wetter in den Bergen. Alles kann sich in wenigen Minuten ändern. Den Ärzten gelingt es, Beck medikamentös zu behandeln. Aber der Weg in sein altes Leben ist weit, er muss zur Reha. Ein Mann, der es gewohnt ist, dass er bestimmt, wie die Dinge laufen, tut sich schwer damit, in ein Glas mit Rapskernen zu greifen, um das Gefühl in seiner linken Hand zurückzugewinnen. Aber es hilft. Er muss heute genau auf sich achten, Pillen schlucken, aber er habe die Krankheit im Griff, sagt Beck.

 

Ein Leben für die Politik hinterlässt nicht nur körperliche Spuren. 2006 bis 2008 ist Beck Bundesvorsitzender der SPD. Aber viele in Berlin halten den Südpfälzer für einen Provinztrottel. Die Angriffe aus den eigenen Reihen werden härter, „das ist ja das Schlimmste“, sagt Beck. Als sich die Parteiführung 2008 am Schwielowsee trifft, überrumpelt ihn Franz Müntefering und schlägt Frank-Walter Steinmeier als Kanzlerkandidaten vor. Beck empfindet das als Anschlag auf seine Autorität, tritt zurück. Vergessen hat er das nie: „Die Narben bleiben, aber sie tun nicht mehr weh.“

 

Schmerzt ihn ein Leben ohne Macht? „Wissen Sie“, sagt Beck, „ich habe mich nie so unfrei gefühlt wie in meiner Zeit als Ministerpräsident.“ Oft hätte er gerne auf den Tisch gehauen, aber auch ein Regierungschef kann nicht machen, was er will. Und dann die Einsamkeit der Macht. Trotzdem hatte er nach seinem Rücktritt Angst, in ein Loch zu fallen, er wartete auf die Phantomschmerzen. „Sie kamen aber nicht“, sagt er, auch weil er schnell eine neue Aufgabe bekam: den Vorsitz der Friedrich-Ebert-Stiftung.

 

Beck treibt die Politik immer noch um. Wie viele in der SPD hofft er nach dem Wahldesaster auf eine Erneuerung der Partei. Er will als Sozialdemokrat weiter etwas für die Menschen tun, „aber man muss ihnen ernsthaft zuhören, sonst geht das nicht“. Vielleicht unterscheidet ihn das derzeit von vielen im Willy-Brandt-Haus.

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