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Dienstag, 13. Februar 2018 Drucken

Kultur

Roman "Die Grüne Grenze": Eine Amerikanerin im Harz

Von Thomas Schaefer

Großer Wurf: Isabel Fargo Cole.

Großer Wurf: Isabel Fargo Cole. ( Foto: Simona LExau/Verlag)

Isabel Fargo Coles Buch ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert

Die Frage drängt sich auf, auch wenn Isabel Fargo Cole sie vermutlich nicht mehr hören kann: Wie ist es möglich, dass eine US-Amerikanerin, 1973 in Illinois geboren, sich in einem 500-Seiten-Roman in eine junge Familie hineinversetzt, die in den 1970ern in einem kleinen Flecken im DDR-Sperrgebiet im tiefsten Ostharz lebt – und das in einer sprachlichen Dichte, die ihresgleichen sucht. Jetzt ist „Die grüne Grenze“ für den Leipziger Buchpreis nominiert worden.

Isabel Fargo Cole scheint das gar nicht als ungewöhnlich zu betrachten. Immerhin lebe sie seit 15 Jahren in Deutschland, habe deutsche Freunde, kenne das Land, insbesondere den Harz, bestens. Es sei für sie auch „eine Selbstverständlichkeit gewesen“, erzählt sie im Gespräch, auf Deutsch zu schreiben. Und was das sprachliche Niveau angeht: Wer wie Fargo Cole einen Autor wie Wolfgang Hilbig ins Englische übersetzt, ist mit allen Wassern literarischen Schwerstkalibers gewaschen. Dennoch bleibt es erstaunlich, was Isabel Fargo Cole, die in Berlin lebende Erzählerin und Übersetzerin, mit ihrem Debütroman geleistet hat.

Ein junges Paar zieht 1973 nach Sorge im Harz, an die grüne Grenze, wo „die Nähe der Ferne“ allgegenwärtig ist: der Schriftsteller Thomas, der nach einem erfolgreichen Roman nach neuer Inspiration sucht, und die Bildhauerin Editha, die aus Sorge stammt. Bald sind sie zu dritt: Ihre Tochter Eli kommt zur Welt und wird auf eine ganz eigene Weise zur heimlichen Heldin des Romans und zum Medium der Geschichte ihrer Eltern, vor allem des Vaters. Mit dem hat es eine tragische Bewandtnis: Als jüdisches Kind überlebt er in einer Berliner „Kammer mit doppeltem Boden“ die Shoah, ein Rotarmist nimmt sich seiner an Vaters statt an, muss den Ziehsohn aber wieder abgeben. Ein Internat und Adoptiveltern, die verzweifelt Familienleben inszenieren wollen, sind die weiteren Stationen einer Biografie, die von Vatersuche und Bindungslosigkeit gezeichnet ist – kein Wunder, dass dieser Thomas auf seine Weise ein Ungläubiger ist, zumindest ein komplizierter Mensch, „überfeinert und wurzellos“. Sein Dilemma, das unweigerlich zu dem seiner Kleinfamilie wird, entwickelt Isabel Fargo Cole auf psychologisch feinfühlige Weise.

Es spricht für sie, dass sie nicht der Verführung erliegt, das dramatische Potenzial ihres Stoffes melodramatisch auszunutzen. Sie bedient sich vielmehr eines kühlen Understatements und lässt sich viel Zeit, um die Geschichte ihres traurigen Helden zu entfalten.

Episch breit malt sie das Leben in Sorge an Hand unterschiedlicher Figuren aus: Thomas` Schwiegermutter, deren Systemtreue nicht ganz echt zu sein scheint, ein Antiquar, dem eine solche Treue eindeutig abgeht, die „Hundertprozentigen“ und andere Dorfbewohner erleben für die DDR einschneidende Jahre, etwa die Biermann-Ausbürgerung. Thomas, angesichts seiner Vergangenheit verständlich, versucht sich möglichst aus allem rauszuhalten, er recherchiert für einen historischen Roman, in dem das Motiv des Waldes und der Grenze eine zentrale Rolle spielt.

Das gilt auch für Fargo Coles Buch, das aber zudem eine Reflexion über das Erzählen als Medium der Selbstvergewisserung und Selbst(er)findung ist, über Sprache als möglicher Freiraum, der sowohl die Flucht aus Bedrückung als auch das Ertragen einer aufgezwungenen Sesshaftigkeit erlaubt. „Was wüsste man zu sagen, wenn man alles sagen dürfte?“, ist eine der vielen Fragen, über die Thomas grübelt. Was er nicht mehr zu leisten in der Lage ist, denn seine Geschichte ist offensichtlich auserzählt, ist Fargo Cole gelungen: ein großer Wurf. Ihre „Grüne Grenze“ ist ein Zeit-, Künstler-, Entwicklungs- und nicht zuletzt ein berührender Liebesroman, aufgrund seiner komplexen Anlage und konzentrierten Sprache nicht einfach zu lesen, aber immer die Lektüre wert. Wie Isabel Fargo Cole Motive entwickelt und verflicht, wie jeder ihrer Sätze überraschende (Er-)Kenntnisse trägt und sich zwingend ins große Ganze fügt – das ist große Kunst.

 

Lesezeichen

Isabel Fargo Cole: „Die grüne Grenze“; Roman; Edition Nautilus, Hamburg; 495 Seiten; 26 Euro.

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