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Donnerstag, 07. Dezember 2017 Drucken

Kultur

Neubau der Kunsthalle Mannheim: Kunst im Kettenhemd

Von Markus Clauer

Das Museum als Stadt in der Stadt: Der Neubau ist kein Zeichen. Oder doch?

Das Museum als Stadt in der Stadt: Der Neubau ist kein Zeichen. Oder doch? ( Foto: kunsthalle, lukac Diehl)

Spektakulär: Das 22 Meter hohe Atrium.

Spektakulär: Das 22 Meter hohe Atrium. ( Foto: kunsthalle, lukac Diehl)

Ein langer Weg: Zugang zum Altbau.

Ein langer Weg: Zugang zum Altbau. ( Foto: kunsthalle, lukac Diehl)

Der Wasserturm als Exponat.

Der Wasserturm als Exponat. ( Foto: mac)

Könnte ein Vorbild sein: Historisches Duisburger Kaufhaus.

Könnte ein Vorbild sein: Historisches Duisburger Kaufhaus. ( Foto: archiv)

Verworfener Entwurf mit spektakulären Kuppeln von Gerkan, Marg und Partner: Mannheim ist nicht Bilbao. Auch nicht vom Wetter her. (Illustration: Kunsthalle)

A propos Wetter: Viel ist von dem verworfenen Pütz-Entwurf ohnehin nicht zu sehen, doch man ahnt, dass er den Gegnern des letzten Endes umgesetzten Plans auch nicht gefallen hätte. (Illustration: Kunsthalle)

Der Verworfene Entwurf des Büros Staab. (Illustration: Kunsthalle)

Der Anfang: Der 1907 errichtete Billing-Bau, dessen Portal nicht zum Friedrichsplatz beziehungsweise Wasserturm hin weist, sondern in der Moltkestraße liegt. (Foto: Archiv Kunsthalle)

1983 wurde - nachdem entsprechende Überlegungen schon aus dem Jahr 1960 datierten - der Mitzlaff-Bau eröffnet, eine Erweiterung der Kunsthalle zum Friedrichsplatz hin. Kenner können anhand der Plakate und des eingerüsteten Billing-Baus erkennen, wann dieses Foto entstand: im Mai 2012. (Foto: Kunz)

Der Mitzlaff-Bau im Jahr 2006. Acht Jahre später wurde das Haus nach etwas mehr als 30 Jahren wieder abgerissen - schwere Baumängel hatten sich gezeigt, die Stadt entschied sich gegen eine Sanierung. (Foto: Kunz)

Ein Blick in den abgerissenen Mitzlaff-Bau bei der Langen Nacht der Museen im März 2007. (Foto: Kunz)

Der Mitzlaff-Bau konnte auch schön - mit entsprechender Beleuchtung: Mange Nacht der Museen im April 2011. (Foto: Kunz)

Vor der Sanierung des Billing-Baus 2011 mussten die beiden Portal-Löwen, die sonst wachsam in die Moltkestraße schauen, vorübergehend ihre Plätze verlassen. (Foto: Kunz)

Schon 1999 konnte man bei Sanierungsarbeiten sehen, was unter dem Mitzlaff-Bau auf ein späteres Abrisskommando lauerte: Eine ganze Menge Beton. Die Tiefbunker dienten als Lager. (Foto: Archiv Kunsthalle)

Im Oktober 2014: Was vom Mitzlaff-Bau übrig blieb. (Foto: Kunz)

Oktober 2015: Der neue "Hector-Bau" - benannt nach dem Hauptsponsor, SAP-Mitbegründer Hans-Werner Hector, der 50 Millionen Euro gab - nimmt Form an. (Foto: Kunz)

März 2017: Ein erster Blick in den Neubau im Rohzustand. (Foto: Kunz)

November 2017: Der Hector-Bau der Mannheimer Kunsthalle, fast fertig. (Foto: Kunz)

Übernächste Woche übergibt das Architekturbüro Von Gerkan, Marg und Partner den Neubau der Kunsthalle Mannheim – Wir waren schon drin.

Wie im Kettenhemd steht die Kunsthalle Mannheim am Friedrichsplatz. Vergittert, bronzefarben schillernd. Ernst. Mächtig. Mächtig ernst, von außen. Innen aber ist das 68,3-Millionen-Gebäude des Büros Von Gerkan, Marg und Partner (gmp), der größte Museumsneubau in Deutschland zurzeit, spektakulär. Ein lichter Maschinen- und Möglichkeitsraum, gedacht als Stadt in der Stadt. Am 18. Dezember wird die Architektur im Beisein des Bundespräsidenten übergeben. Wir durften vorab einen kurzen Blick hineinwerfen.

Kein Bilbao-Effekt weit und breit

Nicht glücklich. Manchen gefällt der neue Teil der Mannheimer Kunsthalle, über den Billings Jugendstiltrakt spitzelt, eher nicht. Zu spröde, zu kalt, zu groß, zu abweisend. Kantig präsidiert die nach dem gebürtigen Pfälzer Mäzen Hans-Werner Hector benannte Kubatur den östlichen Friedrichsplatz wie ein sehr sehr nobler Nachkömmling früherer Warenhausarchitektur. Vom Ende der 1950er-Jahre von Harald Loebermann und Helmut Rhode gebauten Kaufhaus „Merkur“ zum Beispiel. Ja, stimmt, angezogen, umarmt, überrascht, geschmeichelt, fühlt sich der Betrachter vom Äußeren der neuen Kunsthalle erst einmal nicht. Kein Bilbao-Effekt weit und breit. Die von ihrem Innenleben geheimnisvoll durchschimmerte Architektur ist alles andere als ein für sich stehendes skulpturales Zeichen wie Frank Gehrys Guggenheim Museum im Baskenland. Aber als Anhängsel wie die Kunst dort ist die Mannheimer Kunsthallensammlung auch viel zu schade.

Stolz wie Bolle

Und deshalb ist es schon gut, dass eher als Bilbao die Alhambra als Referenzgröße taugt für den von einem spezialgefertigten Metallgewebe aus Edelstahldrähten, Röhren und Drahtkettseil eingehegten Bau. Die maurische Stadtburg auf dem Sabikah-Hügel von Granada. Von außen eher unscheinbar, doch dann läuft man durch eine Folge wunderschöner Höfe und Räume. Die Mannheimer Museumsdirektorin Ulrike Lorenz jedenfalls steht stolz wie Bolle im tageslichtgleißenden Atrium.

Raum für Monumentalkunst

Aufgekratzt, sehr happy wirkt die 54-Jährige aus Gera, die seit 2009 in Mannheim amtiert. Ohnehin ist sie von Haus aus ein Energiebündel. 22 Meter hoch zum Glasdach schießt der – noch – Leerraum, in dem wir stehen. Es trifft einen mit voller Wucht, wow. Anselm Kiefers fast drei Tonnen schweres, rund 50 Quadratmeter großes, einen halben Meter tiefes Werk „Sefiroth“ (Öl, Emulsion, Acryl, Schelllack und Blei auf Leinwand auf Holz), eine Landschaft, ist an einer raumhohen Wand installiert. Kaum sonst kommt die Monumentalkunst so eindrucksvoll zur Geltung.

"Museum in Bewegung"

Einen riesigen zentralen Raum, einen „Saal der Stadt“ hatte Gründungsdirektor Fritz Wichert (1878 bis 1951) einst für die Kunsthalle imaginiert. Seiner Nachfolgerin Ulrike Lorenz ist er jetzt vergönnt. Ein Platz, ein Spielraum, eine Arena, die Agora eines demokratischen Orts im besten Fall, sie wird nach der - wegen notwendiger Ergänzungen der Sicherungsmaßnahmen, wie es heißt – auf den 1. Juni 2018 verschobenen Eröffnung frei zugänglich sein. Zum Kunstgenuss und Mobiltelefonaufladen und digitalen Erkunden der Sammlung zum Beispiel. Von hier jedenfalls geht alles aus. Das „Museum in Bewegung“, das die Direktorin fortlaufend inszenieren will, wie sie sagt.

Irgendwann spricht nur noch die Kunst

Die verbindenden Wege, die Treppen, die Brücken, die Terrassen, die Rampen, die auf drei Etagen zur Kunst, der Bar, dem Shop, den Ausruhecken und – illuminiert von einer farbigen Lichtarbeit von James Turrell – auch zum Altbau führen. Alles umschließt diese großzügige Mitte des an Vor- und Rückseite durch Glasflächen geöffneten Hector-Baus wie eine Herz- oder Schatzkammer. Oder noch besser, wie das italienische Siena seine Piazza del Campo. Je weiter man sich vom Zentrum wegbewegt, desto leiser wird es um einen herum. Und irgendwann dann spricht nur noch die Kunst.

Stararchitekten schon in der Vorrunde ausgeschieden

Für ihre gebauten Ausrufezeichen gerühmte Stararchitekt/innen wie Zaha Hadid, David Chipperfield, Max Dudler oder SANAA sind beim Wettbewerb für den Kunsthallen-Neubau schon in der Vorrunde ausgeschieden. Gmp, Von Gerkan, Marg und Partner, das stattdessen ausgewählte Architekturbüro, hat 500 Mitarbeiter und zwölf Standorte von Aachen bis Rio de Janeiro. Es ist vor allem wegen seiner Großprojekte, der Flughafen-Architektur insbesondere, von einiger – in Berlin tendenziell trauriger – Weltberühmtheit.

Zwischen Fabrikhalle und Kathedrale

Der Masterplan für Mannheim spielt mit Analogien zum umgebenden Stadtraum. Mit den Motiven Haus, Block, Straße, Platz, mit wechselnden Fluchten, Aufweitungen, Leerstellen. Sehr unterschiedlich funktionale Kuben sind eingestellt. So ergeben sich Räume mit Lichtdecken, zwei für die Skulpturensammlung, in die das Tageslicht durch über Eck laufende Fensterbänder einschießt. Im 2. OG ist ein Dachgarten integriert. 13 Ausstellungsflächen, davon sieben in der Gesamtkubatur freistehende Ausstellungshäuser hat das Museum. Der industriell wirkende, polierte Betonboden ist überall gleich fugenlos. Aber kein Ort ist wie der andere. Das Raumgefühl changiert schroff zwischen Fabrikhalle und Kathedrale. Augenblicklich stellt sich eine die Aufmerksamkeit triggernde Aufgewühltheit ein.

Der besondere Multimedia-Raum

Besonders ab hebt sich aber ein in Dunkelheit getauchter, im Status roh belassener Multimediaraum mit kahlen Betonwänden. Die freiliegende Haustechnik an der Decke gluckert noch. Das wird abgestellt. Zum Auftakt soll darin William Kentridges bei der Kasseler Documenta 2012 erstmals gezeigte Video- und Soundinstallation „The Refusal of Time“ ausgestellt werden.

Direktorin Lorenz erzählt, dass die Arbeit mit freundlicher Unterstützung des Förderkreises für die Kunsthalle Mannheim e.V. erworben wurde. Offensichtlich verdankt das städtische Museum ihm auch sonst ziemlich viel. Er wird nicht ohne Grund so von Architektur hofiert worden sein.

Der Wasserturm, das wichtigste Exponat?

An vielen Stellen im Haus nämlich stellt sich Sichtkontakt ein mit der Stadt draußen. Beim Aufenthalt auf den Skulpturenterrassen zum Beispiel. Auf der Dachterrasse und den zum Friedrichsplatz gelegenen Galerien.

Am allerschönsten aber ist das Schauen auf der Fläche, die dem Förderverein gewidmet ist. Eine lange Treppe mit Betonrahmen führt vom Atrium hoch in die erste Etage über dem Eingang. Dort angekommen fällt der Panoramablick durch die haushohe Glasfront. Die metallene Außenhaut vor diesem Stadtfenster ist großzügig gerastert. Der Wasserturm steht plötzlich wie vor einem. Ein Fingerzeig. Man könnte meinen: er ist das größte und wichtigste Museums-Exponat.

 

 

Wie finden Sie die neue Erweiterung der Mannheimer Kunsthalle?

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