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Dienstag, 20. Juni 2017 Drucken

Kultur

Stark ist vor allem die Klangmalerei

Deutsche Erstaufführung inklusive: Am Pfalztheater in Kaiserslautern feiern die Kammeropern „Heart Sutra“ und „The Raven“ Premiere

Von Fabian R. Lovisa

Nächste Saison fest am Haus: Polina Artsis, hier in „The Raven“.

Nächste Saison fest am Haus: Polina Artsis, hier in „The Raven“. ( Foto: Pfalztheater/Heieck/frei )

Ein Komponist aus der westlichen Sphäre vertont eine asiatische Geschichte, ein Asiate nimmt sich eines westlichen Stoffes an: Auf dieser Überkreuz-Konstellation beruht der jüngste Opernabend am Pfalztheater Kaiserslautern, der am Sonntag auf der Werkstattbühne Premiere hatte. Die Stücke von Christian Jost und Toshio Hosokawa eint daneben das Generalthema Liebe. Und auch die Tonsprache der beiden Komponisten trifft sich an einem Punkt: in ihrer außerordentlichen Eindringlichkeit. Ein spannender Opernabend.

Christian Jost, 1963 in Trier geboren, hat eine durchaus enge Beziehung zu Asien. So unternahm er Mitte/Ende der 90er Jahre ausgedehnte China-Reisen und arbeitete dort intensiv mit Orchestern zusammen. Der international tätige Komponist und Dirigent blickt inzwischen auf ein breites Werkverzeichnis zurück, von der Kammermusik bis zum Bühnenwerk. Seine am Pfalztheater als deutsche Erstaufführung gezeigte Kammeroper „Heart Sutra“ verarbeitet eine Geschichte aus dem Shanghai der 1930er Jahre der Autorin Zhang Ailing, die zu den modernen Klassikern der chinesischen Literatur zählt. Sie erzählt das Schicksal einer Familie, in deren Zentrum ein allzu enges Vater-Tochter-Verhältnis steht. Letzterer beginnt stellvertretend mit der besten Freundin der Tochter ein Verhältnis, die Familie zerbricht an dieser Konstellation.

Josts Musik dazu ist an Intensität, aber auch an Einfühlsamkeit schwer zu übertreffen. Spannungsgeladen, berückend ist seine Klangsprache, tonal begründet und gut fassbar. Zarte Reibeklänge und Glissandi geben ihr moderne Würze, das asiatische Moment spiegelt sich dezent im Einsatz von Marimba und Vibraphon. Es entstehen ganz zauberhafte, zauberische Passagen, voll schwebender Innigkeit und lyrischer Melancholie, etwa wenn es um Liebesdinge geht. Der durchgängige düstere Unterton verdichtet sich in hochdramatischen Steigerungen, wo das Aufeinanderprallen der Charaktere und das Zerfallen der Familie Thema sind. Eine Musik, wie sie in ihrer Konzentration und Spannung an Arvo Pärt oder Henryk Górecki heranreicht.

Das Pfalztheater-Kammerorchester realisiert unter Johannes Witt diese in ihrer Vielschichtigkeit anspruchsvolle Partitur mit der nötigen Transparenz und Präzision. Aoife Gibneys kräftiger Sopran verleiht der Tochter Kontur, Monika Hügel steht ihr als Freundin nicht nach. Peter Floch gibt als beweglicher Tenor einen jungen Freund der Mädchen. Eine angenehme, warme, volltönende Mezzosopranstimme beweist Polina Artsis als Mutter; sie stößt in der kommenden Spielzeit im Festengagement zur Pfalztheater-Sängerriege.

Einen starken Talentbeweis gibt Artsis daneben in Toshio Hosokawas Monooper für Mezzosopran und zwölf Spieler nach der Pause. 1955 in Hiroshima geboren, gehört er zu den bedeutendsten japanischen Komponisten; bereits in den 1970er Jahren wirkte er in Berlin, später in Freiburg und trat neben vielen anderen wichtigen Festivals für zeitgenössische Musik auch als Dozent bei den Darmstädter Ferienkursen an. Hosokawa vertont in seiner Kurz- oder auch Monooper Edgar Allan Poes berühmtes Gedicht „Der Rabe“, in dem es um einen Mann geht, der seine verstorbene große Liebe betrauert. Er sieht sich mit einem düsteren Raben konfrontiert, der fortwährend und unheilvoll „Nimmermehr“ kräht.

Hosokawa bedient sich ebenfalls einer enorm spannungsgeladenen Tonsprache, die die Düsternis des Stoffes hautnah erleben lässt. Auch hier reichen die Extreme vom hauchzarten Wispern bis zum geballten Ausbruch; die Nähe zur Avantgarde der 70er und 80er Jahre ist dabei nicht zu überhören. Dennoch mutet Hosogawa seinem Publikum nicht zu viel zu und bleibt stets nachvollziehbar. Die zahlreichen Klippen dieser Partitur setzen die Musiker mit Umsicht und Engagement um.

In der Inszenierung von Martina Veh entstehen so zwei eindringliche Bilder von Grenzsituationen. Die minimalistische Bühne von Christl Wein (auch Kostüme) bietet einen Rahmen, der davon nicht ablenkt. Dies tut dann schon eher der Live-Zeichner Freddy Engel.

In „Heart Sutra“ bastelt er mittels Overhead-Projektion diverse Hintergrundbilder, die zwar mit mancher netten Idee aufwarten, aber in ihrer Ausführung eher amateurhaft rüberkommen. „The Raven“ bereichert er mit Action-Painting-nahen, gestischen Malaktionen auf Papier, die im Bühnenzentrum stattfinden und durchaus ihren Reiz haben. Nur ziehen sie allzu sehr die Aufmerksamkeit auf sich. Letztendlich hätte es dieser optischen Zugaben nicht bedurft, denn die Klangmalerei beider Stücke ist stark genug und fordert den Rezipienten alleine schon gebührend. Doch gottlob kann man ja auch die Augen schließen.

Termine

23., 30. Juni, 2., 4., 6. Juli, Karten unter 0631/3675-209 und www.pfalztheater.de.

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