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Mittwoch, 24. Oktober 2018 Drucken

Politik

Kaiserslautern: Vom sozialen Brennpunkt an internationales College

Von Annette Weber

Nach zwei Jahren College gehen die Schüler – hier Carl, Jeremias und Mathias (von links) – mit einem International Baccaleaureate von der Schule ab.

Nach zwei Jahren College gehen die Schüler – hier Carl, Jeremias und Mathias (von links) – mit einem International Baccaleaureate von der Schule ab. (Foto: Weber)

Jeremias (Mitte) bedauert es jetzt schon, dass er sich nach Schulabschluss von seinen Freunden Kevin, Aniska und Ekin (von links) trennen muss.

Jeremias (Mitte) bedauert es jetzt schon, dass er sich nach Schulabschluss von seinen Freunden Kevin, Aniska und Ekin (von links) trennen muss. (Foto: Weber)

Das Robert Bosch College ist in einem ehemaligen Kloster am Stadtrand von Freiburg untergebracht.

Das Robert Bosch College ist in einem ehemaligen Kloster am Stadtrand von Freiburg untergebracht. ( alle Fotos: büt)

In den Wohngruppen des Internats leben bis zu acht ausländische und mindestens ein deutscher Schüler zusammen.

In den Wohngruppen des Internats leben bis zu acht ausländische und mindestens ein deutscher Schüler zusammen.

Schule der Zukunft – Zukunft der Schule (12): Wer in Deutschland etwas werden will, braucht in der Regel das entsprechende Elternhaus. Das ist zumindest das Ergebnis diverser Untersuchungen. Doch es gibt auch Ausnahmen von der Regel. Jeremias zum Beispiel, der aus einem Brennpunkt-Viertel in Kaiserslautern stammt und im nächsten Jahr seinen Abschluss am Robert Bosch College in Freiburg machen wird.

Jeremias ist gefordert. Er muss seine Umfrage zu den politischen Einstellungen der Schülerschaft am Robert Bosch College verteidigen. Seine Kurskolleginnen und -kollegen im Fach Wissenstheorie sind ziemlich kritisch. Alles wird hinterfragt – freundlich, aber knallhart in der Sache. Der Lehrer dagegen hält sich fast völlig raus aus der Diskussion.

Dass Jeremias im nächsten Jahr an der Freiburger Robert Bosch College seinen Abschluss macht und gute Aussichten hat, ein Stipendium für eine US-Universität zu bekommen, wurde ihm nicht in die Wiege gelegt. Im Gegenteil: Weil in Deutschland der Bildungserfolg immer noch zum großen Teil vom sozialen Status der Eltern abhängt, sah die Zukunft des heute 17-Jährigen gar nicht so rosig aus. Denn Jeremias stammt aus einer „Hartz IV-Familie“, wie er sagt. Vater und Mutter haben beide psychische Probleme und waren nur selten erwerbstätig. Die Beziehung der Eltern ging schon früh in die Brüche, die Mutter war mit der Erziehung der Kinder – Jeremias hat noch einen Zwillingsbruder – völlig überfordert. Und so kam es, dass sich Jeremias eines Tages aufmachte zum Kaiserslauterer Jugendamt und dort eine Mitarbeiterin bat, ihn aus seiner Familie zu nehmen. Elf Jahre war der Junge damals alt.

Sozial engagiert

Wenn er heute, sechs Jahre nach diesem Wendepunkt in seinem Leben, von seiner Familie spricht, schwingt keine Bitternis mit. „Das gehört alles zu mir, zu meiner Persönlichkeit“, sagt der 17-Jährige. Seinen Eltern werfe er nichts vor, „sie konnten halt einfach nicht anders.“ Aus seinen Worten ist jedoch ein wenig Traurigkeit herauszuhören. Und auch Liebe zu seiner Familie, die er inzwischen nur noch selten sieht. „Mir bricht es das Herz, wenn ich an meinen Bruder denke“, erzählt der Schüler. Der sitze daheim, ohne Beruf und ohne Perspektiven. Er würde ihm ja gern helfen, meint Jeremias, aber wie?

Helfen, das ist ein wichtiges Thema für den 17-Jährigen. Nachdem ihn das Jugendamt in einer Wohngruppe des SOS-Kinderdorfs Kaiserslautern untergebracht hatte, begann er sich sozial zu engagieren, bei Unicef, bei der SPD. Heute gibt er einem der Helfer in der Schulküche regelmäßig Englischunterricht. Jeremias ist dankbar für die Hilfe, die er selbst in seinem bisherigen Leben bekommen hat: von einem Lehrer an seiner „alten“ IGS in Kaiserslautern, vom Jugendamt, vom SOS-Kinderdorf, von SPD-Freunden und vom Robert Bosch College mit seinen Sponsoren. Umgekehrt möchte er nun dazu beitragen, „die Welt ein wenig besser zu machen“.

Mit dieser Einstellung rannte er bei seiner Bewerbung in Freiburg vor gut zwei Jahren offene Türen ein. Die United World Colleges, zu denen das Freiburger Bosch College gehört, suchen ihre Schüler weltweit nicht nur nach Intelligenz und Leistungsbereitschaft aus. Die Mädchen und Jungen sollen auch Interesse haben an den zentralen Zukunftsthemen: an sozialen Fragen, Umweltschutz und nachhaltigem Wirtschaften, an Völkerverständigung und Friedenssicherung. Die Schule in einem ehemaligen Kloster mit traumhaftem Blick über die Universitätsstadt Freiburg ist, anders als man es auf den ersten Blick vermuten möchte, keine Kaderschmiede für Kinder reicher Eltern. 70 Prozent der Schüler erhalten derzeit ein Vollstipendium. Unter den 200 Mädchen und Jungen, die aus 90 verschiedenen Staaten kommen, haben nur die allerwenigsten gutbürgerliche, wohlhabende Eltern. In Freiburg gehen ehemalige Straßenkinder aus den Slums zur Schule, Kriegswaisen und seit 2015 auch unbegleitete Flüchtlinge.

"Musste viel schneller erwachsen werden"

Das Zusammenleben dieser bunt gemischten Schar ist nicht immer einfach. Hier lernen Israelis und Palästinenser Seit’ an Seit’ mit Iranern, Irakern und Syrern. Taiwan-Chinesen und Uiguren müssen mit Festland-Chinesen zurechtkommen und Russen mit Ukrainern. „Aber spätestens, wenn sie abends miteinander kochen, merken die Angehörigen verfeindeter Nachbarländer schnell, wie nah sie einander in Wirklichkeit sind“, erzählt Schulleiter Laurence Nodder. Junge, benachteiligte Menschen fördern, das liegt dem aus Südafrika stammenden Pädagogen am Herzen. Als Lehrer an einer „schwarzen“ Schule zu Zeiten der Rassentrennung hat Nodder zu Beginn seines Berufslebens erlebt, was Benachteiligung bedeutet.

Das weiß auch Jeremias. „Ich komme aus einem Viertel, da verirrt sich kein Abgeordneter hin, da sind auch keine Jugendorganisationen vor Ort“, erzählt er. Glücklicherweise habe er schon früh gewusst, was er wolle: nämlich studieren und etwas aus sich machen. „Ich musste eben viel schneller erwachsen und selbstständig werden“, meint der 17-Jährige.

Manchmal, wenn Jeremias bei seiner sehr wohlhabenden Tutoren-Familie in Frankfurt ist, taucht er ein in eine völlig andere Welt. Dort hinein, wo man teure Autos fährt und mehrmals im Jahr in Urlaub geht. Dass er so offen mit seiner schwierigen Biografie umgeht, hilft ihm. Auch wenn er, so erzählt Jeremias, durchaus noch schlucken müsse, wenn er gefragt werde, was seine Eltern so machten und was sie studiert hätten.

 

Die Serie

Was läuft schief an unseren Schulen und was vorbildlich? In der Reihe „Schule der Zukunft – Zukunft der Schule“ beleuchten wir das Thema Bildung. Die bisherigen Beiträge sind am 7., 11. und 30. Mai, 27. Juni, 9. Juli, 1., 8., 17. und 27. August sowie am 8. und 22. Oktober erschienen.

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