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Kultur

„Wo bitte ist das Kombinat?“

Der Dichter Dieter M. Gräf erkundet in seinem neuen Gedichtband die deutsche Unheilsgeschichte

Von Michael Braun

Dieter M. Gräf bei einer Lesung in Ludwigshafen.

Dieter M. Gräf bei einer Lesung in Ludwigshafen. ( Foto: Kunz )

Seit einiger Zeit kombiniert der aus Ludwigshafen stammende Autor Dieter M. Gräf seine Gedichte mit Fotografien. Auch in seinem neuen Band „Falsches Rot“ folgen auf Gedichte Fotostrecken. Ausgangspunkt für die Geschichtslektion: eine Begegnung in Edenkoben.

Es muss an einem Nachmittag in den frühen Neunzigerjahren gewesen sein, als Wolfgang Hilbig, einer der sprachmächtigsten deutschen Schriftsteller, in Edenkoben in das zitronengelbe Auto des Dichters Dieter M. Gräf stieg und sich auf dem Beifahrersitz niederließ. Die zwei literarischen Einzelgänger verbrachten etliche Autominuten miteinander. Der eine, der literarische Solitär Hilbig, konnte über viele Jahre hinweg in der DDR keine Zeile veröffentlichen, bis es ihn auf Umwegen 1988 nach Edenkoben verschlug, das sechs Jahre lang zu seiner Wahlheimat wurde und wo auch sein literarischer Erfolgsweg begann. Der andere, der in Ludwigshafen aufgewachsene Dichter Dieter M. Gräf, hatte sich 1994 in seinem Debütband „Rauschstudie: Vater + Sohn“ in verstörenden Collagen mit den Urszenen deutscher Unheilsgeschichte beschäftigt und mit diesen ungefälligen Gedichten die Literaturszene aufgeschreckt.

In seinem neuen opulenten Gedicht- und Foto-Band „Falsches Rot“ blickt Dieter M. Gräf auf diese Begegnung zurück und macht sie zum Ausgangspunkt einer fulminanten Geschichtslektion. „Wo bitte ist das Kombinat?“ heißt das lange Erzählgedicht, in dem sich Gräf den Brennpunkten der deutsch-deutschen Geschichte nähert und von seinen gescheiterten Versuchen berichtet, in die DDR zu reisen.

Hier kann man sehr gut das poetische Verfahren studieren, mit dem Gräf arbeitet: viele O-Töne, purer Geschichtsstoff, Materialien und Zitate aus Zeitdokumenten, Briefen oder Tagebüchern finden Eingang in die Gedichte, werden in schroffer Fügung verbunden und mit Reflexionen des Autors zusammengeführt. Seit einiger Zeit kombiniert Gräf seine Gedichte mit Fotografien, die er ohne großen artistischen Aufwand mit seinem iPhone herstellt. „Das Fotografieren“, so schrieb er 2016 in einem Essay, „entwickelte einen Sog, der mich verblüfft, und nun bin ich kein richtiger Dichter mehr (…), sondern einer, der schreibt, publiziert, fotografiert, postet und ausstellt.“ Auch sein neuer Band „Falsches Rot“ ist in dieser Hinsicht ein Hybrid-Buch. In den drei großen Kapiteln des Bandes, hier als „Räume“ markiert, startet Gräf wieder seine geschichtsarchäologischen Expeditionen zu den neuralgischen Punkten deutscher Geschichte, wobei auf einzelne Gedichte jeweils eine Fotostrecke folgt.

So widmet er sich etwa den Apologeten des autoritären DDR-Sozialismus, in einem intensiven Stück auch dem „Hofdichter“ der SED, Johannes R. Becher. In diesem Gedicht lässt Gräf all die Wirrnisse des Parteikommunisten nochmals aufleuchten. Nach einer Phase übelster Drogensucht mutierte der begabte Expressionist Becher, der als Schüler seine Geliebte erschossen hatte, zum Parteigänger der KPD und verfasste später Hymnen auf Stalin. Aber auch die falschen Propheten des Westens haben in Gräfs Geschichtspoemen ihren Auftritt, besonders die schrillen Stimmen der RAF: Ulrike Meinhof und Andreas Baader. Eins der eindrücklichsten Gedichte des Bandes ist dem DDR-Maler Wolfgang Mattheuer gewidmet. Er hatte 1974 mit seinem Bild „Die Ausgezeichnete“ für Unruhe gesorgt, denn dieses Bild wandte sich demonstrativ ab von der Imago einer strahlenden Heldin der Werktätigen. Es ist eine Szene von großer Einsamkeit. Eine ältere Frau mit kurzen Haaren sitzt mit gesenkten Augen an einem Tisch, vor ihr ein bescheidener Blumenstrauß, ein paar rote Tulpen. Die Frau wirkt müde und erschöpft, das weiße Tischtuch, auf das ein Schlagschatten fällt, trennt sie von der Welt und von dem Betrachter. Die einsame „Ausgezeichnete“ projiziert Dieter M. Gräf nun in seinem Gedicht in die Zukunft des wiedervereinigten Deutschland. Im Westen, so suggeriert Gräf, hätte „die Ausgezeichnete“ gar keine Kontur mehr, stattdessen vollziehe sich ihre unaufhaltsame Auslöschung.

Am meisten berühren die sehr intimen Gedichte in „Raum Drei“, in dem der Dichter Abschied nimmt von seiner 2012 verstorbenen Mutter. Die zurückgelassenen Gegenstände im Elternhaus in Maudach werden zu stillen Trägern der Erinnerung. Der Dichter, der zuvor als kühl collagierender Chronist deutscher Geschichte auftritt, beendet sein Werk mit einem ergreifenden Klagegebet: „deine Hände, nah / wie der Tod, denn ich sehe dich zweifach & / mich: als den toten Vogel, als den, der dir schreibt. / Ein-aus: verrückt sein vor Atem / bist jetzt so zart / Wohin vergräbst du an anderen Tagen deine Güte? / Wer, wenn nicht du, bist die Beschützerin der Welt?“

Lesezeichen

Dieter M. Gräf: „Falsches Rot“; Brueterich Press, Berlin 2018; 210 Seiten; 20 Euro.

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