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Dienstag, 08. März 2016 Drucken

Politik

„Mann, ist die Klöckner klasse“

Von Michael Garthe

 

Erzählen von früher und von heute: Flugs plaudert Julia Klöckner mit. ( Fotos: K. Schäfer)

Mainz-Gonsenheim, Breite Straße: Klöckner geht entschlossen auf die Menschen zu, fröhlich lachend. ( Fotos: K. Schäfer)

Der Wind pfeift eisig: Widmung von der Spitzenkandidatin. ( Fotos: K. Schäfer)

WAHLKAMPF VOR ORT: Morgens Stimmenfang auf der Straße, mittags in einer integrativen Wohneinrichtung, abends bei Parteianhängern. Julia Klöckner will mit Fröhlichkeit, Neugier und Detailwissen überzeugen. Über einen langen Wahlkampftag in Mainz, an Lahn und Mosel und im Hunsrück mit der Spitzenkandidatin der CDU.

Sie fällt auf, so groß gewachsen, wie sie ist. Auf Stimmenfang ist sie unterwegs in der Breiten Straße in Mainz-Gonsenheim. Die Menschen drehen sich um nach Julia Klöckner. Eine Bäckersfrau winkt ihr aus dem Laden zu. Die Spitzenkandidatin der CDU ist so bekannt, wie es bisher kein Oppositionsführer vor ihr war. Klöckner geht auf die Menschen entschlossen zu, fröhlich lachend, entwaffnend. Niemand dreht sich weg, alle nehmen die Wahlkampfbroschüre von ihr. Einer sagt: „Hoffentlich kommt die FDP wieder in den Landtag.“ Frauen sind im Straßenwahlkampf einfach besser als Männer. Man kann das bei Malu Dreyer und Julia Klöckner gleichermaßen beobachten. Ihrem Charme kann man sich kaum entziehen. Da kommt selbst Kurt Beck in seinen besten Zeiten nicht mit.

Julia Klöckner hat Glück: Ein Passant stellt sich vor als Gonsenheimer Ortspolizist kurz vor der Pensionierung. Er klagt über die Überlastung im Dienst und dass zu wenig junge Polizisten eingestellt worden seien. 1,6 Millionen Überstunden hätten sich bei der Polizei im Land angestaut und die Hochschule der Polizei am Flughafen Hahn müsse ausgebaut werden, sprudelt es aus Klöckner heraus.

Eine halbe Stunde später: Umschalten, zuhören, fragen. Besuch einer integrativen Wohneinrichtung der Kreuznacher Diakonie in Gonsenheim. Ein neuer, freundlicher Gebäudekomplex. Hier leben ältere Menschen, behinderte Menschen und Studenten zusammen. Die Leiterin Ilka Sax-Engels hat die Chance erkannt, die Anwesenheit Klöckners, die von Journalisten begleitet wird, als Werbung für ihre Einrichtung zu nutzen. Klöckner, die ausgebildete Journalistin, stellt viele Fragen. Es geht um Modelle der Inklusion, um den Umgang mit dementen Mitbürgern, um Palliativmedizin. Klöckners Neugier ist echt. In ihrem Buch „Zutrauen. Ideen statt Ideologien“, setzt sie sich, auch aus theologischer Sicht, ausführlich mit diesen Themen auseinander.

Beim Rundgang suchen Schwerstbehinderte Körperkontakt mit Julia Klöckner. Die hat keine Berührungsängste. In einer WG junger behinderter Menschen zeigt ihr die 20-jährige Anna-Lena die Wohnung und ihr Zimmer, erzählt stolz, dass sie in einer Wäscherei arbeite. Klöckner nimmt sich Zeit. Anna-Lenas Eltern berichten, wie froh sie sind, für ihre einzige Tochter nach deren Schulzeit diese Möglichkeit des beaufsichtigten, selbstständigen Lebens gefunden zu haben.

In einem Gemeinschaftsraum sitzt eine Studentin der Ägyptologie zusammen mit Seniorinnen und Senioren. Sie erzählen von früher und von heute. Flugs sitzt Julia Klöckner unter ihnen und plaudert mit. Was für ein Erlebnis für alle.

Der Zeitplan gerät in Verzug. Schnee behindert das Fortkommen von Klöckners Wahlkampfbus auf dem Weg nach Lahnstein. Vor der Stadthalle dort stehen örtliche Parteigrößen und diskutieren darüber, warum die Umfragewerte für die CDU fortlaufend sinken. Drinnen warten etwa 250, meist ältere Zuhörer, unter ihnen viele Frauen, schon fast eine Stunde sehr geduldig. Als Klöckner endlich da ist, stehen alle auf und klatschen. Wer weiß, die wievielte Wahlkampfrede die 43-Jährige jetzt hält. Sie spricht frei. Bildung, Sicherheit, Flüchtlinge und Integration sowie Infrastruktur sind feste Blöcke. Manchmal ist Klöckner dabei zu sehr im Wahlkampf-Modus, packt zu viel rein, übertreibt die Didaktik: „Ja, das ist kompliziert. Da müssen wir jetzt mal tiefer reingehen, um es zu verstehen.“ Die Leute hören lieber Grundsätze von ihr für die Erziehung von Kindern zum Beispiel oder für das Zusammenleben von Jung und Alt. Immer, wenn ihr christliches Menschenbild deutlich wird, erntet Klöckner viel Applaus. So ist es auch bei der inneren Sicherheit. Die Forderung nach mehr Polizei und nach Körperkameras für Polizisten kommt immer an.

Als die CDU-Landesvorsitzende, die ja zugleich stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU ist, auf die Flüchtlingsfrage zu sprechen kommt und auf ihren bundesweit berühmt gewordenen Plan „A 2“, ist der Applaus nicht so groß wie erwartet. Zumindest die Parteianhänger goutieren einen Dissens zwischen der Kanzlerin und ihrer Stellvertreterin nicht. Vielleicht auch deshalb hat Klöckner das Thema bei ihren Wahlkampfauftritten zurückgefahren. Das Publikum bestätigt sie darin, denn in der anschließenden Frage- und Diskussionsrunde, zu der Klöckner immer aufruft, spielt die Flüchtlingsfrage so gut wie keine Rolle. Hochwasserschutz, eine Brücke fürs Mittelrheintal, der Tourismus, die Verschuldung des Landes, fehlende Lehrer – das sind die Themen, die die Zuhörer bewegen.

Warum stellen sich Politiker bei Minusgraden auf einen Parkplatz und machen Wahlkampf? Da kommt doch keiner hinterm warmen Ofen hervor. Denkste! Als Julia Klöckner am Nachmittag auf dem Parkplatz eines Lebensmittelmarktes in Emmelshausen im Hunsrück ankommt, warten so etwa 30 Leute auf sie. Und es kommen tatsächlich immer mehr dazu. Der Wind pfeift eisig. Schneeflocken sausen um die Köpfe. Man spannt ein Dach aus Schirmen. Klöckner zieht Handschuhe an, und dann entwickelt sich eine kontroverse Diskussion über die Notwendigkeit einer Brücke im Mittelrheintal und andere regionale Themen. Nicht mal nach einer halben Stunde macht irgendjemand Anstalten, das Weite zu suchen. Die Hunsrücker leben gerade mal 120 Kilometer von der Pfalz entfernt. Es scheint aber, als könnten sie mühelos auch in Sibirien (über-)leben.

Endlich geht Julia Klöckner in die Wärme des Marktes. An der Bäckerei verrät sie, dass sie am liebsten Marmorkuchen isst, schön schwarz-gelb, und Streuselkuchen nach Omas Rezept. Sie verteilt ihre Broschüren. Wieder wendet sich keiner ab. Ein britischer Journalist, der über Dreyer und Klöckner schreibt, fragt verdutzt: „Gibt es in Deutschland überhaupt Leute, die Politiker nicht mögen?“

Zell an der Mosel, 19 Uhr. Die „Schwarze-Katz-Halle“ ist voller Menschen, unter ihnen viele junge. Eine Musikkapelle spielt. Die Halle ist anders ausstaffiert als am Abend vorher, als Malu Dreyer hier war. Die Stühle sind im Halbrund aufgebaut. In der Mitte steht ein Bistrotisch. Kein Scheinwerfer blendet. Julia Klöckner nimmt das Mikrofon, wandert beim Reden hin und her, geht direkt aufs Publikum ein, scherzt mit den Honoratioren. Die Frau könnte locker eine Fernsehschau moderieren. Souverän schlägt sie das Publikum in ihren Bann. Die Fragerunde dauert bis 21.30 Uhr. Keiner geht. Am Ende Begeisterung. Auf der Treppe zum Ausgang sagt ein Mann zu seiner Frau: „Mann, ist die Klöckner klasse.“ Schmunzelnd antwortet die Frau: „Vielleicht wäre ich besser allein hierher gegangen.“

 

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