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Montag, 17. September 2018 Drucken

Politik

Die Folgen des Bergbaus sind Tagesthema im Saarland

Sechs Jahre nach Schichtende im Bergwerk Saar sind die Folgen wirtschaftlich überwunden – Was bleibt, sind Tradition und Grubenwasser

Von Claus-Peter Schmidt

Der Bergmann unter Tage schuf Berge über Tage: Das Denkmal des Saar-Bergbaus, das Saarpolygon, erhebt sich auf einer Bergehalde bei Ensdorf 150 Meter über dem Tal der Saar.

Der Bergmann unter Tage schuf Berge über Tage: Das Denkmal des Saar-Bergbaus, das Saarpolygon, erhebt sich auf einer Bergehalde bei Ensdorf 150 Meter über dem Tal der Saar. ( Foto: DPA)

Im Juni 2012 wurde nach 250 Jahren aus der Primsmulde die letzte Saarkohle gebrochen. Wirtschaftlich hat das Saarland das Ende des Steinkohlebergbaus verkraftet. Der Umgang mit den Folgen aber bleibt Tagesthema.

Als am 23. Februar 2008 große Steinbrocken aus der Fassade der Pfarrkirche St. Blasius in Schwalbach herabstürzten, ausgelöst durch Fördermaschinen gut 1000 Meter unter Tage, war klar: Das Saarland verabschiedet sich früher aus dem Steinkohlebergbau als geplant, 2012 statt 2018. Der Druck der Interessengemeinschaften der Bergbaubetroffenen und großer Teile der Bevölkerung war zu groß, als dass die damalige CDU-Alleinregierung von Peter Müller noch zögern wollte.

4690 Menschen beschäftigte die RAG (vormals Ruhrkohle AG) damals an der Saar. Verschwindend wenig gegenüber den 75.000 Bergmännern, die es zur Hochzeit, zwischen den beiden Weltkriegen, einmal waren. 3000 Saar-Bergmänner konnten sozial abgesichert in den Ruhestand gehen oder auf andere Arbeitsplätze im Land vermittelt werden. 1400 der Jüngeren wechselten in noch aktive Zechen in Nordrhein-Westfalen, 400 nach Bottrop und Herne, 1000 nach Ibbenbüren. Heute sind noch 120 auf „Montage“. Aus Ibbenbüren sollen die Letzten 2019 zurückkehren, aus dem Ruhrgebiet 2021/22 – und dann direkt in den Ruhestand wechseln.

„Die Übergangszeit nach der letzten Schicht im Schacht hat zu keinem dramatischen Bruch geführt“, urteilt die saarländische Wirtschafts- und Arbeitsministerin Anke Rehlinger (SPD) heute. Obwohl es vieler Änderungen bedurfte – etwa bei den 20 industriellen Zulieferbetrieben mit ihren damals 600 Mitarbeitern –, gibt es heute mehr sozialversicherungspflichtige Beschäftigte und weniger Arbeitslose im Saarland als vor sechs Jahren. Und dass die Hochöfen von Saarstahl und Dillingerhütte heute mit Kokskohle aus Australien angeheizt werden – auch daran hat man sich gewöhnt.

Noch beschäftigt die RAG 165 Menschen an der Saar. 70 kümmern sich um die Bewirtschaftung und Vermarktung der mehr als 800 Wirtschaftsgebäude und der rund 2500 Hektar Bergbauflächen, die häufig renaturiert werden. Die historische Bergwerksverwaltung mitten in Saarbrücken ist heute eine Einkaufsmall, das nachfolgende Verwaltungsgebäude wurde zugunsten eines Hotelneubaus abgerissen.

Wie in Duhamel und in Landsweiler-Reden, wo auf der Bergehalde heute Volksfeste gefeiert werden und sich am Fuß der Dinosaurier-Park Gondwana erstreckt, gibt es auch andernorts Pläne, Bergwerksgelände in Freizeit- und Naherholungsgebiete zu verwandeln oder sogar neue Industrie anzusiedeln. Und auf der Bergehalde Duhamel über Ensdorf ist das 2016 errichtete, 25 Meter hohe und begehbare Saarpolygon zu einem vielbesuchten Wahrzeichen geworden. An hellen Sommertagen lenkt der Kantstahl des Denkmals des Saarbergbaus die reflektierenden Sonnenstrahlen weit ins Land.

90 weitere RAG-Beschäftigte sorgen dafür, dass etwa 14 Millionen Kubikmeter durchsickerndes Regenwasser im Jahr aus den Gruben abgepumpt werden. Die sogenannte Wasserhaltung ist eines der großen Streitthemen des Nachbergbaues im Saarrevier. Denn mit dem Grubenwasser kommen Altlasten wie etwa als nichtbrennbare Schmierstoffe in Fördermaschinen eingesetzte Polychlorierte Biphenyle (PCB) ans Tageslicht. Das hochgiftige, Krebs verursachende PCB wurde in deutlich überhöhter Konzentration im Klinkenbach, einem Zufluss der Blies, gemessen. Auch werden Gefahren, bis zu Rissen in Häusern, beim von der RAG beantragten Anstieg des Grubenwassers auf 320 Meter unter der Oberfläche erwartet. 6882 Einwendungen werden zurzeit von den Genehmigungsbehörden bearbeitet.

Wirtschaftlich hat das Saarland den schon in den 80er Jahren eingeleiteten Strukturwandel erstaunlich gut verkraftet. Das Ende kam vor zehn Jahren abrupt, das Erbe der Steinkohle aber bleibt. Ein umstrittenes Erbe.

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