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Montag, 07. März 2016 Drucken

Politik

„Die Malu gewinnt – zu 99 Prozent“

Von Michael Garthe

 

Wahlkampf vor Ort: Morgens Flüchtlinge, mittags Rot-Kreuz-Helfer, abends Parteianhänger. Ministerpräsidentin Dreyer will überall mit Kompetenz und Herz überzeugen. Über einen langen Wahlkampftag an der Mosel und im Hunsrück mit der Spitzenkandidatin der SPD.

Trier, auf dem Petrisberg. Hier war mal Landesgartenschau. Jetzt ist es eine schicke Wohngegend. Mittendrin das neue Ankunftszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF). „Warteraum für Asylbewerber“ steht an der Tür des Zimmers 164. Gerade eben angekommen ist hier eine brünette, schlanke Frau. An deren Gefolge aus Kameramännern und Fotografen merken die Flüchtlinge auf den Fluren, dass diese Frau wohl nicht eine wie sie ist, nicht aus der Ferne kommt und nicht darum bangen muss, ob sie bleiben darf. Die Frau ist Malu Dreyer, die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz. Das möchte sie bleiben. Gut also, aus ihrer Sicht, dass so viele Presseleute davon berichten wollen, wie sie das Ankunftszentrum eröffnet. Binnen 48 Stunden soll hier jeder ankommende Flüchtling registriert und es soll über seinen Status entschieden werden: Asylverfahren oder Rückkehr.

Malu Dreyer erklärt selbst die Schritte des Verfahrens. Zwischendrin fragt sie den Behördenleiter, Heiko Werner, ob alles richtig ist, was sie sagt. Der nickt, ergänzt, würdigt die gute Zusammenarbeit mit dem Land, freut sich, „die Landesmutter im neuen Haus begrüßen zu dürfen“. Nichts ist davon zu spüren, dass Dreyer zu den schärfsten Kritikern des BAMFs und seines Dienstherren, Innenminister Thomas de Maizière, gehörte, weil es viel zu langsam sei und viel zu schleppend ausgebaut werde.

Ist es also nicht auch ihr Erfolg, dass das neue Ankunftszentrum endlich eingeweiht wird, noch rechtzeitig vor dem Wahltag? Oder waren Dreyers Angriffe auf das BAMF nichts als Ablenkmanöver von eigenen Fehlern in der Flüchtlingspolitik, wie die CDU mutmaßt? In dem Trierer Haus spielt das alles keine Rolle. Da ist was anderes zu besichtigen: Wie mit deutscher Gründlichkeit und Qualität eine Behörde aufgebaut wird. Gut vorbereitete Mitarbeiter sitzen hier, haben moderne Technik und sorgfältig erarbeitete Dienstvorschiften. Im Schulungsraum werden parallel neue Berater und Entscheider ausgebildet. Vom Flüchtlingsstrom ist an diesem Tag allerdings nichts zu merken. Derzeit kommen wenige. Im Warteraum sitzen vier Schwarzafrikaner und ein Mann vom Balkan. Eine Irakerin wiegt ihr Baby in den Armen.

Auch in der Clearingstelle des Landes, in der es um Passbeschaffung geht, beweist die Regierungschefin Fachkenntnis. Ob Dreyer heute auch so kompetent in der Sache wäre, wenn die CDU sie nicht mit ihren frühen Expertengipfeln zur Flüchtlingsproblematik so vor sich her getrieben hätte. Dieser Erfolg der CDU könnte ihr zum Schaden gereichen, weil Dreyer schneller gelernt hat, als es der CDU lieb sein kann.

Und doch spielt das Leben der Ministerpräsidentin heute ein Schnippchen: In der Clearingstelle spricht sie ausgerechnet einen Mann an, der vermutlich ein Beweis für den „Drehtüreffekt“ ist, dessen Existenz Dreyer so energisch abstreitet. Gemeint ist damit, dass schon mal ausgewiesene Migranten wiederkommen und es ein zweites Mal versuchen, weil sie keinen Sperrvermerk im Pass haben. Der Behördenmitarbeiter, der den Fall betreut, sagt: „Der Bosnier ist zum zweiten Mal da. Er wurde schon mal ausgewiesen, ist wiedergekommen und hat gesagt, er sei herzkrank. Die ärztlichen Untersuchungen haben das nicht bestätigt. Wir müssen ihn wieder ausweisen.“ Nur ein Einzelfall?

Ortswechsel. Trier ist schön: Porta Nigra, Dom, Marktplatz... Aber morgens im Schneeregen nützt das nicht viel. Da ist kaum einer auf den Straßen. Malu Dreyer läuft trotzdem zusammen mit Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles durch die Stadt. Die zierliche Dreyer fällt den Passanten nicht gleich ins Auge. Das macht nichts. Dreyer geht auf sie zu. Fast immer weicht die Überraschung schnell der Freude. Es ist ja auch ein Heimspiel für die gebürtige Pfälzerin aus Neustadt. Seit vielen Jahren lebt sie mit ihrem Mann in Trier. Sie herzt die Blumenfrau. In der Konditorei ihres Vertrauens kennt man ihren Lieblingskuchen: Schwarzwälder Kirsch. Wer mehr wissen will, über Dreyers Vorlieben, erfährt bei so einer Tour viel: Im Kleidungshaus Guillaume kauft die 55-Jährige gerne ein (Kleidergröße 38). In ihrem Buch „Die Zukunft ist meine Freundin“, hat Dreyer schon verraten, dass sie einen Schuhfimmel hat. In Trier kauft sie die Pirmasenser Schuhe von Kennel und Schmenger. Die Verkäuferinnen erinnern sich, dass es zuletzt bordeauxrote Stiefeletten waren. Im Musikalienhaus Kern erfahren wir, dass Dreyer Flöte, Orgel und Klavier spielte. In jungen Jahren hat sie sich mit der Gitarre bei „Blowing in the Wind“ begleitet. – Wie Dreyer auf die Menschen zugeht, wie herzlich sie ist, das ist eine ihrer großen Stärken.

Das kann man auch am Mittag in Simmern beobachten. Dort weiht sie ein neues DRK-Rettungszentrum ein. Das ist zwar schon seit November in Betrieb. Feierliche Eröffnung ist aber wenige Tage vor der Wahl! Dreyer redet frei, lobt wie nebenbei ihre Regierung für die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum. Hauptsächlich aber würdigt sie die Arbeit der Rotkreuzler, die immer wohlbehalten von ihren Einsätzen zurückkommen mögen. Man kann in den Gesichtern der Gelobten lesen, wie sie sich über so warmherzigen Zuspruch freuen.

Etwa 300 zumeist ältere Menschen sind am Nachmittag in die Balduin-Halle nach Morbach oben auf dem Hunsrück gekommen. Die Landschaft ist karg hier. Die Menschen sind bodenständig, Die SPD hat für ihre Spitzenkandidatin eine aufwendige Bühne. Helle Scheinwerfer erschweren es Dreyer, Blickkontakt mit dem Publikum aufzunehmen. Sie redet frei, unterstreicht mit ihren Gesten und ihrer Körpersprache, was sie sagt. Am meisten Applaus bekommt sie, als sie Kanzlerin Merkel für ihre Flüchtlingspolitik lobt und als sie die AfD unerbittlich attackiert. Wer genau hinschaut, sieht im Publikum einige ältere Männer, die da nicht klatschen. Der Schlussbeifall ist nicht gerade überschwänglich. Das wäre nicht die Art der Hunsrücker. Drei Männer stehen auf: „Erst Autogramme von der Malu, dann ein Bier“, sagt einer trocken. Zwei Frauen, die extra aus Gonzerath gefahren kamen, sind glücklich: „Die Malu gewinnt – zu 99 Prozent.“

350 Menschen, diesmal auch viele Jüngere, warten am Abend in Zell an der Mosel, in der nach der örtlichen Weinlage benannten „Schwarze-Katz-Halle“. Die Stimmung ist locker, laut, fröhlich. Die rote Malu Dreyer läuft zur Hochform auf. Das Publikum jubelt. Sieben Termine und Reden hat sie jetzt hinter sich, 14 Stunden ist sie unterwegs. Welch eine Kondition!

 

 

 

 

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