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Samstag, 06. Januar 2018 Drucken

Zeitgeschehen

Nur Hass, wo zuerst Trauer geboten ist

RHEINPFALZ-Chefredakteur Michael Garthe über Hunderte Hass-Posts auf RHEINPFALZ-Facebook zum Verbrechen von Kandel.

Liebe Leserinnen und Leser, das Verbrechen von Kandel wühlt die Menschen dort, die Leser der RHEINPFALZ und uns in der Redaktion auf. Da ist das ermordete Mädchen, das doch den größten Teil seines Lebens erst vor sich hatte. Da ist die Familie, die einen unermesslichen Verlust erlitten hat. Da sind die Verwandten, Freundinnen, die Mitschüler, die Lehrer, die Nachbarn der Getöteten, die traumatisiert sind von dieser furchtbaren Tat an einem geliebten, geachteten Mitmenschen.

 

Trauer ist zutiefst menschlich. Ohne die Fähigkeit zum Mitfühlen und zur Trauer gibt es keine Mitmenschlichkeit. Trauerlose Gesellschaften sind mörderische Gesellschaften.

 

Im Internet aber überwiegt der Hass bei Weitem die Trauer. Bis gestern haben wir auf der Facebook-Seite der RHEINPFALZ mindestens 800 Einträge gelöscht oder unsichtbar gemacht, weil sie unerträglich hasserfüllt sind, weil sie zur Selbstjustiz oder zur Lynchjustiz aufrufen, weil ihnen jegliches Bewusstsein für den Rechtsstaat fehlt, weil sie voller Verschwörungstheorien sind. Würde Wirklichkeit, was die Absender solcher Hasskommentare fordern, wäre unsere Zivilgesellschaft am Ende.

 

Wegen des Löschens von Hass-Posts werden wir massiv kritisiert. Wir halten dagegen: Meinungsfreiheit ist nicht gleichbedeutend mit „Ich darf alles sagen, was ich will und wo ich will“. Auch wenn jeder ein Recht auf seine Meinung hat, folgt daraus nicht, dass er diese Meinung überall kund tun darf. Nicht jeder hat das Recht, seine Meinung in der „Tagesschau“ zu verkünden oder auf der Titelseite der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Jeder kann seine Meinung äußern, aber niemand ist verpflichtet, sie zu lesen oder sich anzuhören.

 

Deshalb ist es keine Einschränkung des Rechts auf freie Meinungsäußerung, wenn auf unserer Facebook-Seite Kommentare gelöscht werden. Jeder hat das Recht, seine eigene Seite zu erstellen, dort kann er seine Meinung schreiben, so oft er will.

 

Auf der Facebook-Seite der RHEINPFALZ gelten aber unsere Regeln, wie wir miteinander diskutieren wollen. Höflichkeit, Respekt und Toleranz sind für uns selbstverständlich. Beleidigungen, Bedrohungen, Schimpfwörter, radikale, nationalistische, rassistische, sexistische oder pornografische sowie alle strafrechtlich relevanten Äußerungen erlauben wir nicht. Daran muss sich jeder halten, der auf unserer Facebook-Seite kommentieren will. Mit Zensur hat das nichts zu tun.

 

Oft werden wir kritisiert, wir hätten vor allem die Täter im Blick, nicht die Opfer. Unser Ziel ist es, jede Zurschaustellung von Tätern zu vermeiden. Über Opfer zu berichten, das geht nur unter Wahrung des Opferschutzes und des Schutzes der Angehörigen sowie mit deren Einverständnis. Das allgemeine Persönlichkeitsrecht regelt das so. Wir respektieren, dass die meisten Angehörigen keine Berichterstattung wollen.

 

Herzliche Grüße, Ihr Michael Garthe

Pfalz-Ticker