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Samstag, 09. November 2019 Drucken

Politik

30 Jahre Mauerfall: Acht Pfälzer erzählen ihre Geschichten zur Wiedervereinigung Deutschlands

Von Maurice Brüseke

Jubelnde Menschen sitzen mit Wunderkerzen auf der Berliner Mauer.

Jubelnde Menschen sitzen mit Wunderkerzen auf der Berliner Mauer. (Foto: dpa)

Menschen auf der Berliner Mauer freuen sich über die Öffnung der deutsch-deutschen Grenzen.

Menschen auf der Berliner Mauer freuen sich über die Öffnung der deutsch-deutschen Grenzen. (Foto: dpa)

Am Dokumentationszentrum Topographie des Terrors sind rund 200 Meter der Mauer erhalten geblieben.

Am Dokumentationszentrum Topographie des Terrors sind rund 200 Meter der Mauer erhalten geblieben. (Foto: dpa-tmn)

Die 3,60 Meter hohe und rund 160 Kilometer lange Mauer riegelte vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989 die Deutsche Demokratische Republik (DDR) von West-Berlin ab. Leser aus der Pfalz schildern uns 30 Jahre später ihre Erinnerungen an den Mauerfall.

Endlich in den Alpen wandern

Der Mauerfall hat mich meinen interessanten Beruf und meine Heimat gekostet, aber meine beiden Kinder konnten die Welt kennenlernen. 1989 war ich 33 Jahre alt, arbeitete als Entwicklungsingenieurin in einem großen Chemiebetrieb in Sachsen-Anhalt und hatte gerade meine Promotion verteidigt. (...) Wegen drohender Arbeitslosigkeit bewarb sich mein Mann bundesweit und fand seinen Traumjob in Pirmasens. Meine berufliche Karriere war 1992 mit dem Umzug in die Südwestpfalz beendet. Stattdessen hatte ich neue, bisher für mich unbekannte Aufgaben: Versicherungen vergleichen, Steuererklärungen ausfüllen, Finanzen managen, Haus bauen, die Kinder chauffieren. Seit 1997 bin ich wieder erwerbstätig. Glücksmomente bescherten mir Ausflüge in die Alpen. In meiner Jugend konnte ich mir eher vorstellen, mit einer Sojus-Rakete zum Mond zu fliegen, als in den Alpen zu wandern. (...)

Evelin Hodek, Rieschweiler-Mühlbach

DDR-Flüchtlinge quartieren in der Sporthalle

Ich arbeitete zu der Zeit hauptamtlich im Deutschen Roten Kreuz in Neustadt. Als sich abzeichnete, dass viele Flüchtlinge aus der DDR kommen würden, hatten wir Anfang November die Sporthalle Böbig mit 170 Betten und anderen Hilfen auszustatten. (...) Und am 9. November 1989, so gegen 17 Uhr, kam der erste Konvoi aus Osthofen mit 30 DDR-Flüchtlingen und Ausgebürgerten in der Turnhalle an. Abends saßen wir alle in der Sporthalle vor dem Fernseher und konnten kaum glauben, was wir dort sahen. Viele der Anwesenden waren noch auf ganz abenteuerlichen und gefährlichen Wegen geflüchtet – und nun war die Mauer auf. Tränen der Freude bei uns allen. Bewegende Stunden. (...) Zwischen einer sehr netten, alleinstehenden jungen Frau aus Dresden und mir entwickelte sich eine ganz besondere Freundschaft, die jetzt schon 30 Jahre besteht. Wir sehen uns jede Woche, machen Sport zusammen und gehen auf Reisen. Im 25. Jahr des Mauerfalls waren wir in Berlin, und immer wieder ist der Abend des 9. November ein besonderes Gesprächsthema.

Elisabeth Kleineheismann, Neustadt |rüs

Stadt gleicht einem einzigen Stau

Ich bin im Oktober 1969 in Berlin geboren und hatte das große Glück, im Westen der geteilten Stadt aufzuwachsen. Im März 1989 verließ ich Berlin, um nach Hamburg zu ziehen. Am Abend des Mauerfalls war ich mit meiner damaligen Freundin in unserer Stammkneipe und kam gegen 22.30 Uhr nach Hause. Dort machte ich das Radio an, und es gab die Meldung, dass die Mauer offen sei, worauf ich meine Freundin anschaute und sagte: Die spinnen! Sie sagte zu mir, ruf deine Mutter in Berlin an, was ich (…) tat. Sie bestätigte dieses Ereignis mit den Worten, die tanzen auf dem Brandenburger Tor, und fügte hinzu, mach doch den Fernseher an. (...) Als ich die Bilder gesehen habe, sagte ich zu meiner Freundin, lass uns morgen nach Berlin fahren. Wir kamen am Abend gegen 18 Uhr dort an und fuhren zur Bornholmer Straße. Da ich die Gegend aus meiner Kindheit kannte, fuhren wir die Nebenstraßen durch, da ich dachte, diese wären leer. Ein Irrtum, auch diese waren voll. Es war ein einziger Stau und alle waren am Feiern. Da ich einige Wochen vor diesem Ereignis in Berlin war, kann ich sagen, dass die Kontrollen an der Grenze sehr angespannt waren, diese waren bei dieser Fahrt nicht mehr zu spüren, es war eine sehr lockere Atmosphäre. (…)

Bernd Elsner, Hütschenhausen

Mauerfallbaby sorgt für doppelte Freude

(...) Der 9. November 1989 hat unser Leben verändert. In dieser Nacht, fast zeitgleich mit der Öffnung des Schlagbaums am Grenzübergang Bornholmer Straße, wurde unsere Tochter Anja um 21.43 Uhr in Homburg geboren. Die Wehen setzten am frühen Morgen ein. Wir erfuhren erst mit Verspätung nach der Geburt von dem historischen Ereignis von der Krankenschwester. Im Kreißsaal machte sich eine Mischung aus Freude und Rührung über das „Mauerfallbaby“ breit. Ein Freund fuhr nach Berlin – bewaffnet mit Hammer und Meißel – und brachte uns als Geschenk ein Mauerstück mit. Dieses Mauerstück hat für uns eine besondere symbolische Bedeutung. Menschen zeigten friedlich, aber bestimmt, dass Gemeinsamkeit, Glaube und Hoffnung Veränderung bewirken kann.

Martina und Thomas Metzger, Waldmohr

Ruhige Metropole wird zur Großstadt

Am 9. November 1989 um 19.30 Uhr fuhr ich von Moabit in meine Wohnung Soldiner-/Ecke Grünthaler Straße, 300 Meter von der Bornholmer Brücke entfernt. (...) Auf der Osloer Straße war es ruhig, wenige Menschen und Autos, wie immer in Mauernähe. (...) Gegen 20.30 Uhr wurde es langsam turbulenter, Menschen und Autos, der Lärm nahm zu. Mein Mitbewohner Michael ging zur Bornholmer Brücke, um nachzusehen. Er kam nicht zurück. Gegen 21.15 Uhr folgte ich ihm. (...) Und tatsächlich: Menschen links und rechts der Osloer bis zur Bornholmer, auf der Mitte der Straße Ostberliner Trabis und Wartburgs. (...) Eine Frau fragte mich, ob ich 20 Pfennig hätte zum Telefonieren. Sie wollte ihre Tante in Zehlendorf anrufen. Ich ging zurück in meine Wohnung, um meine Eltern in Germersheim anzurufen und ihnen mitzuteilen, was hier geschehen war. (...) West-Berlin hat sich über Nacht radikal verändert. Aus der ruhigen Metropole wurde eine Großstadt. Das Ergebnis hat mein West-Ost-Weltbild auf den Kopf gestellt. Meine Arbeit als Streetworker in der Drogenszene (Zoo, Nolli, Potze, Kurfürstenstraße) wurden nun auch von vielen Ostdeutschen gesucht. Es folgten Fortbildungs- und Präventionsworkshops, da der Osten einen großen Nachholbedarf hatte.

Bernd Meinke, Germersheim

Ein Stück Mauer kostet fünf Mark

Als am Abend des 9. November im Fernsehen diese sensationelle Nachricht kam, rannte ich sofort zu meiner Stammkneipe, bestellte eine Flasche Sekt und sagte dem Wirt, er solle das Radio einschalten. Da überschlugen sich die Nachrichten, und wir sangen alle die Nationalhymne. Ich war glücklich. Der Hintergrund war, dass ich Freunde in Plauen hatte und wir uns hin und wieder in Ostberlin trafen. (...) Ich war so erleichtert. Drei Tage später bin ich nach Berlin gefahren. Am „antifaschistischen Grenzwall“ habe ich mir für fünf Mark Hammer und Meißel geliehen und habe unter den wohlwollenden Augen eines Volkspolizisten ein paar Stückchen rausgehauen. (...) Es waren Tage, die ich nie vergessen werde. Die Freundschaft zu „meinen“ DDR-Bürgern hat leider, wie bei so vielen, nicht gehalten. (...)

Manfred Simon, Essingen

250 Kilometer Umweg für eine Fahrt in den Westen

Am 9. November 1989 war ich zufällig in Hünfeld in Osthessen nahe der Grenze zur DDR zu Besuch. Erst am Tag darauf bekam ich das epochale Ereignis des Mauerfalls mit. Ich traf einen Mann in einem Trabi und kam mit ihm ins Gespräch. Da es einen Tag nach dem Fall der Mauer erst wenige offene Übergangsstellen gab, sagte mir der Mann aus der DDR, dass er einen Umweg von 250 Kilometer gefahren ist, da er den Platz in Westdeutschland betreten wollte, den er jahrzehntelang nur von seinem Wohnort in der DDR sehen konnte. (…) Das hat mich sehr beeindruckt.

Peter Matulla, Clausen

Pfalz-Ticker