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Kultur

"Shape of Water" im Kino: Die Macht der Außenseiter

Von Susanne Schütz

Ein Traumgespinst? Die mexikanische Putzfrau Elisa (Sally Hawkins) und das Amphibienwesen (Doug Jones), das sie in „Shape Of Water“ aus einer US-Forschunsgeinrichtung der 60er befreien möchte.

Ein Traumgespinst? Die mexikanische Putzfrau Elisa (Sally Hawkins) und das Amphibienwesen (Doug Jones), das sie in „Shape Of Water“ aus einer US-Forschunsgeinrichtung der 60er befreien möchte. ( Foto: Twentieh century Fox)

Neues Fantasy-Märchen von Guillermo del Toro

Ein dunkles Märchen über eine andere Zeit, das doch ein Licht auf die Gegenwart wirft: „Shape Of Water“ mischt Fantasy-, Horror-, und Musicalelemente zu einem traumwandlerischen Drama, in dem vier Außenseiter die Großmachtsucht der USA torpedieren. Mit 13 Nominierungen ist der bereits in Venedig mit dem Goldenen Löwen prämierte Film des mexikanischen Kinomagiers Guillermo del Toro Favorit der Oscarverleihung.

Es ist etwas ganz schön faul in diesem Land, das Del Toro da präsentiert: ein Amerika der frühen 1960er, paranoiageschwängert, testosterondominiert. Das erfährt der Bösewicht des Stücks höchst symbolisch am eigenen Leib. Er verliert zwei Finger, die zwar wieder angenäht werden, aber dann doch nicht mehr ihren Dienst tun wollen. Der Tyrann siecht dahin, auch wenn er stoisch versichert, wie gut die Tabletten helfen.

Dieser Sicherheitschef Strickland (Michael Shannon) ist ein brutaler Militärvertreter, der in einem geheimen Regierungslabor ein fremdes Wesen den USA Untertan machen möchte. Ein Amphibienwesen aus dem Amazonasgebiet, dort als Flussgott verehrt, vegetiert in den Tiefen des unterirdischen Forschungskomplexes dahin und soll den Vereinigten Staaten einen Vorteil in Sachen Raumfahrt bringen.

Strickland sieht in dem scheuen Echsenmann ein Monster, quält ihn mit Stromstößen, so dass dieser sich eben mit dem Biss Richtung strafende Hand wehrt. Strickland lacht zunächst darüber, doch zeigt Guillermo del Toros Film auf, wie kleine Widerstände große Energien frei setzen können. Und so lässt der 53-jährige Mexikaner, der mit Horrorfilmen („Cronos“) und Comicadaptionen („Blade II“, „Hellboy“) begann, eine von ihrer Umgebung ausgegrenzte Außenseitertruppe als Befreiungskommando für das wilde Wesen gegen den scheinbar übermächtigen Staatsapparat antreten: eine stumme mexikanische Putzfrau (Sally Hawkins), ihre afroamerikanische Kollegin (Octavia Spencer), einen jüdisch-russischen Wissenschaftler (Michael Stuhlbarg) und einen homosexuellen Werbeplakatmaler (Richard Jenkins). Und auch wenn bisweilen getanzt wird und Liebe in einer „Die Schöne und das Biest“-Variante in der Luft liegt, bleibt die Grundstimmung verstörend düster.

Del Toro ist ein politischer Filmemacher mit Herz für Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Geschickt weicht er in Fantasy- und Horrorgefilde aus, um großes Kino zu schaffen statt lediglich didaktische Sozialdramen. Und seine entrückten Bilderwelten zeigen auf, dass Monster meist doch Menschengestalt haben, wie in „Pans Labyrinth“, seiner Auseinandersetzung mit der Franco-Diktatur. Nun also seziert er das Selbstbild der Vereinigten Staaten, die unter Trump zurück in Muster des Kalten Krieges verfallen und sich selbstverliebt der eigenen Großartigkeit versichern.

Del Toros Antagonist Strickland wirkt wie ein Stellvertreter des ignoranten Macho-Präsidenten. Eine Einwanderin und eine Schwarze, die sich als Putzkräfte verdingen müssen: Beide behandelt er mehr als herablassend. Sexismus und Rassismus paaren sich in dieser Figur auf äußerst ungute Weise. So reizt ihn die stumme Elisa. Denn er schätzt Frauen, die nicht für sich sprechen wollen oder können und sich ihm unterordnen – wie seine Ehefrau, der er beim Sex denn auch den Mund zuhält. Dieser Strickland ist nah an der Karikatur, auch die übrigen Nebenfiguren haben typenhafte Züge – die resolute Afroamerikanerin Zelda mit dem faulen, feigen Ehemann daheim oder der unglücklich in einen Kuchenverkäufer verliebte Giles, der gealterte Nachbar der Heldin. Allerdings befinden wir uns nun mal in einem Märchen, und so ist hier bewusst vieles überzeichnet.

In Zeiten von #MeToo mag man sich auch fragen, ob die ungewöhnliche Hauptfigur Elisa, auf die der Film dann doch zugeschnitten ist, unbedingt durch eine Nackt- und Badewannen-Masturbationsszene eingeführt werden muss. Doch erschließt sich diese im Verlauf des Filmes. Und Elisa ist wahrlich keine eindimensionale Heldin, sondern schillert geradezu verwegen. Sie kann verträumt und weltfremd wirken, aber auch entschlossen, zupackend und selbstbewusst – und ihr tiefes Geheimnis offenbart sich erst in der letzten magischen Szene.

Zunächst aber ist Elisa die Beobachterin im Hintergrund, allnächtlich fährt sie mit dem Bus in die dubiose Regierungsinstitution und macht den Dreck weg, inklusive Blut, von den Forschern kaum wahrgenommen. Das dort gefangene Wasserwesen hat mehr Seele als nahezu alle seine Wärter, begreift sie bald. Sie füttert den Echsenmann mit Eiern, spielt ihm Musik vor, plant schließlich seine Befreiung – und blüht auf, während Gegenspieler Strickland langsam, von sich selbst vergiftet, dem Tod entgegen geht. Doch ganz so leicht macht es Guillermo del Toro seinen Figuren dann doch nicht. Gegen Ende wird der Film zum Thriller mit höchstem Nervenkitzelpotenzial, nachdem der Filmemacher vorher schon genüsslich Genresprünge durch die Filmgeschichte gemacht hat – inklusive einer Hommage an die großen Musicaltraditionen. Und so legen die wunderbare Sally Hawkins und Richard Jenkins, der aus seiner Rolle des gutherzigen Giles alles herausholt und sicherer Oscarkandidat ist, auch mal ein Tänzchen aufs Parkett. Die stets modrig-dunkle Ausstattung des Films und das allgegenwärtige, durchaus gefährliche Element des Wassers sorgen jedoch auch hier für surreale Noten.

„Shape Of Water“ ist kein Wohlfühlfilm, erlaubt aber, in eine Welt überbordender Fantasie zu reisen. Del Toro spielt faszinierend die große Macht des Kinos aus und lässt die Zuschauer staunen über die Magie unserer Vorstellungskraft.

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