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Montag, 12. März 2018 Drucken

Politik

Nachruf: Bischof ohne Berührungsängste

Von Anne-Susann von Ehr

Verschmitztes Lächeln: Bischof Karl Lehmann bei einer Pressekonferenz im Mai 2016.

Verschmitztes Lächeln: Bischof Karl Lehmann bei einer Pressekonferenz im Mai 2016. ( Foto: dpa)

Der neu ernannte Kardinal Karl Lehmann bekommt im Februar 2001 auf dem Petersplatz des Vatikans von Papst Johannes Paul II. seinen Kardinalsring überreicht.

Der neu ernannte Kardinal Karl Lehmann bekommt im Februar 2001 auf dem Petersplatz des Vatikans von Papst Johannes Paul II. seinen Kardinalsring überreicht. ( Foto: dpa)

Theologe, Vordenker, Buchautor, Vermittler, Antreiber, Menschenfreund – Kardinal Karl Lehmann hat in Kirche und Gesellschaft Spuren hinterlassen.

Fast 33 Jahre war er Bischof von Mainz, 20 Jahre stand er an der Spitze der Deutschen Bischofskonferenz. Am 11. März starb er im Alter von 81 Jahren.

Als der Dogmatikprofessor Karl Lehmann am 2. Oktober 1983 im Mainzer Dom zum Bischof geweiht und ins Amt eingeführt wurde, war er 47 Jahre alt. Die Art und Weise, wie Lehmann sein Bischofsamt ausfüllte und – von 1987 bis 2008 – als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz agierte, brachte ihm weit über Mainz hinaus Sympathie und Wertschätzung ein.

In Mainz war der gebürtige Sigmaringer vor allem deshalb so beliebt, weil er keine Berührungsängste kannte. Lehmann saß auch die längsten Fasnachtssitzungen aus, und er fieberte bei Heimspielen des FSV Mainz 05 auf der Tribüne mit, was ihm die Ehrenmitgliedschaft des Fußballvereins einbrachte. Neben mehreren Ehrendoktorwürden erhielt er eine Vielzahl von Auszeichnungen – vom Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband, dem Karl-Barth- wie dem Romano-Guardini-Preis über die Martin-Luther-Medaille bis zum „Orden wider den tierischen Ernst“.

Herzerfrischendes Lachen

 

Nicht zuletzt gelang es dem 87. Nachfolger des heiligen Bonifatius und Ehrenbürger von Mainz, Menschen mit seinem herzerfrischenden Lachen für sich zu gewinnen. Und bei aller Intellektualität blieb er stets bodenständig. Ein langjähriger Vertrauter, der 2012 verstorbene Weihbischof Werner Guballa, charakterisierte Bischof Lehmann so: weltoffener Wissenschaftler, menschennaher Hirte und bedächtiger Chef.

Karl Lehmann polarisierte nicht, handelte überlegt und bemühte sich, sowohl kirchlich als auch gesellschaftspolitisch zu vermitteln. Er erwarb sich den Ruf, ein „Glücksfall für die deutschen Katholiken“ zu sein. Lehmann führte als Vorsitzender der Bischofskonferenz nach dem Fall der Mauer die Katholiken aus Ost- und Westdeutschland zusammen, trat unermüdlich für den Schutz des Lebens ein und gab wichtige Impulse für das ökumenische Gespräch.

Um den Dialog bemüht

 

Bereits während seiner Zeit als Mainzer Professor für Dogmatik wurde er Ende der 1960er Jahre Mitglied im Ökumenischen Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen, 1988 übernahm er katholischerseits den Vorsitz. Vieles, was später zwischen Protestanten und Katholiken möglich wurde, brachte man hier gewissermaßen auf den Weg.

Karl Lehmann wusste, dass es für die wenigsten ethischen und seelsorglichen Fragen der Gegenwart schnelle Antworten oder einfache Lösungen gibt. Für ihn stand aber außer Frage, dass nur gemeinsame Anstrengungen Kirche und Gesellschaft voranbringen. Das war Antrieb für ihn, Sorgen und Fragen der Menschen ernstzunehmen und den Dialog mit Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zu suchen und zu führen. „Für mich ist Dialog unverzichtbar als Mittel der Kommunikation in und außerhalb der Kirche“, sagte Kardinal Lehmann einmal.

Dass dieser Dialog an Grenzen stoßen kann, erfuhr der Schüler des großen Konzilstheologen Karl Rahner, dessen Assistent er beim Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 - 1965) war, immer wieder. Vor allem in der Kommunikation mit dem Vatikan. Lehmann packte heiße Eisen in der Kirche an – wie das Diakonat der Frau oder einen anderen Umgang der Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen. Aber die Vorstöße, die heute wieder auf der Kirchenagenda stehen, wurden damals in Rom rüde abgeblockt.

Getan hat sich nichts

 

Auch die Zulassung bewährter verheirateter Männer (viri probati) zur Priesterweihe – in der katholischen Kirche werden nur ledige Männer geweiht – trieb den Kardinal um. Bereits 1970 formulierte er gemeinsam mit seinem Lehrer Karl Rahner ein Memorandum, das den Zölibat, die Ehelosigkeit, als einzige Lebensform für Priester infrage stellte.

Getan hat sich nichts. Was Lehmann kurz vor seinem 80. Geburtstag so kommentierte: „Wenn wir auch noch so viele Priester aus Indien und Polen und aus anderen Ländern zu uns berufen, kann das genau genommen keine Lösung sein.“

In Erinnerung ist vielen noch Lehmanns langes Ringen mit Rom, damit die katholische Kirche im staatlichen System der Schwangeren-Konfliktberatung bleiben kann. Streitpunkt war der Schein, der den Frauen nach einer Beratung ausgestellt wird und der für eine straffreie Abtreibung nötig ist. Innerhalb der Bischofskonferenz waren die Fronten so verhärtet, dass sie drohte auseinanderzubrechen. Letztlich musste Lehmann, nachdem Papst Johannes Paul II. auch ein letztes Kompromissangebot abgelehnt hatte, eingestehen: „Wir haben gekämpft und wir haben verloren. Jetzt müssen wir auf Zukunft hin das Beste machen.“ Das war im Jahr 1999. Seine Loyalität zum Papst blieb.

Krisen und Skandale

 

Zwei Jahre später – nachdem Lehmann bei Kardinals-Ernennungen wiederholt übergangen worden war –, erhielt er in einem merkwürdigen Nachnominierungsverfahren den Kardinalshut. Als Mitglied des Kardinalskollegiums nahm er am Konklave im April 2005 teil, aus dem Joseph Ratzinger als Papst Benedikt XVI. hervorging, und am Konklave im März 2013, das den Argentinier Jorge Mario Bergoglio zum Papst wählte.

Im Dienst der Kirche blieb Karl Lehmann nicht vor Krisen und Skandalen verschont. Nach einer Exorzismus- Affäre musste der Mainzer Weihbischof Franziskus Eisenbach im Jahr 2002 sein Amt aufgeben. Zu den Tiefpunkten gehörten die Fälle des sexuellen Missbrauchs, deren Ausmaß Lehmann anfangs nicht wahrhaben wollte. Der Skandal zog ebenso wie die Auswirkungen der Limburger Affäre um Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst viele Kirchenaustritte nach sich.

Lehmann selbst zählte nach eigenen Worten die zwölf Jahre in Freiburg, in denen er dort von 1971 an als Professor für Dogmatik und Ökumenische Theologie lehrte und forschte, „zu den schönsten in meinem Leben “. Es sei eine wertvolle Erfahrung, zu sehen, „wie junge Leute an der Universität aufwachen und beginnen, ihren Wissensdurst zu stillen“. Seinen Wissensdurst behielt der Kardinal bis zuletzt. Über 4000 theologische Veröffentlichungen hinterlässt der „Freund der Bücher“, der sich im Bischofshaus mit über 100.000 Bänden umgab, der Nachwelt.

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