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Sonntag, 25. März 2018 Drucken

Leben

Kein Weg zu weit

Von Katharina Nickoleit

Von seinem kleinen kenianischen Dorf aus radelt Gesundheitshelfer Mriphe Mwabay zu jeder noch so abgelegenen Hütte. Und zwar ehrenamtlich.

Von seinem kleinen kenianischen Dorf aus radelt Gesundheitshelfer Mriphe Mwabay zu jeder noch so abgelegenen Hütte. Und zwar ehrenamtlich. ( Foto: Nusch)

(Foto: Nusch)

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(Foto: Nusch)

Gesundheitsversorgung ist auf dem Land schwierig, Ärzte sitzen in den Städten. Das ist überall auf der Welt so. In Entwicklungsländern findet man interessante Alternativen. Für Deutschland taugen die meisten Modelle aber nicht.

In dem kleinen Gesundheitsposten des bolivianischen Dorfes Huatapampa, der mit offensichtlich in die Jahre gekommener medizinischer Ausrüstung vollgestopft ist, schält sich eine alte Frau langsam aus ihren unzähligen Röcken. Sie setzt sich auf die etwas wackelige Liege, hebt mühsam ein Bein nach dem anderen darauf und lässt sich untersuchen. Ihr ganzer Körper tue ihr weh, sagt die 75-Jährige zu Yola Vargas Cocarico, die sie untersucht. „Sie hat Muskelschmerzen, das kommt bei älteren Menschen sehr häufig vor“, diagnostiziert die 28-Jährige und spritzt ihrer Patientin ein Schmerzmittel. „Gracia Doctorita“, „Danke, kleine Doktorin“, sagt die Patientin, während sie sich wieder anzieht – und trifft damit ungewollt den Nagel auf den Kopf. Denn: Yola Vargas Cocarico, die hier Patienten behandelt, hat nur ein medizinisches Grundstudium absolviert und ist nach deutschem Verständnis eher eine Gemeindeschwester als eine Ärztin. „Das ist ein neues Berufsbild in der Gesundheitsversorgung von Bolivien. Es geht vor allem um Vorsorge. Aber gleichzeitig behandle ich auch Patienten. Ich kann die gängigen Erkältungs- und Magen-Darm-Infekte heilen und etwas gegen chronische Schmerzen tun.“

Gesundheitsposten als Außenposten

 

Huatapampa liegt inmitten einer atemberaubenden Landschaft. Hinter dem tiefblauen Titicacasee erheben sich schneebedeckte Gipfel am Horizont. Eine schmale Straße windet sich in Serpentinen von einem Dorf zum nächsten. Die wenigen Menschen, die hier leben, können sich kein Auto leisten, man geht zu Fuß. Wenn man kann – die Mehrzahl der Landbewohner ist über 70. „Schon allein wegen der vielen Berge haben die meisten Patienten Schwierigkeiten, zu mir zu kommen, zumal dann, wenn sie krank sind“, erläutert Dr. Edwin Aguirre Quispe. „Deshalb haben wir diese Gesundheitsposten, also kleine Außenposten, eingerichtet.“ Er ist weit und breit der einzige Arzt und zugleich der Chef der „Doctorita“. Weil die Dörfer nur begrenzte finanzielle Mittel haben, muss er Prioritäten setzen. „Auch aus diesem Grund haben wir in den Gesundheitsposten Personal, das nur die medizinische Grundversorgung sicherstellt.“

 

Es liegen Welten zwischen den abgelegenen Dörfern Boliviens und ländlichen Regionen in Deutschland. Und doch gibt es Parallelen. Auch bei uns steigt das Durchschnittsalter der Bevölkerung vor allem auf dem Land stetig an und auch bei uns finden sich immer weniger Ärzte, die bereit sind, auf dem Dorf zu praktizieren. Baden-Württemberg testet neuerdings Fernbehandlungen per Videotelefonie. Rheinland-Pfalz hat jetzt ein Förderprogramm für Mediziner ersonnen, die sich in Gemeinden mit Ärztemangel niederlassen, und solche Gemeinden gibt es in der Pfalz in jedem Landkreis.

 

Könnte das Modell der „Doctorita“, der „kleinen Ärztin“, eine Lösung für den ländlichen Raum sein? Heiner Beckman, NRW-Geschäftsführer der Barmer, winkt ab. Auf Deutschland sei das nicht übertragbar. „Da gibt es zu allererst Haftungsfragen. Oder Kompetenz- und Zuständigkeitsfragen. Eine Bundesärztekammer, die mit dabei ist. Oder auch der Hausärzteverband.“ Vor allem aber ist es eine Grundsatzfrage, die gegen die „Doctorita“ spricht. „Solange wir im deutschen Gesundheitssystem ärztliche Leistungen nur durch approbierte Ärzte durchführen lassen, haben wir wohl keine Chance, diesen Gedanken in der Versorgung hier in Deutschland umzusetzen.“

Nicht-approbiertes Personal

 

In Entwicklungsländern aber lautet für viele Bewohner die Alternative „Doctorita“ oder überhaupt kein Doktor. Bolivien ist bei Weitem nicht das einzige Land, in dem nicht-approbiertes Personal die gesundheitliche Grundversorgung übernimmt. In Nepal kümmern sich „paramedics“, in Kenia sind es „clinical officers“. Obwohl solche Berufsbilder bei uns undenkbar sind, hilft Deutschland anderswo auf der Welt dabei, Menschen genau darin auszubilden. Gerade bereitet Heiko Warnken, der beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit für Gesundheitsfragen zuständig ist, ein Programm zur Berufsbildung im Gesundheitsbereich vor. „Das ist für uns ein wichtiger Bereich, denn weltweit fehlen 17 Millionen Fachkräfte“ sagt er. „Vor allem während der Ebola-Krise in Westafrika haben wir gelernt, dass die Gesundheitssysteme gestärkt werden müssen, damit sich solche Epidemien nicht verbreiten können.“ In diesem Programm kommen auch „kleine Ärzte“ vor. „Diese Fachkräfte haben gerade im ländlichen Bereich eine große Bedeutung, wo der Arzt weit weg und die Straßen schlecht sind. Da müssen wir ansetzen und uns auch überlegen, wie man diese Leute noch besser fortbilden kann. Zum Beispiel über moderne Medien und Handys.“

 

Ein wichtiger Teil der Gesundheitsversorgung, nämlich die Vorsorge, wird in vielen Ländern Afrikas in die Hände von Freiwilligen gelegt. Gerade hat sich der Kenianer Mriphe Mwabay angeschaut, ob das Plumpsklo seiner Nachbarin in Ordnung ist und erklärt ihr noch einmal, warum es so wichtig ist, sich nach dem Toilettengang die Hände zu waschen. „Ich habe gesehen, dass es bei uns im Dorf viele Probleme gibt, besonders mit Durchfallerkrankungen. Dagegen wollte ich etwas tun und habe mich als Freiwilliger gemeldet.“

 

Mriphe Mwabay lebt in einem kleinen Dorf im Südosten Kenias. Seit er vor zwei Jahren Community Health Volunteer, also ehrenamtlicher Gesundheitshelfer wurde, ist er für das Wohlergehen von 65 Familien zuständig. Mindestens ein Mal pro Woche besucht er jede Hütte und schaut, ob es irgendwo Probleme gibt. Jeden Tag ist er drei bis vier Stunden unterwegs, Zeit, die ihm für die Feldarbeit fehlt. Auf die Frage, ob er für diese Arbeit irgendeine Bezahlung bekommt, muss er lachen. Seine Chefin Alice Atalala schaltet sich ein. „Das ist das Erste, was ich den Leuten sage, wenn sie sich bewerben: Erwartet nichts, das ist freiwillige Arbeit. Ihr arbeitet für eure Dorfgemeinschaft.“

Freiwillige Helfer bilden Rückgrat

 

Dafür, dass oft nicht einmal Spesen wie Fahrt- und Telefonkosten erstattet werden, verlangt das kenianische Gesundheitssystem eine Menge von Ehrenamtlichen. „Sie organisieren Impfkampagnen, machen Aufklärung über Malaria und Aids, überwachen, ob HIV-Patienten ihre Medikamente nehmen und ob Kinder in ihrem Dorf ausreichend ernährt sind“, zählt Alice Atalala einige der Aufgaben auf.

 

Freiwillige Gesundheitshelfer wie Mriphe Mwabay sind das Rückgrat des kenianischen Gesundheitswesens. Wie ist es möglich, dass solche wichtige Aufgaben an Ehrenamtliche übertragen werden können? Usche Merk von der deutschen Hilfsorganisation Medico International erklärt das so: „Das sind oft Menschen mit einem sehr großen Herzen, denen ihre Nachbarn nicht egal sind.“

 

Das System der ehrenamtlichen Gesundheitshelfer wurde in den 50er-Jahren etabliert. Ursprünglich sollten sie sich in ihren Dörfern als engagierte Bürger für Verbesserungen in den Bereichen Wasser und Abfall einsetzen. Doch heute, sagt Usche Merk, sind die Ehrenamtlichen oft diejenigen, an die die Gesundheitssysteme alle aufwendigen, personalintensiven Tätigkeiten auslagern. Bei den in den letzten Jahrzehnten stattfindenden Kürzungen und Privatisierungen im Gesundheitssektor haben die Gesundheitshelfer die entstandenen Lücken gefüllt. Sie mussten den Gesundheitsabbau auffangen und Tätigkeiten übernehmen, die vorher von bezahlten Profis übernommen wurden.

"Kleine Ärztin" besser als keine

 

Inzwischen regt sich bei immer mehr Freiwilligen Widerstand. Sie fordern wenigstens eine Erstattung ihrer Ausgaben und auch ein Minimum an Bezahlung. Zu Recht, findet Medico International – und unterstützt in verschiedenen Ländern Afrikas Organisationen von Ehrenamtlichen dabei, gegen diese Ausbeutung ihre Stimme zu erheben. Denn eines ist klar: Auch die freiwilligen Helfern müssen daheim Essen auf den Tisch bringen, und wenn sie keine Anerkennung bekommen und ihnen kaum Zeit zum Geldverdienen bleibt, geben sie ihre wichtige Arbeit irgendwann auf. Ein nachhaltiges Gesundheitssystem kann so nicht entstehen.

 

Wie lange sich Mriphe Mwabay noch ohne Lohn neben seiner Arbeit als Bauer um die Gesundheit seiner Nachbarn kümmern kann? Er zuckt die Schultern. Eine Weile noch. Dann muss sich jemand anderes finden, der dazu bereit ist. Solange sie nicht bezahlt werden, wird das kenianische Gesundheitssystem immer wieder seine erfahrensten Helfer verlieren und Neue anlernen müssen.

 

Zurück an den Titicacasee in Bolivien. Dort hat die alte Dame inzwischen wieder ihre vielen langen Röcke wieder angezogen und ein warmes Schultertuch umgelegt. Die Frage, ob sie manchmal einen richtigen Arzt vermisst, versteht sie nicht. „Die Doctorita versorgt mich doch sehr gut! Sie hat mir gerade etwas gegen die Schmerzen gespritzt, das wunderbar wirkt. Wenn wir sie nicht im Dorf hätten, müsste ich Stunden bis in die nächste Stadt fahren, um Hilfe zu bekommen. So ist es doch viel besser.“

Ist eine „kleine Ärztin“ nicht besser als gar keine? In Bolivien ist diese Frage längst entschieden.

 

 

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