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Mittwoch, 22. August 2018 Drucken

Politik

Grün, grüner, Grenoble

Frankreichs erster grüner Großstadtbürgermeister setzt in der Alpenstadt Maßstäbe im Kampf gegen die Belastung der Einwohner durch Feinstaub, Kohlendioxid und Ozon. Im dicht besiedelten Talkessel haben nun die Radfahrer Vorfahrt, nicht die Autofahrer. Das gefällt nicht allen. Manche sprechen von einem „Öko-Diktator“.

Von Axel Veiel

Raus aus dem Talkessel mit schlechter Luft: Die Seilbahn führt von Grenobles Innenstadt zum Fort de la Bastille.

Raus aus dem Talkessel mit schlechter Luft: Die Seilbahn führt von Grenobles Innenstadt zum Fort de la Bastille. ( Foto: Jörg Sancho Pernas/ Wikimedia Commons/Frei)

Eric Piolle: früher Manager, heute Oberbürgermeister.

Eric Piolle: früher Manager, heute Oberbürgermeister. ( Foto: Enzolesourt/Frei)

Eine Seilbahn zum Wohlfühlen ist das. Dunkles Holz, helles Aluminium, Panoramafenster. Und sicher ist sie offenbar auch. Das Tragseil, steht auf einer Plakette zu lesen, würde selbst bei einer Belastung von 150.000 Tonnen nicht reißen. Und doch wird einem auf der Fahrt zu Grenobles Fort de la Bastille mulmig. Denn da rückt nicht nur die 264 Meter über der Stadt gelegene Festung näher. Beim Blick durchs Plexiglas-Fenster glaubt man auch zu erkennen, was beim Einsteigen noch graue Theorie schien: die über Grenoble hereinbrechenden Auswirkungen des Klimawandels.

In einer vom Rathaus herausgegebenen Broschüre war davon die Rede gewesen. Grenoble sei eine Hitzeinsel, stand da. Die dichte Bebauung im Stadtzentrum wirke wie ein gigantischer Wärmespeicher. Es fehle an Verdunstungskühle spendendem Grün. Die Talkessellage verhindere den Luftaustausch mit der Umgebung. Schon jetzt sei die Temperatur in der Innenstadt fünf bis acht Grad höher als am Stadtrand. Bis 2050 seien in Grenoble jährlich 43 Tage mit Temperaturen über 35 Grad zu erwarten, einhergehend mit gefährlich hohen Schadstoff- und Ozonkonzentrationen in der Luft.

Übertrieben hatte das geklungen. Aber nun nimmt das in der Broschüre geschilderte Kesselphänomen Konturen an. Rundum ragen Berge auf, gekrönt von kahlen Felswänden, an denen kein Baum, kein Strauch mehr Halt findet. Im Tal zeichnet sich unter flimmernd-heißer Luft ein Häusermeer ab. 160.000 Einwohner drängen sich hier. Im Ranking der am dichtesten besiedelten Gemeinden Frankreichs liegt Grenoble auf Platz drei.

Als das Fort erreicht ist, flimmert die Luft nicht mehr nur. Der Blick auf die Stadt wird getrübt durch die Dunstglocke über ihr.

Aber da ist auch Hoffnung. Grenoble rebelliert. Die Stadt wehrt sich vor allem gegen die von Autos freigesetzten Schadstoffe: gegen Krebs erregenden Feinstaub, den Treibhauseffekt verstärkendes CO2, gegen das Augen und Atemwege reizende Ozon. Vorneweg marschiert Eric Piolle, Frankreichs erster grüner Großstadtbürgermeister.

Wenn es um Umweltschutz geht, kennt er kein Pardon. Als „Pol Piolle“ schmähen ihn diejenigen, die sich dem Ökofeldzug des Stadtoberhaupts entgegenzustellen versuchten und auf der Strecke geblieben sind – eine Anspielung auf die Terrorherrschaft des früheren kambodschanischen Diktators Pol Pot. Der 45-jährige Eric Piolle selbst sieht sich als „optimistischer Kämpfer“. Der Ingenieur und frühere Manager des Computerherstellers Hewlett Packard, der 2014 wider alle Prognosen das Rathaus eroberte, kämpft für ein grünes Grenoble.

Piolle hat in der Stadt flächendeckend Tempo 30 eingeführt und Order gegeben, die Höchstgeschwindigkeit auf den verbleibenden Straßen an Tagen mit hoher Luftverschmutzung um 20 Stundenkilometer zu reduzieren. Mit quer durch die Stadt verlaufenden Fahrradschnellstraßen, neuen Straßenbahnlinien und Fußgängerzonen hat er Fortbewegungsalternativen geschaffen, Autofahrern das Vorankommen aber zugleich noch mehr erschwert.

Auch hat der Ex-Manager zum 1. Januar 2017 eine Vignettenpflicht eingeführt. Nutzfahrzeuge, die mit brauner oder grauer Vignette als Dreckschleudern ausgewiesen sind, dürfen im Stadtzentrum und angrenzenden Gebieten an Werktagen zwischen sechs und 19 Uhr nicht mehr verkehren. An Tagen mit hoher Luftverschmutzung trifft der Bannstrahl alle braune oder graue Vignetten tragenden Autos.

Anfang kommenden Jahres soll der nächste Schritt folgen. Rund um den verkehrsberuhigten Teil Grenobles soll dann Frankreichs größte Zone mit niedrigem Schadstoffausstoß (ZCR) entstehen. Neun Nachbargemeinden wollen sich den von Piolle erlassenen Verkehrsbeschränkungen anschließen. Diesel-Lkw, so modern sie auch sein mögen, ist die Zufahrt zur neuen ZCR verwehrt.

Anders als die üble Nachrede von „Pol Piolle“ und der Umfang des Verordneten nahelegen, setzt der Vater von vier Kindern aber weniger auf Furcht vor Strafe als auf Freude an umweltgerechtem Verhalten. „Lust auf Umweltschutz will ich machen“, sagt Eric Piolle. Nur so, glaubt er, könnten sich dauerhaft neue Reflexe herausbilden – wie etwa jener, das Auto am Stadtrand auf einem der acht großen Parkplätze zurückzulassen. „Um 50 Prozent verbilligte Bahn- und Bustickets für Jugendliche, 320 Kilometer Radwege im Großraum Grenoble, 12.000 Fahrradstellplätze oder auch neue Straßenbahnlinien – da macht es doch Spaß, das Auto stehen zu lassen“, findet der Bürgermeister. Er selbst fährt mit dem Dienstfahrrad zur Arbeit.

Radfahrern in Grenoble ist fast alles erlaubt. Unbekümmert braust man gegen die dem Autoverkehr vorgeschriebene Fahrtrichtung durch Einbahnstraßen, erfreut sich an breiten, ehemals Autos vorbehaltenen Fahrspuren, die den Radlern nun ganz allein gehören. Für Frankreich ist das eine Revolution.

Am Ufer des Flusses Isère angelangt, stößt man auf einen der von Piolle in Auftrag gegebenen öffentlichen Schrebergärten. Bürger können dort Blumen pflanzen oder Gemüse anbauen. Bunte Flecken im Stadtbild sind die Gärten, die umso mehr die Blicke auf sich ziehen, als ihnen Werbetafeln und Leuchtreklame kaum Konkurrenz machen.

„Eine friedvolle Stadt“, hat Piolle den Bürgern bei seinem Amtsantritt versprochen. Plakative Aufforderungen zum Konsum, findet er, vertragen sich damit nicht. Das Stadtoberhaupt hat sie daher im öffentlichen Raum verboten. Wer alten Verhaltensreflexen verhaftet ist, läuft freilich Gefahr, die Straßenbahn zu verpassen. In Grenoble hält die Tram vor leicht zu übersehenden Plexiglas-Scheiben und grauen Sitzbänken.

Auf Gegner des Wandels stößt man beim Radeln allerdings auch. Nordine Aouane zählt zu ihnen. Er ist Besitzer des „Shakesbeer“, eines in der Altstadt gelegenen Pubs. Was Touristen als Idyll enger Gassen, schmiedeeiserner Laternen und roter, gelber oder brauner Fassaden wahrnehmen mögen, ist dem aus Algerien eingewanderten Aouane keines mehr. Vom Autoverkehr abgeschnitten und ohne Parkplätze könne seine Kneipe wirtschaftlich nicht überleben, sagt Aouane in resigniertem Ton.

Jérémie Granier hat noch nicht resigniert. Der Geschäftsführer der Brasserie Chavant ist wütend. Stammkunden des 1852 gegründeten Nobelrestaurants blieben zunehmend aus, erzählt er. Sie zögen Gaststätten vor, die mit dem Auto erreichbar seien, vor denen sie parken könnten. Der Umsatz sei um 20 Prozent eingebrochen.

„Bei jedem Wandel gibt es auch Verlierer“, räumt Piolle ein. Im vergangenen Jahr schien es eine Zeit lang so, als machten die Verlierer gemeinsame Sache. Der Bürgermeister sah sich gezwungen, bei Gemeinderatssitzungen Polizeischutz anzufordern. Vor dem Eingang des Rathauses marschierten Sondereinsatzkräfte auf. Doch der Widerstand ist abgeflaut. Ehemals entrüstete Bürger haben die Seiten gewechselt. Anaëlle zählt zu ihnen. Die 24-jährige Schneiderin, die sich nach einem Jahr in der Kostümabteilung von Disneyland Paris nun in Grenoble mit Gelegenheitsjobs durchschlägt, hatte den neuen Bürgermeister anfangs zum Teufel gewünscht. Doch irgendwann, erzählt die junge Frau, sei der Frust der Freude am Radfahren und billigen Busfahrten gewichen.

Nicht viel anders erging es dem Besitzer eines seit 50 Jahren in Grenoble ansässigen Stoffgeschäfts. Er habe Piolle erst verflucht, sich dann an ihn gewöhnt, schließlich seinen Frieden mit ihm gemacht, sagt der Mann. Eine grüne Stadt, hofft er, gewinne an Attraktivität, was sich irgendwann auch finanziell bezahlt machen werde.

Gut möglich, dass Piolle 2020 noch einmal antritt und wiedergewählt wird. Allerdings hat auch er mit fehlendem Geld zu kämpfen. Aus Kostengründen hat der OB drei Bibliotheken schließen lassen. Dies war hart für ihn. Schließlich sieht er sich nicht nur grünen, sondern auch sozialen Idealen verpflichtet. Krippenplätze, die er schaffen wollte, stehen weiter aus.

Gekürzt hat der Politiker indes auch das eigene Gehalt. Das Salär des Bürgermeisters und der Gemeinderäte sind um 25 Prozent geschrumpft. Aber am Umweltschutz sparen? So weit, so schlimm, wird es für Piolle nicht kommen.

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