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Fernsehen

Romanverfilmung

«Babylon Berlin»: Drei Regisseure, eine Serie

Babylon Berlin

Die Regisseure Achim von Borries (l-r), Tom Tykwer und Hendrik Handloegten haben fünf freudvolle und zugleich qualvolle Jahre hinter sich.Foto: Jens Kalaene

Sie ist richtig aufwendig und teuer: Mitte Oktober startet die TV-Serie «Babylon Berlin» bei Sky. Wird sie das nächste große Ding?

Berlin (dpa) - Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries haben zusammen die Fernsehserie «Babylon Berlin» geschrieben und gedreht. Es ist die Verfilmung der Krimis von Volker Kutscher, die im Berlin der Weimarer Republik spielen.

Erstmals haben sich der Bezahlsender Sky und das Erste zusammengeschlossen, um das 38 Millionen Euro teure Projekt zu stemmen.

Ab 13. Oktober läuft «Babylon Berlin» im Pay-TV, ein Jahr später im Öffentlich-Rechtlichen. Vorlage für die ersten 16 Folgen ist der erste Kutscher-Band «Der nasse Fisch». Interviews geben die Regisseure im Dreierpack.

Frage: Die Arbeit am Drehbuch hat etwa drei Jahre gedauert. Sie haben einiges anders gemacht als es in den Romanen steht. Wie lief das?

Tom Tykwer: Die Romane haben uns die Folie geschenkt, ein Sittengemälde in Gewand eines Kriminalfilms zu drehen. Was Kutschers Stärken sind, die sehr genaue Recherche, das Berlin in dieser Zeit genau einzufangen, die toll recherchierten Details - das ist bei uns prominent drin. Er hat einen komplexen Plot vorgelegt, der für uns noch ausbaufähig war. Wir konnten in zwölf Stunden aus Randfiguren Hauptfiguren machen.

Henk Handloegten: Es war nicht die Idee, die Romane 1:1 zu übersetzen. Für uns war es kein abgeschlossenes Kunstwerk, sondern eine Einladung zur Ergänzung. Und das war ja auch in Volker Kutschers Sinne, wie wir an seiner positiven Reaktion sehen konnten.

Achim von Borries: Wir drei haben wie Musiker auf seinem Song improvisiert. Ich denke, es sind zwei Universen geworden, die Kutscher-Romane und «Babylon Berlin». Sie haben große Überschneidungen, aber man muss die beiden Sachen getrennt voneinander zusammen betrachten.

Frage: Kann es sein, dass Sie an der Figur der Charlotte Ritter einiges gedreht haben?

Handloegten: Ja, wir haben sie in ein proletarisches Milieu gepackt. Das fehlte uns bei «Der nasse Fisch». Wir fanden, dass sie es zu leicht hat.

Borries: Wir haben mit der Figur eine klassische Aufsteigergeschichte erzählt, eine Geschichte, die typisch ist für Berlin. Immer noch: Alle die hierherkommen, können sich in dieser Stadt neu erfinden.

Frage: Es gibt einigen Erwartungsdruck: von den Kutscher-Fans und auch von den Leuten, die jetzt die große deutsche Serie sehen wollen. Wie gehen Sie damit um?

Borries: Wir drei und unzählige Mitarbeiter in allen Bereichen, wir haben fünf Jahre unser Bestes gegeben. Diese Arbeit war freudvoll und qualvoll zugleich. Mehr ging nicht. Jetzt stehe ich da wie Luther und sage: Ich kann nicht mehr anders.

Handloegten: Ich freue mich, dass dadurch so ein großes Interesse an der Zeit generiert wird. Wer beschäftigt sich denn auf diese populärkulturelle Weise mit der Weimarer Republik? Ich verspüre es eher als wohlwollendes Interesse.

Frage: Kann «Babylon Berlin» um 20.15 Uhr im öffentlich-rechtlichen Fernsehen funktionieren?

Tykwer: Das ist wahnsinnig unvorhersehbar. Das Medium Fernsehen und der Zuschauer gehen gerade durch eine Metamorphose, die anhält. Es ist überall angekommen, dass sich neue Erzählformen niederlassen. Auch bei bekannteren Formaten wird das deutlich. Dass der «Tatort» jetzt in der Lage ist, ziemlich verrücktes Zeug zu machen, liegt daran, dass sich das Erzählen gerade erneuert. Wir sind ein Teil davon.

Borries: Warten wir es ab. In die ARD kommt die Serie ja dann als hoffentlich etablierte «Marke», die dann auch schon im Ausland zu sehen war und vorher auf dem Pay-TV. Ich habe Hoffnung, dass die Zuschauer neugierig genug sind und sich vorher eine Art Buzz verbreiten wird. Letztlich wollen wir natürlich, dass die Serie ein «Muss» wird: Musst du gesehen haben!

Frage: Stimmt es aus Ihrer Sicht, dass aus Deutschland bislang keine guten Serien kamen?

Borries: Das ist historisch falsch. «Heimat» fanden wir immer eine tolle Serie.

Handloegten: Oder «Das Boot» und «Tadellöser & Wolff». Es gibt eine Tradition des epischen Erzählens im Film. Wir fühlen uns «Heimat 1» von Edgar Reitz näher als «Westworld».

Frage: Sie betonen, wie aktuell «Babylon Berlin» ist, was meinen Sie damit?

Handloegten: Beim Jahr 1957 würde man sagen: ganz schön anders. Das geteilte Deutschland, der Kalte Krieg. Es ist eine vergangene Zeit. Wenn man früher über die Weimarer Republik gesprochen hat, war das auch so. Heute gibt es wieder eine Radikalisierung in der Gesellschaft - nicht nur in der deutschen - so dass es interessant ist, Parallelen zu entdecken.

Frage: Wann ist die Serie für Sie ein Erfolg?

Borries: Wenn wir sechs Staffeln gemacht haben und die halbe Welt auf Staffel 7 wartet, dann ist es ein Erfolg.

Frage: Wollen Sie als Team weiter zusammenarbeiten, falls es so viele Staffeln geben sollte?

Tykwer: Sehr gern. Im Moment fühlt sich das richtig an.

Handloegten: Wir denken erstmal an die dritte Staffel, die schreiben wir jetzt. Die werden wir hoffentlich nächstes Jahr drehen.

ZU DEN PERSONEN: Tom Tykwer (*1965) ist mit «Lola rennt», «Das Parfum» und «The International» einer der bekanntesten deutschen Filmemacher. Henk Kandloegten (*1968) war früher Videothekar, er drehte Filme wie «Liegen lernen» und arbeitete am Drehbuch von «Good Bye, Lenin!» mit. Auf der Film-Liste von Achim von Borries (*1968) stehen die Roman-Verfilmung «Jeder stirbt für sich allein» und «Was nützt die Liebe in Gedanken» mit Daniel Brühl.

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