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Montag, 04. Juni 2018 Drucken

Kultur

Rock am Ring: Zurück zu alter Form

Rock am Ring: Drei Tage Festival mit wenig Regen und hohem Unterhaltungswert

Von Jennifer BAck

Rot das Kleid, rot die Haare und ganz und gar nicht schüchtern: Rockröhre und weiblicher Rockrüpel Beth Ditto.

Rot das Kleid, rot die Haare und ganz und gar nicht schüchtern: Rockröhre und weiblicher Rockrüpel Beth Ditto. ( Foto: dpa)

Anders als in den beiden Jahren zuvor verlief diesmal alles nach Plan beim Rockspektakel am Nürburgring, das gestern Abend zu Ende ging. Die Fans applaudierten auch dem Rap bei Rock am Ring und Beifall gab es auch für den Pfälzer Max Gruber alias Drangsal aus Herxheim.

Wenn es um Rock am Ring geht, verfallen viele in den britischen Modus, soll heißen: Es wird viel übers Wetter geredet. Nicht ohne Grund. Regelmäßig versinken die Festivalgäste mit ihren bunten Gummistiefeln im Matsch an der Rennstrecke des Nürburgrings sowie auf den Campingplätzen drumherum. Vor zwei Jahren musste das Festivalgelände wegen eines Unwetters evakuiert werden. 51 Menschen wurden von einem Blitz getroffen und verletzt. Auch in der Nacht auf vergangenen Freitag – der Tag des offiziellen Starts – gab es ein schweres Gewitter. Passiert ist dabei aber nichts, lediglich ein paar Zelte standen unter Wasser. Auf den Campingplätzen, wo viele Fans regelrechte Zeltburgen aufgebaut hatten, blieb alles weitgehend friedlich.

Den ersten Auftritt der 32. Auflage von Rock am Ring hatte die US-Band Greta van Fleet am Freitagmittag noch im strömenden Regen. Die irische Gruppe Walking on Cars hatte danach mehr Glück und spielte ihren größten Hit „Speeding Cars“ im Trockenen. „Brüder und Schwestern, darf ich vorstellen: Das ist die Sonne!“, rief dann auch Gary Lightbody, Sänger von Snow Patrol, am Samstagabend euphorisch auf der Hauptbühne. Romantische Sonnenuntergänge am Ring sind selten.

Snow Patrol hatten sich in vergangenen Jahren rar gemacht, spielten keine Konzerte. Das hat offenbar Spuren hinterlassen: Lightbody drohte während der ersten gespielten Titel die Stimme zu versagen. Der Sänger fasste sich zwischendurch öfter mal an den Hals. „Nach sieben Jahren Abwesenheit bin ich nach fünf Liedern schon müde“, scherzte er. Dann aber wachte er auf und fand mit „Run“ und „Chasing Cars“ zurück zu alter Form.

Top in Form waren auch 30 Seconds to Mars. Leadsänger Jared Leto rannte mit goldenen Glitzerhandschuhen und in Tunika gekleidet über die Volcano-Stage, die größte der drei Bühnen. Dort wollte er ganz offenkundig nicht alleine bleiben: Erst holte er ein weinendes Mädchen zu sich. Danach suchte er nach selbsternannten schlechten Tänzern. Seiner Aufforderung, ihr Können respektive Nichtkönnen zu seinen Songs zu zeigen, kamen drei erfolgreich nach. So richtig ab gingen die Fans bei „Kings and Queens“ und „This is war“. Nicht jedem gefiel, dass der deutsche Rapper Casper, der vor Leto auf der Bühne stand, Headliner war. Im Internet hagelte es Kritik, dass aus Rock am Ring bald „Rap am Ring“ werde. Casper nahm es gelassen – und die Reaktion der großen Menge gab ihm recht. Illustre Unterstützung für den 35-Jährigen gab es unter anderem von „Kraftclub“-Frontmann Felix Brummer („Ganz schön okay“) und Max Gruber alias Drangsal aus Herxheim („Keine Angst“).

Auch Milky Chance ist keine Gruppe, die eingefleischte Fans als typische Ring-Headliner bezeichnen würden. Mit Liedern wie „Stolen Dance“ und „Down by the River“ brachten die vier Jungs aus Kassel in der Tat niemanden zum Headbangen – dafür aber ein Gefühl von Sommer in den bis dahin trüben Freitagnachmittag.

Einen der größten Unterhaltungswerte hatte Beth Ditto am Samstagnachmittag. Die ehemalige Frontfrau von „The Gossip“ fiel nicht nur wegen ihres Outfits – ein Kleid, dessen Rot dem ihrer Haare in nichts nachstand - auf. Die US-Amerikanerin gab sich größte Mühe, ihre Deutschkenntnisse zum Besten zu geben, bedankte sich nach jedem Lied mit einem nahezu schüchternen „Danke“. Mit der vermeintlichen Schüchternheit war es recht schnell vorbei. Einem beherzten Rülpsen folgte ein „I’m not sorry“, diesmal also auf Englisch. Die Fans feierten sie. Zum Ende ihres Auftritts kraxelte die 1,58 Meter große Sängerin umständlich über einen Lautsprecher die Bühne hinab. Zig Tausend Besucher hatten beste Sicht auf ihr schwarzes Höschen. Zum „Gossip“-Lied „Heavy Cross“ schlüpfte Ditto kurzerhand in die Menge – und ging dort fast unter. Anders als ihre Rockröhren-Stimme: Die schallte weiter über den Nürburgring, die Sängerin zog den Song bis zum Ende durch. Ditto - übrigens eine von nicht einmal einer Handvoll Frontsängerinnen unter den insgesamt 80 Bands – zeigte eindrucksvoll, dass auch Frauen Rockrüpel sein können.

Alles andere als kuschelig ging es auch auf der Crater-Stage zu. Dort gaben sich Größen wie Marilyn Manson, Stone Sour, Bullet for my Valentine und Body Count mit dem Hardcore-Rapper Ice-T die Klinke in die Hand. Zu schreienden Elektrogitarren hielt Letzterer ein Plädoyer auf eine Welt frei von Rassismus, nicht ohne das F-Wort in jedem zweiten Satz zu verwenden.

Mit rund 70.000 Zuschauern sowohl auf dem Nürburgring als auch beim parallel stattfindenden Zwillingsfestival „Rock im Park“ in Nürnberg waren um die 15.000 weniger Besucher zu verzeichnen als im vergangenen Jahr. In Nürnberg allerdings blieb es trocken. Insgesamt standen rund 80 Bands bei dem dreitägigen Musikspektakel auf dem Programm. Die Musiker spielten dabei abwechselnd auf beiden Veranstaltungen. Sowohl Polizei und Sanitäter als auch Festivalgründer Marek Lieberberg zogen gestern Nachmittag eine vorerst positive Bilanz. Und dann wurde auch gleich ein Höhepunkt für 2019 angekündigt: Die Rückkehr der Ärzte – nach sechs Jahren Live-Pause, von 7. bis 9. Juni in der Eifel und in Nürnberg.

Bis heute Morgen um 2 Uhr ging das Festival, das die Alternative-Rocker von Good Charlotte, die Punk-Hardcore-Band Rise Against, Foo Fighters und Gorillaz beendeten.

Pfalz-Ticker