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Montag, 04. Juni 2018 Drucken

Politik

„Extreme Rechte engagieren sich durchaus im Umweltschutz“

Interview: Lukas Nicolaisen, Leiter einer Bildungseinrichtung der Naturfreunde, über die Beziehung zwischen völkischem Denken, deutschem Wald und der Geschichte

Für die einen ist der deutsche Wald als Lebensraum für seine Bewohner schützenswert. Für andere ist der Wald politische Projektionsfläche.

Für die einen ist der deutsche Wald als Lebensraum für seine Bewohner schützenswert. Für andere ist der Wald politische Projektionsfläche. ( Foto: dpa)

Gegen die Auswüchse der Globalisierung, gegen Gentechnik und für Biolandwirtschaft demonstrieren keinesfalls nur überzeugte Demokraten und linksgerichtete Gruppen. Auch Rechtsextreme engagieren sich im Umweltschutz. Eine von dem Verband „Naturfreunde“ mitbegründete Fachstelle namens FARN untersucht die Beziehungen zwischen Umweltschutz und völkischen Strömungen. Wolfgang Blatz sprach mit dem Leiter von FARN, Lukas Nicolaisen.

In der Öffentlichkeit werden Umweltschützer eher im linken Spektrum verortet. Sie jedoch warnen vor extremen rechten und völkischen Strömungen, die im deutschen Naturschutz aktiv sind. Wie groß ist das Problem?

Die meisten Menschen sind überrascht, wenn wir einen Zusammenhang herstellen zwischen Rechtsextremismus und Naturschutz. Dieser Bereich war aber schon immer ein Betätigungsfeld für rechte Gruppen. Wenn man heute in Parteiprogramme von beispielsweise der NPD oder des Dritten Wegs schaut, so nimmt der Natur- und Umweltschutz dort einen breiten Raum ein, sehr häufig bezogen allerdings auf Agrarlandschaften und Landwirtschaft.

 

Wo gibt es Überschneidungen im Gedankengut von „grünen Braunen“ und von Umweltschützern auf der anderen Seite des politischen Spektrums?

Spannende Frage. Ein Thema, das immer mal wieder hochkocht, ist das Bevölkerungswachstum. „Überbevölkerung“ und die damit verknüpfte Angst um eine angeblich daraus resultierende Übernutzung der natürlichen Ressourcen, findet auch großen Anklang in der rechten Szene. Dort allerdings wird Übervölkerung so gesehen: Zu viele Menschen gibt es nur in Afrika und in Asien. Über deutsche Kinder freut man sich. Damit einher geht also eine Vorstellung von Wertigkeit: Manche Völker sollten sich besser nicht stark vermehren, weil sie weniger wert seien als die Deutschen. Bei diesem Thema muss man genau hinschauen, wer was und mit welcher Absicht sagt. Auch wenn die Abkehr vom Wirtschaftswachstum gefordert oder Kritik an Freihandelsverträgen wie TTIP (mit den USA) geäußert wird, gibt es Überschneidungen. Hier lautet ein verbindendes Argument: Althergebrachtes darf nicht zerstört werden. Globalisierungskritik kann sich mit rechter Ideologie mischen.

 

Es sind insbesondere junge Menschen, die ihre Zukunft bedroht sehen durch den Klimawandel, das Aussterben von Arten. Achten die Jüngeren – vielleicht aus Unkenntnis – zu wenig darauf, mit wem sie da unter Umständen zusammen demonstrieren?

Zunächst muss man sich fragen: Handelt es sich wirklich um eine ausgefeilte Strategie der extrem Rechten, über den Naturschutz an neue Sympathisanten zu gelangen? Das ist meiner Meinung nach nicht so einfach zu beantworten. Ja, es gibt in der rechten Szene Vordenker, die Natur- und Umweltschutz bewusst benutzen wollen, um die bürgerliche Mitte zu erobern. Der kleine Aktivist irgendeiner rechten Kleinstpartei versteht sich aber vermutlich wirklich als Natur- und Umweltschützer – nur ist für ihn damit eben auch Heimatschutz und „Volksschutz“ gemeint.

Aber junge Menschen sind begeisterungsfähiger, sie treten spontaner für etwas ein.

Ja, stimmt. Zugleich muss man noch etwas anderes mitbedenken: Die Zeitzeugen sterben allmählich weg. Menschen, die die Hitlerzeit und den Faschismus aktiv miterlebt haben. Neue rechte Bewegungen setzen ja viel darauf, modern zu wirken, hip daherzukommen und soziale Netzwerke zu benutzen. Den Bezug dieser Gruppen zu Gedanken früherer Zeiten kann den jungen Menschen niemand mehr authentisch aufzeigen. Die neue Rechte benutzt in ihren Videos die gleichen Motive wie etwa Greenpeace. Ich kann jung und hip sein, und auch noch „identitär“. Das hat Anziehungskraft.

 

Der deutsche Naturschutz hat eine über 100 Jahre alte Geschichte. Wie wurde Naturschutz in der dunkelsten Zeit Deutschlands, während des Nationalsozialismus, gehandhabt?

Der Ursprung des deutschen Naturschutzes liegt noch etwas weiter zurück. Ich nenne die Heimatschutzbewegung von 1904. Bei ihr finden wir schon den Gedanken, den dann die Nazis zuspitzten: Die Landschaft ist der Lebensraum für das Volk. Volk, Natur und Heimat – all das war schon bei der Heimatschutzbewegung miteinander verknüpft.

 

Und in der Nazizeit zwischen 1933 und 1945 kam es dann zu einer Gleichsetzung von Natur und Kultur?

Der Ursprungsgedanke war: Jeder Lebensraum bringt eine bestimmte Sorte Mensch hervor. Will man also diese Sorte Mensch schützen, muss man beim Lebensraum dieses Volkes anfangen. So erklärt sich der Anspruch des Nazireiches, neuen Lebensraum im Osten, etwa in Russland, schaffen zu wollen. Erst sollte dieser Raum „entleert“ werden, dann sollte der „deutsche Mensch“ nach einer Umgestaltung der Agrarlandschaft in diesem Raum heimisch werden.

Die Deutschen hatten – und haben – eine besondere Beziehung zum Wald. Lautete der zugrundeliegende Gedanke so: Einst lebten im Wald die Germanen, unsere Vorfahren, deshalb ist der deutsche Wald per se als Lebensraum für das deutsche Volk schützenswert?

Ich würde es spitzer formulieren. Die Ideologie der Nationalsozialisten lief auf den Gedanken hinaus: Der deutsche Wald hat den Germanen erst hervorgebracht. Ohne Wald hätte es den germanischen Menschen gar nicht gegeben. Abgegrenzt wird das germanische Volk beispielsweise vom jüdischen, nomadischen Wüstenvolk, dem der Naturschutzgedanke abgesprochen wurde.

 

Also war es so, dass rassistische, faschistische Gedanken dem deutschen Naturschutz eigentlich die längste Zeit den Stempel aufgedrückt haben?

Die einfache Gleichung „Naturschutz gleich progressiv und liberal“ stimmt mit Blick auf die Geschichte sicherlich nicht. So hat Ernst Haeckel (1834 bis 1919) einst die Ökologie mitbegründet. Der Zoologe und Mediziner war aber zugleich auch ein Wegbereiter für Rassenhygiene und Eugenik (das Töten von Leben, das die Nazis als unwert ansahen, Anm. d. Red.). |blt

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