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Donnerstag, 26. September 2019 Drucken

Rheinland-Pfalz

Scheue Wildkatzen meiden Windräder: Forschung und Tagung

Wildkatzen breiten sich aus

Eine Wildkatze (Felis silvestris) klettert im Wildkatzengehege vom NABU Niedersachsen im Harz. Foto: Julian Stratenschulte/Archivbild

Im Kampf gegen Klimawandel sollen noch mehr Windräder aufgestellt werden. Das könnte seltene Sympathieträger auf vier Pfoten im Land beeinträchtigen. Darauf deuten Ergebnisse von neuen Forschungen zu Wildkatzen hin. Sie sollen bei einem Symposium präsentiert werden.

Neuwied (dpa/lrs) - Manche Wildkatzen in Rheinland-Pfalz meiden einem Forschungsprojekt zufolge Windräder. «Windenergieanlagen im Wald machen den ohnehin schon sehr beschränkt vorhandenen störungsfreien Raum für eine erfolgreiche Jungenaufzucht noch kleiner», kritisierte der Geschäftsführer der Deutschen Wildtier Stiftung, Hilmar Freiherr von Münchhausen, vor einer internationalen Tagung zu Wildkatzen an diesem Donnerstag und Freitag (26./27.9.) im Neuwieder Schloss Engers. Die scheue Europäische Wildkatze (Felis silvestris) zählt zu den seltensten einheimischen Säugetierarten und ist streng geschützt.

Dem bundesweit aktiven Verein Naturschutzinitiative zufolge haben bei dem Forschungsprojekt insgesamt 36 Wildkatzen in drei Gebieten in Eifel und Hunsrück über GPS-Sender Daten zu ihren Aktivitäten und Aufenthaltsorten geliefert. Von Münchhausen erklärte: «Die Ergebnisse zeigen, dass Siedlungen, Straßen und stark frequentierte Wege von Wildkatzen beiderlei Geschlechts strikt gemieden werden.» Den Windrädern blieben vor allem Katzen mit Nachwuchs fern.

«Muttertiere sind vermutlich besonders vorsichtig», sagte die Projektkoordinatorin Gabriele Neumann. Durchschnittlich überlebe ohnehin nur ein Viertel des Nachwuchses von Wildkatzen. Pro Jahr bekämen diese nur einmal Junge, Hauskatzen dagegen in der Regel zweimal. Lärm, Vibrationen, Schattenschlag: Warum genau Windräder Wildkatzen verschrecken könnten, sei unklar. «Auf jeden Fall haben diese Tiere ein viel besseres Gehör als wir und hören auch ganz andere Frequenzen», erläuterte Neumann, die Mitglied im Bundesvorstand der Naturschutzinitiative ist.

Dem rheinland-pfälzischen Energieministerium in Mainz zufolge sind mit Stand Ende 2018 landesweit 1750 Windräder mit einer installierten Leistung von etwa 3600 Megawatt in Betrieb. Im Kampf gegen den Klimawandel soll ihre Zahl weiter steigen. «Mehr Windräder könnten Wildkatzen unter Umständen zurückdrängen», sagte Neumann. Nach ihrer Ansicht sollten diese Anlagen nur auf freien Flächen errichtet werden und nicht auch in Wäldern. «Das sind sehr wertvolle Lebensräume voller Artenvielfalt.»

Besonders gern halten sich Wildkatzen den Ergebnissen des Forschungsprojekts zufolge auf natürlichen Waldlichtungen auf, die durch Stürme und Käferschäden entstanden sind. Deren Wechselspiel von offenen Bereichen, jungen Bäumchen und anderer Vegetation bieten laut Freiherr von Münchhausen den seltenen Säugetieren gute Bedingungen für die Jagd auf Mäuse, aber auch für ausgiebige Ruhephasen.

Die großen Sturmschäden der vergangenen Jahrzehnte in Wäldern haben somit nach Neumanns Worten die Ausbreitung von Wildkatzen begünstigt. Auch das Umdenken in der Waldwirtschaft hin zu mehr Mischwald unterstütze diesen Trend. «7000 bis 10 000 Wildkatzen gibt es heute in Deutschland», sagte die Projektkoordinatorin. «Davon lebt ungefähr die Hälfte in Rheinland-Pfalz.» Verbürgte Vergleichszahlen früherer Jahrzehnte lägen nicht vor.

«Die Wildkatze ist auf einem guten Weg, aber noch nicht über den Berg», ergänzte Neumann mit Blick auf den «Todfeind» des Säugetiers, den Straßenverkehr. «Sehr viele Wildkatzen fallen ihm zum Opfer. Es gibt da eine riesige Dunkelziffer, wenn zum Beispiel ein Tier schwer verletzt wird, sich zur Seite schleppt und im Verborgenen verendet.»

Zudem zerschneiden Verkehrswege die Rückzugsgebiete der scheuen Jäger, die in weitgehend isolierten Populationen leben. Die Vernetzung dieser Flächen etwa mit Grünbrücken über Straßen ist der Expertin zufolge für das langfristige Überleben als Art unumgänglich.

Der Sympathieträger auf vier Pfoten verlässt seine Verstecke meist nur nachts, um als Einzelgänger in einem ausgedehnten Gebiet auf Mäusejagd zu gehen. Wildkatzen fressen aber auch Vögel und Frösche. Sie werden bis zu 80 Zentimeter lang und sind somit kaum größer als Hauskatzen, haben indessen einen dickeren Schwanz mit einem stumpfen Ende. Von Laien werden sie oft mit den Stubentigern verwechselt.

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