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Sonntag, 26. November 2017 Drucken

Zeitgeschehen

Totensonntag: Wie man lernt, Abschied zu nehmen

Von Katja Edelmann

„Wenn die Vorschulkinder gehen, habe ich zwei, drei Monate mit der Traurigkeit zu tun. Ich weine auch“, sagt Erzieherin Ria Fahrnbach.

„Wenn die Vorschulkinder gehen, habe ich zwei, drei Monate mit der Traurigkeit zu tun. Ich weine auch“, sagt Erzieherin Ria Fahrnbach. (Foto: Imago)

Abschied hat viele Formen: Mal verlässt man selbst einen Menschen oder einen Ort. Ein anderes Mal wird man von anderen verlassen. Ob für einige Stunden, Tage oder Wochen, auf unbestimmte Zeit oder für immer. Professionelle Begleiter und Betroffene erzählen, wie man lernt, Abschied zu nehmen. Eine Spurensuche zum Totensonntag.

Der Bahnsteig

Am liebsten sieht Kerstin Meier Begrüßungsszenen, „wenn alle angesprungen kommen“. Für die Zugbegleiterin der Deutschen Bahn sind Willkommen und Abschied am Bahnhof Tagesgeschäft. Den größten Abschiedsschmerz beobachtet sie bei Kleinkindern. „Sie schreien, wenn Mama oder Papa am Bahngleis wegfahren. Da wäre es besser, sie abzulenken“, sagt die Bahn-Mitarbeiterin. Meier erlebt aber auch erwachsene Fahrgäste, die nach der Zugabfahrt nicht mehr aufhören zu weinen. Dann fragt sie nach, ob sie helfen könne.

Liebespaare in einer Fernbeziehung bewältigen den regelmäßigen Abschied am Bahnhof am leichtesten. Küssend stehen sie in der Tür, verabschieden sich. „Früher musste man wirklich für eine Woche Abschied nehmen. Heute hat man den anderen immer auf dem Handy dabei.“ Kleine Abschiede meistern wir routiniert. Große Abschiede wie Scheidung oder Tod bewältigen wir schlechter. Sie werfen uns aus der Komfortzone, nehmen uns die gewohnte Sicherheit. An Kleinkindern sieht man, wie jeder Mensch Trennung auf Zeit erst lernen muss. Über mehrere Wochen üben Ein- bis Dreijährige bei der Tagesmutter oder in der Kindertagesstätte in längeren Abständen, sich von Mutter oder Vater zu trennen und sie später wiederzusehen.

Die Einschulung

 

Elias war ein Jahr alt, als er seine Eingewöhnung bei Ria Fahrnbach in der protestantischen Kindertagesstätte Kastanienburg hatte. Die Erzieherin aus Speyer begleitete den Jungen fünf Jahre lang, bevor sie ihn in die Schule verabschiedete. „Wenn die Vorschulkinder gehen, habe ich zwei, drei Monate mit der Traurigkeit zu tun. Ich weine auch“, sagt Ria Fahrnbach. Die 43-Jährige hat 17 Jahre Erfahrung mit der Trennung von Kita-Kindern. Aber: „Es ist jedes Jahr so intensiv wie beim ersten Mal. Die Wiederholung ändert daran nichts. Was mir aber hilft, ist ein wunderschönes Abschiedsfest.“ Auch die Kinder, die in der Gruppe bleiben, könnten dann besser verarbeiten, dass die ältesten Kinder im neuen Schuljahr fehlen werden. Elias, der kleine Junge von damals, ist jetzt 13 Jahre und besucht seine ehemalige Erzieherin manchmal. Für Fahrnbach und ihre Kolleginnen fühlt sich das an, als komme ein Freund vorbei, den sie lange nicht gesehen haben.

Die Ausreise

 

Sechs lange Jahre sehnte Elisabeth Engelhardt, die heute in Speyer lebt, den Abschied von ihrem Heimatland herbei. Im Sommer 1989 bewilligte die DDR ihren Ausreiseantrag. Die Wende wenige Monate später war damals noch nicht absehbar. „Der Abschied hatte etwas Endgültiges. Meine Großfamilie, das soziale Umfeld, materielle Dinge, das gewohnte System – alles habe ich zurückgelassen und mit 37 Jahren, meiner Tochter, einem Koffer und einem Rucksack in Pirmasens wieder bei null angefangen“, erzählt die gebürtige Eisenacherin. Sie habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Doch sie wollte raus, war entschlossen. Die alleinerziehende Mutter wollte für ihr Kind nicht dieselben ideologischen Schikanen, die sie als Christin erlebt hatte. Innerhalb von zwei Wochen musste die heute 65-Jährige alle Formalitäten erledigen, den Haushalt auflösen, viele kleine Abschiede von geliebten Menschen und Plätzen an ihrem damaligen Wohnort Erfurt bewältigen.

Als Engelhardt am Bahnhof abfuhr, war nur eine Bekannte dabei. Mit Vater und Bruder, die in Eisenach wohnten, verabredete Engelhardt, sich kurz zu verabschieden, während der Zug dort planmäßig hielt. Abgerichtete Hunde bellten, schnelle Umarmung, Tränen flossen. „Es war ein brutaler Abschied. Dramatisch war der Moment, als wir über die Grenze gefahren sind. Ich habe die Arien einer befreundeten Sängerin auf einer Kassette gehört“, erinnert sich Engelhardt. Sie war erleichtert, als es vorüber war.

Die Krankheit

Birgit Großhans ist zu Besuch im Pflegeheim. Ihre Mutter (79) ist seit sechs Jahren an Alzheimer und Demenz erkrankt. Inzwischen hat die Mutter die Sprache verloren, ihr Geist ist weg, sie lebt im Nichts. Großhans hatte die Idee, aufzuschreiben, was ihre Mutter gerne mag. Im Café bestellt sie den Lieblingskuchen der Mutter, im Pflegeheim das Lieblingsessen. Sie genießt es, wenn die Mutter – wie eh und je – an ihren Kleidern herumzuppelt, bis alles akkurat sitzt. Dann weiß sie: Sie ist noch da. „Mit meinem Wissen über sie baue ich ihr die Brücke zurück ins Leben“, sagt die Karlsruherin. Sie zehrt von der Vergangenheit, konzentriert sich auf das, was war und ist.

Dass sie länger Zeit hat, sich zu verabschieden, empfindet die 55-Jährige als Geschenk. „Ich spüre eine tiefe Verbundenheit, bin meiner Mutter so nah wie nie. Manchmal sitzen wir in ihrem Bett und weinen einfach eine Runde. Wir fühlen einfach“, sagt Großhans. Die Sinne erzeugen Nähe und Erinnerung. Die Katastrophe, die Angst vor dem Tod, ist bei der Demenzkranken ausgeschaltet. Damit lebt auch Großhans unbefangener. „Ich verabschiede mich jedes Mal von meiner Mutter, als wäre es das letzte Mal. Ich blicke beim Rausgehen zurück zu ihr und bin zufrieden“. Sie muss die Angst der Kranken vor dem Sterben nicht aushalten. Früher, als die Menschen zu Hause starben und sich das Dorf erst im Wohnhaus und dann im Trauerzug verabschiedete, war der Tod präsent. Das Umfeld ging natürlicher damit um. „Heute wird das Thema Tod in die dunkle Ecke gestellt. Dann sind eben auch die Bilder, die man darüber im Kopf hat, schlimm“, sagt Großhans.

Das Hospiz

 

Eine wichtige Errungenschaft auf dem Weg zur Enttabuisierung des Sterbens ist die Hospizbewegung. Im Kinderhospiz Sterntaler in Dudenhofen im Rhein-Pfalz-Kreis finden Familien, deren krankes Kind das Erwachsenenalter nicht erreichen wird, über mehrere Jahre für einige Wochen Entlastung, Austausch und eine gewisse Normalität. Das Leben mit dem Tod steht hier unter der Überschrift „Eines Tages müssen wir alle sterben – aber an allen anderen Tagen nicht“. Eltern kosten das Miteinander mit dem kranken Kind und den gesunden Geschwistern aus, führen mit anderen Betroffenen Gespräche auf Augenhöhe, schalten ab vom Alltag, in dem sie sich oft ausgegrenzt fühlen. „Die Familien wünschen sich, ihre Erlebnisse zu teilen. Aber die Mitmenschen sind unsicher mit der Situation und vermeiden häufig die Begegnung“, sagt Sterntaler-Pressesprecher Linnford Nnoli.

Das Kinderhospiz nimmt Familien von der Diagnose bis zum Abschied und der Trauerbegleitung auf. Zwei Aspekte machen die Hilflosigkeit laut Nnoli erträglicher und trösten die Seele: das Kind gemeinsam verabschieden zu können und die Liebe in Ritualen zum Ausdruck zu bringen. „Der Abschied ist für alle Eltern, egal wo, gleich schwer. Aber in unserem Sternenzimmer haben Eltern, Geschwister und Freunde Zeit, sich zwei Tage in Ruhe von ihrem Kind zu verabschieden“. Nnoli wünscht sich, dass sich die Gesellschaft mit dem Thema befasst, bevor der Einzelne in seinem Umfeld unvorbereitet damit konfrontiert ist. Er stellt fest, dass sich darauf wieder mehr Menschen besinnen.

Der Tod

 

Besonders intensiv wirkt sich die Tabuisierung des Todes auf Frauen im Rentenalter aus, wenn keine Kinder in der Nähe leben. Der Freundeskreis verkleinert sich, weil sowohl die Freunde des Mannes als auch eigene Freunde wegfallen. In den ersten Monaten melden sie sich vielleicht noch, dann aber sind sie der Gespräche über den Verstorbenen überdrüssig. Menschen, die länger als sechs Monate oder ein Jahr in der Trauersituation verhaftet sind, leiden unter einer „anhaltenden Trauerstörung“, erklärt Octavia Harrison von der Verhaltenstherapie-Ambulanz der Goethe-Universität Frankfurt. Sechs Prozent aller Trauernden sind betroffen. Typisch sei, wenn Ehefrauen die komplette Kleidung des Partners im Schrank behalten, seine Bettdecke beziehen. In einer Studie mit 50- bis 65-Jährigen, die Trauerambulanzen in Deutschland aktuell erarbeiten, will Harrison herausfinden, welche Therapie für wen geeignet ist. Auf der anderen Seite, so die Forscherin, gebe es Menschen, die den Tod verdrängten, alle Sachen direkt wegschmissen, weder das Grab besuchten noch über den Verlust sprechen wollten – wie bei einem Trauma. Je stärker die Verdrängung, desto stärker und unbequemer werde die unbewusste, innere Reaktion darauf.

Harrison empfiehlt in solchen Fällen, ein aktives Trauerritual zu finden: einen kleinen Altar zu Hause, ein Foto, ein Gebet, ein Besuch am Grab. „Es ist auch nicht verrückt, mit dem Toten zu sprechen“, sagt Harrison. Und: „Es darf kleine Inseln der Traurigkeit geben, vor allem an Todestagen, an Weihnachten, wenn man sich daran erinnert, wie man im letzten Jahr den Baum zusammen gekauft hat.“ Es seien dann positive Gefühle, die überwiegen. Das gelte auch, wenn man mit Angehörigen und Freunden ein Ritual pflege, zum Beispiel sich zum Todestag zum Essen zu verabreden und Anekdoten über den Verstorbenen zu teilen. Wer anderen die Trauer nicht zumuten will, sollte sich therapeutische Hilfe suchen. Gleichzeitig sollten die Menschen neue Ziele definieren. Was wollten sie schon immer machen? Wozu war nie Zeit? Was hätte der Verstorbene für mich gewollt?

 

 

 

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