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Kultur

Rülzheimer Hortfund: Ein „Denkzettel“ und offene Fragen

Von Susanne Schütz

Diese goldenen Applikationen könnten auf ein Gewand aufgenäht gewesen sein, glauben die Archäologen, die über den Fund forschen.

Diese goldenen Applikationen könnten auf ein Gewand aufgenäht gewesen sein, glauben die Archäologen, die über den Fund forschen. ( Foto: dpa)

Diese hunnische Silberschale mit römischer Kaiserfibel im Zentrum ist laut Gutachterin der Verteidigung etwa 40.000 Euro wert, laut dem Gutachter der Anklage 80.000 Euro.

Diese hunnische Silberschale mit römischer Kaiserfibel im Zentrum ist laut Gutachterin der Verteidigung etwa 40.000 Euro wert, laut dem Gutachter der Anklage 80.000 Euro. ( Foto: Archiv/Schäfer/GDKE)

Der Sondengänger aus Speyer, der den Schatz 2013 fand, ist vom Landgericht Frankenthal wegen Unterschlagung verurteilt worden.

Erleichterte Gesichter bei allen Prozessbeteiligten. „Wir haben unser Ziel erreicht“, sagte einer der beiden Anwälte des Angeklagten nach Prozess-Ende. Auch der Staatsanwalt und die Richterin waren froh, einen Schlussstrich zu ziehen unter ein Verfahren, das bereits 2015 am Amtsgericht Speyer begonnen hatte und seither hohe Wellen schlug.

Nur 500 Euro als Auflage

Vor drei Jahren war der Sondengänger noch zu 15 Monaten auf Bewährung und 3000 Euro Geldstrafe verurteilt worden, in der Berufung 2016 am Landgericht Frankenthal zu acht Monaten auf Bewährung und 2000 Euro Strafe. Jetzt stehen lediglich 90 Tagessätze zu 30 Euro, also 2700 Euro, Geldstrafe zur Bewährung auf ein Jahr im Raum: Die Summe wird nicht fällig, wenn sich der gebürtige Speyerer, der mittlerweile in Dudenhofen lebt und einen Fachhandel für Metallsonden betreibt, nichts mehr zu Schulden kommen lässt. 500 Euro muss er als Auflage an den Dombauverein Speyer zahlen.

Versucht, Spuren zu verwischen

Der Sondengänger habe durchaus gewusst, dass er etwas Interessantes gefunden hat. Zudem habe er versucht, Spuren zu verwischen, begründete die Richterin ihr Urteil. „Es wird niemand belohnt, der einen Schatz findet und für sich behält“, erläuterte die Richterin den „Denkzettel“. Lohn ernte vielmehr ein Finder, der Wertvolles „jenen zur Verfügung stellt, denen es nach den Gedanken des Denkmalschutzgesetzes zusteht: der Öffentlichkeit“, sagte sie.

Was der Fund von "besonderer wissenschaftlicher Bedeutung"?

Das Denkmalschutzgesetz war der Knackpunkt des nun dritten Verfahrens: Das Oberlandesgericht Zweibrücken hatte das Urteil von 2016 aufgehoben und von der Anklage gefordert, zunächst zu belegen, dass der Fund von „besonderer wissenschaftlicher Bedeutung“ ist. Denn nur dann greift der „Schatzregal“-Paragraf des rheinland-pfälzischen Landesdenkmalschutzgesetzes: Dieser sieht vor, dass solche kulturhistorisch wertvollen Stücke Landesbesitz sind.

Erst mal für sich behalten

Der Sondengänger hatte im Mai 2013 unter anderem zwei Silberschalen, einen spätantiken, verzierten Klappstuhl und Goldapplikationen im Wald bei Rülzheim ausgegraben. Abgegeben hat er die Stücke erst sieben Monate später, als er erfahren hatte, dass die Polizei gegen ihn ermittelte, weil er im Internet mit anderen Funden posiert hatte.

Klären wollte das Gericht, ob der Sondengänger, der zuvor bereits von ihm entdeckte römische Münzen an die Landesarchäologie abgegeben hatte, ahnen konnte, dass er einen ganz besonderen Fund gemacht hatte. Es seien Objekte gewesen, „die ich so noch nie vorher gesehen hatte“, sagte der Angeklagte gestern. Er habe erst recherchieren wollen, wie wertvoll sie seien. „Um den Finderruhm“ sei es ihm gegangen, nicht um den Besitz oder um Weiterverkauf, sagten seine Anwälte.

Widersprüchliche Gutachten

Über diese räumte der 26-Jährige auch ein, den richtigen Zeitpunkt verpasst zu haben, den Fund abzugeben, womit der Straftatbestand der Unterschlagung erfüllt ist. Dieses Geständnis wertete die Richterin als strafmildernd, ebenso seine Erklärung, auf alle Rechte am Fund zu verzichten inklusive möglichem Finderlohn. Der Fund gehöre in ein Museum, beteuerte der Sondengänger.

Nicht klären konnte das Gericht die Frage, ob der Fund nun von „besonderer wissenschaftlicher Bedeutung“ ist. Viel schlauer gehe man in dieser Hinsicht nicht aus dem Prozess heraus, sagte die Richterin, nachdem drei Gutachter ausführlich zu Wort gekommen waren – und sich durchaus widersprachen.

Besonders oder nicht besonder?

Für die Verteidigung hatte die Frankfurter Archäologin und Antiken-Sachverständige Barbara Deppert-Lipitz den Fund als „interessant“ und „archäologische Herausforderung“ bezeichnet. Auch eine „wissenschaftliche Bedeutung“ gestand sie ihm zu. Aber das Wort „besonders“ vermied sie. Die zwei von der Anklage bestellten Gutachter wiederum erläuterten, dass die Stücke auf jeden Fall „besonders wissenschaftlichen Wert“ besäßen. So sei eine Silberschale mit kaiserlicher Fibel im Zentrum ein einzigartiges Beispiel für eine Verbindung hunnisch-germanischer und römischer Schmiedekunst. Ebenfalls ein Unikat sei der Klappstuhl mit Rückenlehne und figurativer Dekoration.

Wert: Zwischen 44.000 und 575.000 Euro

Der Archäologe Rupert Gebhard, Sammlungsdirektor der Archäologischen Staatssammlungen München, bezifferte dessen Versicherungswert auf 300.000 Euro. Insgesamt stellte er einen Wert von 425.000 bis 575.000 Euro in den Raum. Barbara Deppert-Lipitz schätzte den Gesamtwert des Fundes dagegen auf rund 44.000 Euro. Die Höhe der Strafe bezieht sich auf letztere Summe. Falls der Fund nicht dem Land zustehe, wäre der Sondengänger neben dem Eigentümer des Waldstücks, der Verbandsgemeinde Rülzheim, Eigentümer. Deren 22.000 Euro könnte er somit unterschlagen haben. Das Urteil ist rechtskräftig, da die Verteidigung keine weiteren Rechtsmittel einlegen will.

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