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Samstag, 20. April 2019 Drucken

Politik

Verstummendes Ostergeläut

Von Chefredakteur Michael Garthe

Wenn die Glocken zum Ostergottesdienst rufen, feiern die Christen die Auferstehung Jesu. Doch immer mehr Kirchglocken schlagen nicht mehr. Kirchengeläute gehörte jenseits seines christlichen Hintergrundes jahrhundertelang zur Alltagskultur.

Wer weiß das schon noch: Am Gründonnerstag verstummten die Glocken der katholischen Kirchen. Die Erinnerung an das furchtbare Leiden Jesu, der am Karfreitag gekreuzigt wurde, machte traurig und stumm. Erst am Ostersonntag läuteten die Glocken wieder in besonders vollem Klang. Denn sie luden zum Festgottesdienst. Zur Feier der Auferstehung Jesu. Zur Feier des Sieges des Lebens über den Tod. Welch ein Freudentag für die Christenheit. In manchen Dörfern in Frankreich kann man es heute noch beobachten: Wenn das Ostergeläut erklingt, umarmen und küssen sich Menschen. Ein schöner Osterbrauch in unserem Nachbarland.

Kirchtürme und ihr Glockengeläut sind fester Bestandteil unseres Lebens. Oder waren sie es? Bald ein Dutzend Kirchengebäude in der Pfalz sind geschlossen, entweiht, umgewidmet: ob in Annweiler, Großniedesheim, Hauenstein, Haßloch, Marnheim, Neustadt, Speyer … Und aktuell ringen einige Kirchengemeinden um den Fortbestand ihrer Gotteshäuser. Sie scheinen auf verlorenem Posten. Denn die Kosten für Sanierung und Unterhalt der Bauten sind hoch, doch die Anzahl der Gemeindeglieder sinkt beständig. Wer braucht und erhält noch Gebäude, die immer weniger genutzt werden? Amtskirche und Kirchengemeinden sind überfordert. Ohne Spenden geht oft gar nichts mehr.

Nur die Älteren halten inne

Was geht verloren, wenn Kirchtürme geschlossen sind und ihre Glocken verstummen? Dem Ruf der Glocken zum Gottesdienst folgen eh nicht mehr viele. Und wer spricht das Vaterunser noch mit, wenn die Glocke davon kündet, dass protestantische Gottesdienstbesucher es gerade gemeinsam beten? Kirchengeläute kündet von Eheschließung oder Tod. Nur die Älteren wissen das noch und halten inne.

Gemeinsames Glockenläuten vieler Kirchen jenseits der Gottesdienstzeiten ist aber immer noch ein starkes Signal der Solidarität, des Mitfühlens, der Trauer aller Christen untereinander und darüber hinaus. Zuletzt, als die Glocken des Speyerer Domes und ganz vieler anderer Kirchen in Deutschland gemeinsam mit allen französischen Kirchturmglocken erklangen, um an den verheerenden Brand von Notre-Dame, der Kathedrale von Paris, zu erinnern und grenzüberschreitende Solidarität und Hilfe auszudrücken. Da zeigt sich, wie sehr das Christentum vom europäischen Geist beseelt ist, allem aufkeimenden Nationalismus zum Trotz.

Rückzug des Christentums

Kirchengeläute gehörte jenseits seines christlichen Hintergrundes jahrhundertelang zu unserer Alltagskultur. Der Stundenschlag und die Turmuhr waren noch bis in 20. Jahrhundert hinein die einzigen Zeitmesser. Der Stundenschlag rief zur Arbeit, zur Pause, zum Feierabend. Die deutsche Tugend der Pünktlichkeit wäre ohne das Läuten kaum denkbar. Heute allerdings ist der Stundenschlag für immer mehr Menschen eine Lärmquelle und Ruhestörung. Er wird in Dezibel gemessen und unterliegt Lärmschutzbestimmungen. Und immer häufiger führen Beschwerden dazu, dass Kirchenglocken teilweise verstummen oder kaum mehr weithin zu hören sind.

Wenn das Geläute der Glocken verstummt, ist das ein untrügliches Merkmal für den Rückzug des Christentums und der Amtskirchen aus unserer Gesellschaft. Mit ihm geht eine vertraute Tradition, geht ein Stück unserer Kultur, geht etwas Heimatliches verloren.

Wie schön ist aber doch das feierliche Geläut am Morgen des Ostersonntags. Wenn wir uns dabei alle geschwisterlich in den Arm nähmen, tatsächlich oder in Gedanken, egal welchen Glaubens und welcher Herkunft wir sind, wäre etwas gewonnen für unseren Zusammenhalt.

Pfalz-Ticker