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Wirtschaft

Deutschland ist nur Mittelmaß

Hintergrund: Warum der Ökoenergie-Vorreiter beim neuen Energiewende-Index ETI enttäuschend abschneidet

Von Judith Schäfer

Wasserdampf steigt aus den Kühltürmen des RWE-Braunkohlekraftwerks in Grevenbroich-Neurath in Nordrhein-Westfalen.

Wasserdampf steigt aus den Kühltürmen des RWE-Braunkohlekraftwerks in Grevenbroich-Neurath in Nordrhein-Westfalen. ( Foto: dpa)

«Ludwigshafen». Der Umbau der Energieversorgung in Deutschland stottert. Das zentrale Klimaziel der Bundesrepublik – die Reduzierung des Kohlendioxid-Ausstoßes bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 – wird klar verfehlt. Gleichzeitig wird Energie für Privathaushalte und Unternehmen tendenziell teurer. Deutschland ist offenbar dabei, seine Vorreiter-Position bei der Energiewende zu verspielen, während andere Länder aufholen.

Zu diesem Ergebnis kommt der kürzlich erstmals veröffentlichte Energiewende-Index (Energy Transition Index, kurz ETI), den das Wirtschaftsberatungsinstitut McKinsey zusammen mit dem Weltwirtschaftsforum entwickelt hat. Der Index untersucht den Stand der Energiewende in 114 Ländern anhand unterschiedlicher Parameter in zwei Kategorien: dem Sachstand der Umsetzung sowie den Ausgangsbedingungen. Der Sachstand wird anhand von 17 Einzelindikatoren ermittelt, die Ausgangsbedingungen werden aus 23 Indikatoren errechnet.

Für Deutschland ergibt das aus den Einzelindikatoren ermittelte Gesamtergebnis ein deutliches Ungleichgewicht zwischen Voraussetzungen und Umsetzung. Während Deutschland Platz elf bei den Ausgangsbedingungen einnimmt – den Spitzenrang belegt Finnland vor Dänemark und Schweden –, liegt es bei der Umsetzung nur auf Platz 44. Bester in dieser Kategorie ist Norwegen vor Schweden und der Schweiz. In der Addition beider Kategorien kommt Deutschland lediglich auf Platz 16. Die Plätze eins, zwei und drei belegen Schweden, Norwegen und die Schweiz.

Wieso aber schneidet Deutschland nicht besser ab? Trotz des stetigen Zuwachses von Ökostrom aus Sonne und Wind? Der Blick auf die Einzelindikatoren ist teilweise ernüchternd. In der Rubrik Struktur des Energiesystems belegt Deutschland den 110. von 114 Plätzen. Grund: seine hohe Abhängigkeit von Kohlestrom mit aktuell 42 Prozent im Energiemix. Dänemark, führen die Autoren der Studie an, verfüge über ähnlich wenig Wasserkraftkapazität wie Deutschland, habe sich ebenfalls gegen Kernkraft entschieden, aber – anders als die Bundesrepublik – seine Kohlekraftwerke nach und nach auf Biomasse umgerüstet. Der Anteil der Kohle am Strommix sei dort seit 1990 von 91 auf 28 Prozent gesunken, in Großbritannien im selben Zeitraum von 65 auf 9 Prozent.

So sehr sich der neue Index um die detaillierte Faktensammlung und -analyse bemüht, so bleiben doch Schwachstellen beim Vergleich heterogener Systeme. Außen vor bleiben etwa die absoluten Bevölkerungszahlen und -dichten der einzelnen Länder, die unterschiedlichen klimatischen Voraussetzungen und industriellen Strukturen. Außen vor bleibt, welche immensen Mengen an Biomasse notwendig wären, um die deutschen Kohlekraftwerke auf diesen Energieträger umzurüsten – vorausgesetzt, dies ist technisch möglich. Unberücksichtigt bleibt auch, welche Mengen an CO2 und möglicherweise auch an Feinstaub dadurch womöglich freigesetzt und neue Umweltprobleme schaffen würden.

Unberücksichtigt sind auch die klimatischen Verhältnisse: In einem von schwül-heißen Klima beherrschten südostasiatischen Stadtstaat wie Singapur ist der Energieaufwand für Kühlung naturgemäß hoch, während in einem Land in Nordeuropa wie Norwegen (Gesamtplatz 2) oder Finnland (Gesamtplatz 4) der Heizbedarf höher ist als etwa in Frankreich (Gesamtplatz 9). Anderes Beispiel: Island (Gesamtplatz 10) mit seinen heißen Quellen ist für Geothermie prädestiniert, während Dänemark (Gesamtplatz 5) aufgrund seiner Lage für Windkraft ein bevorzugter Standort ist – Faktoren, mit denen andere Länder gar nicht oder nur in wesentlich geringerem Maß punkten können.

Beachtenswert sind teilweise die Hinweise, in welchen Feldern Deutschland von anderen Ländern für die Energiewende lernen könnte. So empfehlen die Experten für Deutschland einen Mindestpreis für Kohlendioxid-Emissionen, wie er in Großbritannien seit 2013 auf bei der Stromerzeugung entstandenes CO2 erhoben wird. Er liegt deutlich über dem Preis für die EU-weit vorgeschriebenen CO2-Zertifikate und ist deswegen ein kraftvolleres Druckmittel, um klimafreundliche Stromerzeugung zu fördern.

Als problematisch erachten die Studien-Macher die Energiewende-Kosten in Deutschland und verweisen auf den „hohen Anteil an Steuern und Umlagen für Privatkunden und kleinere Industrieunternehmen“. Mit 54 beziehungsweise 45 Prozent Abgaben auf den Strompreis sei Deutschland Spitzenreiter in Europa. Fazit: „Eine Überarbeitung des derzeitigen Systems – voraussichtlich durch eine Umverteilung der Kosten – sollte daher schon bald auf der politischen Agenda stehen.“ Fundamentalkritik am bisherigen Energiewende-Management in Deutschland schicken die McKinsey-Energieexperten hinterher: „Die Transformation des Energiesystems kann nur gelingen mit klar formulierten, langfristig angelegten Zielen und ebenso konkreten wie konsequenten Maßnahmen zu ihrer Umsetzung.“ Kommentar

 

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