Schließen x

Anmelden

»Registrieren     »Passwort vergessen

Montag, 08. Oktober 2018 Drucken

Politik

Besser lernen ohne Jungs?

Von Silvia Sebastian

Sind die Leistungen von Mädchen in naturwissenschaftlichen Fächern besser, ist ihr Interesse größer, wenn sie nicht zusammen mit Jungen unterrichtet werden? Die Forschungsergebnisse sind nicht eindeutig. Und die Erfahrungen an den Schulen auch nicht.

Sind die Leistungen von Mädchen in naturwissenschaftlichen Fächern besser, ist ihr Interesse größer, wenn sie nicht zusammen mit Jungen unterrichtet werden? Die Forschungsergebnisse sind nicht eindeutig. Und die Erfahrungen an den Schulen auch nicht. ( Foto: dpa)

Schule der Zukunft – Zukunft der Schule (10): Zwölf Mädchenschulen gibt es in Rheinland-Pfalz, deutschlandweit sind es rund 160. Deren Schülerinnen soll unter anderem der Zugang zu Naturwissenschaften dadurch erleichtert werden, dass sie ohne männliche „Konkurrenz“ lernen. Ob eine solche Trennung nach Geschlechtern sinnvoll ist, bleibt aber umstritten.

Freitag, dritte Stunde: Im alten Physikraum am Edith-Stein-Gymnasium Speyer brummt es, die Zeiger an zwei kastenförmigen Messgeräten schlagen aus. „Wie verändert sich die Spannung an der zweiten Spule, wenn ich an der Primärspule die Spannung erhöhe?“, fragt Physiklehrer Thomas Kuster die 16 Zehntklässlerinnen, die im Stufensaal vor ihm sitzen. Hände gehen nach oben, manche zügig, andere zögerlich. Einige gar nicht. Namen werden aufgerufen. Die Mädchen stellen Vermutungen an, begründen. Kuster hilft hier und da mit Fachbegriffen wie Windungszahl oder Transformator – und ist zufrieden.

Koedukativ versus monoedukativ

„Die Schülerinnen sind neugierig, offen, fragen nach, gehen einfach unbefangen ran“, berichtet der Mathe- und Physiklehrer nach dem Unterricht. An koedukativen Schulen – also solchen, an denen Mädchen und Jungen gemeinsam lernen – habe er die Mädchen zurückhaltender erlebt. Dort überließen sie im Physikunterricht eher den Jungen das Wort.

Bessere Leistungen im und mehr Interesse am naturwissenschaftlichen Unterricht: Das sind die Vorteile der Mädchenschulen und zentrale Argumente für Monoedukation, das heißt für Unterricht, in dem Mädchen und Jungen getrennt lernen. Die positiven Erfahrungen von Lehrern wie Thomas Kuster wurden zudem durch einige Studien aus dem deutschsprachigen Raum untermauert.

So kam in den 90er-Jahren bei einem Vergleich von Schülerinnen privater Mädchengymnasien und privater koedukativer Gymnasien heraus, dass Schülerinnen der Mädchenschulen im Durchschnitt bessere Leistungen in den Fächern Geschichte, Chemie und Physik erbrachten. Eine andere Studie ergab zur selben Zeit, dass Schülerinnen sich in den Naturwissenschaften mehr zutrauten, wenn sie eine Mädchenschule besuchten, und später entsprechend häufiger naturwissenschaftliche Prüfungsfächer fürs Abitur wählten.

Studie bestärkt Mädchenschulen

Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch eine Untersuchung der Universität Augsburg aus den 2000er-Jahren. Monoedukativ unterrichtete Schülerinnen haben demnach ein größeres Interesse an und eine positivere Einstellung zur Physik als Mädchen, die gemeinsam mit Jungen unterrichtet werden. Mädchenschulen könnten daher als „adäquate Alternative zu koedukativen Schulen angesehen werden“ und „einen Beitrag zur Demokratisierung des Geschlechterverhältnisses leisten“, fasst die – inzwischen emeritierte – Augsburger Universitätsprofessorin Leonie Herwartz-Emden zusammen, die die Augsburger Studie leitete.

Andere Wissenschaftler bezweifeln, dass die Ergebnisse solcher Studien tatsächlich auf die Geschlechtertrennung beim Lernen zurückgeführt werden können. Bildungsforscher Jürgen Budde von der Europa-Universität Flensburg etwa weist darauf hin, das Mädchenschulen in Deutschland meistens private, konfessionelle Einrichtungen sind, die wiederum verstärkt eine bestimmte Klientel anziehen – nämlich Kinder aus Familien, wo sich meist gut verdienende Eltern um die Bildung ihrer Sprösslinge kümmerten. Studien aus dem Ausland – etwa Südkorea und den USA – haben auch die Lernbedingungen als Faktor für das bessere Abschneiden von Mädchenschul-Schülerinnen in den Naturwissenschaften ausgemacht: In kleineren Klassen mit besserer Ausstattung lerne es sich besser.

Auch im Edith-Stein-Gymnasium (ESG) in Speyer liegt die durchschnittliche Klassengröße mit etwa 23 Schülerinnen unter der Schülerzahl in koedukativen staatlichen Schulen. Dass die soziale Herkunft ihrer Schülerinnen sich sehr von der anderer Schulen unterscheide, sehen Schulleiter Andreas Kotulla und der Öffentlichkeitsbeauftragte Dominik Weitzel indes nicht: Die Schülerinnenschaft sei gut durchmischt.

Selbstbewusstsein gestärkt

Schulleitung und Lehrer des ESG sehen die Vorteile einer Mädchenschule vielmehr in einem besonderen Lernklima, das geprägt sei von Herzlichkeit, Verantwortungsbewusstsein, Engagement. Es gebe auch viel aktive Lernzeit im Unterricht. Mädchen seien ruhiger, störten seltener den Unterricht. Zudem stärke es das Selbstvertrauen der Schülerinnen, dass sie viele weibliche Vorbilder hätten: Egal in welchem Fach, immer erleben die Schülerinnen ein Mädchen als Beste; die Mädchen lernten also unabhängig von Geschlechterstereotypen, das Selbstbewusstsein der Schülerinnen werde gestärkt.

Was auffällt im Gespräch mit Lehrern und Schülerinnen: Am ESG wird das naturwissenschaftliche Interesse der Mädchen gezielt gefördert. Die Bandbreite reicht von der Teilnahme an Landeswettbewerben wie „Leben mit Chemie“ über die naturwissenschaftlichen Akademien der Stiftung Pfalzmetall bis hin zur Entwicklung eines Programms, bei dem Studenten der Hochschule Karlsruhe zusammen mit den Schülerinnen experimentieren und Begeisterung für die Naturwissenschaften entfachen sollen. Das Konzept scheint aufzugehen: Ein Physik-Leistungskurs komme jedes Jahr zustande, die Mindestanzahl von sieben bis acht Schülerinnen werde immer erreicht, sagt Physiklehrer und Oberstufenleiter Kuster.

Ortswechsel. Wenn die Schulglocke am Zweibrücker Hofenfels-Gymnasium freitags zur vierten Stunde läutet, trennen sich die Wege der Jungen und Mädchen der Klassen 8c und 8d: Physikunterricht steht auf der Stundentafel.

Zweibrücker Schule startet Versuch

Angespornt vom verlässlichen Zustandekommen von Physik-Leistungskursen an Mädchenschulen, während in den Physik-Leistungskursen am Hofenfels-Gymnasium Mädchen kaum anzutreffen waren, haben Schulleiter Werner Schuff und Physiklehrer Michael Scheffe vor drei Jahren einen Versuch gestartet: Zwei Klassen einer Jahrgangsstufe werden in Physik monoedukativ unterrichtet, in den beiden Parallelklassen lernen Jungen und Mädchen wie üblich im geschlechtergemischten Klassenverband. Inhaltlich sei der Physikunterricht in allen Klassen gleich, dasselbe gelte für die Prüfungen, sagen Schuff und Scheffe.

Ergebnisse liegen noch nicht vor: Die Leistungskurswahl des ersten getrennt unterrichteten Jahrgangs – heute in der zehnten Klasse – steht noch aus. Auch liegt noch keine Auswertung von der Hochschule Kaiserslautern vor, die das Projekt wissenschaftlich betreut. Die Erfahrungen von Physiklehrer Michael Scheffe deuten aber eher nicht auf einen positiven Effekt der Geschlechtertrennung hin.

Eine aktivere Beteiligung am Unterricht habe er in der Mädchengruppe des ersten Versuchsjahrgangs nicht feststellen können – was aber auch daran liegen könne, dass einige Mädchen sich durch die Trennung diskriminiert fühlten. Im zweiten Versuchsjahrgang, bei den heutigen Achtklässlern, scheine die Trennung bei den Mädchen allerdings eher auf Zustimmung zu stoßen. „Ich hätte gerne gesehen, dass der Versuch gut funktioniert“, sagt Scheffe, doch derzeit habe er eher nicht den Eindruck.

Skeptiker befürchten Stereotypisierung

Den Flensburger Bildungsforscher Jürgen Budde, der mehrere Untersuchungen zum Thema Monoedukation durchgeführt hat, wundert das nicht. Er steht geschlechtergetrenntem Unterricht skeptisch gegenüber: Weil man es in der Schule mit einzelnen Schülern zu tun habe, nicht mit statistischen Effekten. Auch wenn statistisch gesehen unterschiedliche Interessen von Mädchen und Jungen nachweisbar seien, könne das heruntergebrochen auf den Einzelnen ganz anders aussehen. „Werden Klassen geteilt, geraten Geschlechter unter Generalverdacht“, sagt Budde. Die Geschlechtszugehörigkeit und damit verbundene Stereotype werden zum Ausgangspunkt des Lernens gemacht.

Besser sei es, findet der Wissenschaftler, wenn Lehrer sich bewusst machten, wie vielfältig Schülerinnen und Schüler sind, und sich fragten, ob ihr Lernangebot die so unterschiedlichen Schüler auch erreiche.

Dass Schulen wie das Zweibrücker Hofenfels-Gymnasium mit monoedukativem Fachunterricht experimentieren, hält Budde in diesem Zusammenhang für eine gute Sache: Seiner Erfahrung nach stellen viele Schulen dabei fest, dass die Geschlechtertrennung der Vielfalt der Schüler nicht gerecht werde, und entwickeln sich weiter in Richtung einer vorurteilsbewussten Pädagogik, die Stereotype zum Gegenstand des Unterrichts mache anstatt zu seinem Ausgangspunkt.

  Die Serie

Was läuft schief an unseren Schulen und was vorbildlich? Welche richtungsweisenden Konzepte gibt es und wie werden sie verwirklicht? In unserer Reihe „Schule der Zukunft – Zukunft der Schule“ beleuchten wir das Thema Bildung von vielen Seiten. Die bisherigen Beiträge sind am 7., 11. und 30. Mai, am 27. Juni, 9. Juli, am 1., 8., 17. und 27. August erschienen.

  Rheinpfalz digital

Unter der Internetadresse www.rheinpfalz.de/schule finden Sie mehr zum Thema und alle erschienenen Serienteile.

Pfalz-Ticker