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Sonntag, 10. Dezember 2017 Drucken

Zeitgeschehen

Expertin im Interview: Prüfungsangst ist Kopfsache

Ein Interview von Katja Edelmann

Ob vor dem Mathetest oder vor einem Vortrag – schon der Gedanke an solche Situationen löst bei manchen Panik aus. Mit etwas Training lassen sich Prüfungsangst und Stress mildern oder überwinden, sagt eine Expertin.

Die Bad Dürkheimerin Susanne Edinger bringt Schülern und Studenten bei, richtig zu lernen und Prüfungen zu bestehen. Die promovierte Raum- und Umweltplanerin ist Professorin an der privaten SRH Hochschule in Heidelberg und dort stellvertretende Leiterin der Akademie der Hochschullehre. 400 junge Menschen hat sie bisher trainiert.

 

Frau Edinger, mit welchen Ängsten kommen Schüler und Studenten denn in der Regel zu Ihnen?

Ich würde sagen, 40 Prozent meiner Coachees haben Prüfungsangst. Weitere 40 Prozent haben Lernschwierigkeiten, die man mit Strategien beheben kann. Mit 20 Prozent der jungen Leute arbeite ich an der Motivation vor Prüfungen oder Bewerbungsverfahren.

 

Wie entsteht Prüfungsangst?

Oft durch negative Vorerfahrungen: Entweder ist die Person durch eine Prüfung gefallen oder in der Schule mit einem blöden Spruch bloßgestellt oder ausgelacht worden. Häufig passiert das mit zwölf, 13, 14 Jahren, wenn die Seele in der Pubertät zart besaitet ist. Unser limbisches System, die Gefühlsabteilung unseres Gehirns, erinnert sich daran und schiebt Panik. Ein anderer Grund für Prüfungsangst ist das eigene Selbstbild. Der Prüfling denkt, er könne nichts. Das hat oft Gründe in der Geschichte. Ich habe Studierende betreut, die sich mit größtem Fleiß bis zum Studium bewegt haben. Sie hatten eine Hauptschulempfehlung und hören noch immer die Aussagen der Lehrer, dass aus ihnen nichts werden könne. Ich frage sie dann, was sie schon geschafft haben. Das ist meist viel mehr als bei Jugendlichen, die direkt zum Studium gehen. Ich motiviere die Coachees, mehr an sich zu glauben.

 

Da haben es Akademikerkinder leichter als Arbeiterkinder. Akademikerkinder hätten einen Puffer gegen Prüfungsangst, behauptet die Universität Mannheim.

Ja. Kinder von Nicht-Akademikern haben häufiger Zweifel, ob sie in das neue Umfeld hineinpassen. Denn: Wenn sie studieren, entfernen sie sich von ihrem sozialen Milieu. Sie gehören aber auch noch nicht ins Akademikermilieu. Das höre ich auch häufig von Studenten mit Migrationshintergrund. Sie wollen ihre Familie, die viel in ihre Ausbildung investiert, nicht enttäuschen. Ich kann mir vorstellen, dass dadurch Angst entsteht. Akademikerkinder bleiben dagegen in ihrem Umfeld.

 

Dafür haben Akademikerkinder aber mit hohen Erwartungen zu kämpfen, selbst von ihren Mitschülern. Was können sie tun?

Ja, die Erwartungen der Peer-Group sind manchmal schlimmer als die der Eltern. Sie wollen vor den anderen bestehen oder gute Juristen- oder Medizinerkarrieren hinlegen wie andere Familienmitglieder. Außerdem brodelt vor Prüfungen die Gerüchteküche. Die Prüflinge machen sich gegenseitig verrückt. Wer das nicht ertragen kann, dem empfehle ich, erst kurz vor der Prüfung in den Raum zu gehen und die aufgeregten Freundinnen ein paar Tage vorher nicht zu treffen.

 

Was können Eltern zur Beruhigung ihrer Kinder tun?

Eltern können auf die Anforderungen achten, die sie den Kindern zumuten. Sie können Mut machen mit Sätzen wie „Wenn du das nicht schaffst, dann schaffst du etwas anderes“. Der Schlaf nach dem Lernen und vor der Prüfung ist wichtig. Und Eltern können darauf achten, dass die Jugendlichen vor der Prüfung nicht in die WhatsApp-Gruppe reinschauen. Dort schaukeln sie sich oft gegenseitig hoch.

 

Sollten Eltern WhatsApp vorher verbieten?

Sie können eher ein zeitlich begrenztes Experiment machen, ein Programm vereinbaren: Zum Beispiel zwei Tage vor der Prüfung nicht in den Chat schauen. Danach sehen sie gemeinsam, ob das wirksam war. Aber: Es kann sein, dass das bei Jugendlichen nicht gut funktioniert, weil es die Eltern empfehlen. Ich sage inhaltlich oft nichts anderes als Mütter, aber manchmal wirkt es besser, wenn es ein Coach sagt.

 

Welche Starkmacher verabreichen Sie den Schülern und Studenten?

Erstens erarbeite ich mit ihnen strukturelle Hilfen, die die Sicherheit erhöhen. Das sind Lerntechniken, Lernpläne. Zweitens arbeite ich mit emotionalen Hilfen, zum Beispiel mit dem „Inneren Team“, einer Metapher für die inneren Persönlichkeitsanteile, die mit den Schülern „sprechen“. Drittens wende ich die Wingwave-Methode an. Sie stammt aus der Traumatherapie. Damit durchbrechen wir die Katastrophenfilme, die vor dem inneren Auge ablaufen. Das klingt im ersten Moment sonderbar, aber die Methode wirkt am besten.

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