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Samstag, 01. September 2018 Drucken

Kultur

Mut zum Experiment

Kriminelles beim 14. Festival des deutschen Films in Ludwigshafen: Neues von Murot und aus Stuttgart – Auftakt einer ZDF-Reihe

Von Susanne Schütz

Entschlossen, sich aus der Zeitschleife zu befreien: Ulrich Tukur in „Tatort: Murot und das Murmeltier“, von Dietrich Brüggemann für den Hessischen Rundfunk inszeniert. Zu sehen ist die Folge noch zwei Mal auf der Parkinsel Ludwigshafen und am 6. Januar in der ARD.

Entschlossen, sich aus der Zeitschleife zu befreien: Ulrich Tukur in „Tatort: Murot und das Murmeltier“, von Dietrich Brüggemann für den Hessischen Rundfunk inszeniert. Zu sehen ist die Folge noch zwei Mal auf der Parkinsel Ludwigshafen und am 6. Januar in der ARD. ( Foto: HR/Festival)

Perspektivwechsel: Der Stuttgarter „Tatort: Der Mann, der lügt“ ist ganz aus der Sicht eines Verdächtigen (Manuel Rubey) erzählt.

Perspektivwechsel: Der Stuttgarter „Tatort: Der Mann, der lügt“ ist ganz aus der Sicht eines Verdächtigen (Manuel Rubey) erzählt. ( Foto: SWR/A. Kluge)

Golo Euler spielt den Polizisten Mads Schwartz in „Schwartz 6 Schwartz: Mein erster Mord“, Cornelia Gröschel seine Frau.

Golo Euler spielt den Polizisten Mads Schwartz in „Schwartz 6 Schwartz: Mein erster Mord“, Cornelia Gröschel seine Frau. ( Foto: Festival)

Fast schon eine Tradition: ein neuer „Tatort“ mit Ulrich Tukur beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen. „Murot und das Murmeltier“ heißt der aktuelle Streich. Tukur selbst fehlte zwar bei der Parkinsel-Premiere, dafür brachte Regisseur Dietrich Brüggemann fast das gesamte übrige Team mit. Ungewöhnliche Wege gehen auch die ZDF-Produktion „Schwartz & Schwartz: Mein erster Mord“ und der SWR mit „Tatort: Der Mann, der lügt“ aus Stuttgart.

Immer wieder denselben Tag erlebt Kommissar Murot vom LKA in Wiesbaden in „Murot und das Murmeltier“. Schon der Titel legt offen, dass es um eine Variante des Zeitschleifenthemas geht, das seit „Und täglich grüßt das Murmeltier“ mit Bill Murrays verknautschtem Gesicht verbunden ist. Dietrich Brüggemann aber will in seinem ersten „Tatort“ für den Hessischen Rundfunk nach seinem SWR-„Tatort: Stau“ nicht zitieren, sondern weiterentwickeln: Der Murray-Film „geht nicht weit genug, man kann viel finsterer werden“, erläutert der 42-Jährige seine Grundidee beim Filmgespräch auf der Parkinsel, wo er regelmäßiger Gast ist („Neun Szenen“, „Kreuzweg“, „Heil“). So geht es bei ihm um den Tod – und um Verantwortung für das Leben anderer: Murot erlebt einen Banküberfalls mit Geiselnahme stets neu. Immer gibt es Tote. Aber auch Hoffnung.

 

Denn Dietrich Brüggemann ist doch auch Humanist, trotz aller Verspieltheit (so lässt er Ulrich Tukur als Murot Tretbootfahren und einer Gastwirtin eine Torte ins Gesicht werfen) und Lust am Extremen (Murot bricht schon mal im Bademantel mit einer Kettensäge in eine Wohnung ein oder schießt scheinbar rücksichtslos). Anders als manche doch sehr zynischen Murot-Abenteuer, driftet Brüggemanns Folge nicht ins vollends Absurde ab, sondern entpuppt sich als Feier des Lebens. „Man muss so einen Film am Ende doch erden“, sagt der Regisseur selbst. „Für mich handelt ja jeder ,Tatort’ vom Alltag in Deutschland“. Und hier gehe es eben um die Frage, ob das Gefühl, am Arbeitsplatz tagein, tagaus das Immergleiche zu erleben, nicht auch an der eigenen Einstellung liegt. Gerade Menschen jenseits der 40 haderten ja mitunter damit, dass das Leben gleichförmig geworden ist und fragten sich, was noch passieren soll. „Die wahre Wiederholungsschleife ist das Leben“, meint Brüggemann über seinen mit viel Kreiselbewegungen und reichlich Humor, ja gar Slapstick, arbeitenden Film. Er will mit diesem weitgehend überzeugenden Murot-Film einen Denkanstoß geben: „Es ist es ja vielleicht doch wert, am Ende die Sonne wieder aufgehen zu sehen.“ Ein Carpe-Diem-Film also für Zuschauer in leicht depressiver Stimmung.

 

Überraschend anders fällt auch der neue SWR-„Tatort“ aus Stuttgart mit Richy Müller aus, der schon einige Tage Gast auf der Parkinsel ist. „Ein ganz tolles Festival“, schwärmte der gebürtige Mannheimer, lässig in kurzen Hosen, bei der Premiere von „Der Mann, der lügt“. Im Krimi selbst steht aber sein Schauspielkollege Manuel Rubey im Mittelpunkt: Er ist der titelgebende Verdächtige in einem Mordfall. Die Zuschauer erleben das Geschehen praktisch mit ihm mit, wissen nicht, was die Kommissare Lannert und Bootz ermitteln, die konsequent nie unter sich beim Gespräch über den Fall zu sehen sind. Rubey spielt einen Mann mit Geheimnis, es mögen auch mehrere sein. Er wirkt zugleich schuldig wie unschuldig: Wenn er lügt, ist ihm das anzusehen. Aber ist er auch ein Mörder? Der vom Gang der Dinge zusehends überrollte Familienvater kommt dem Publikum nahe, vor allem, da der Film Details zeigt, die sonst außen vor bleiben in der typischen „Tatort“-Szenerie: Das Bürokratische an Verhörszenen ist zu erleben, ebenso das entwürdigende Gefühl, vielleicht unschuldig in Haft zu geraten, samt mühsamem Anlegen der Gefängniskleidung. Die Zuschauer fiebern mit, die Spannung ist hoch – allerdings enttäuscht das Finale dennoch. Tathergang und Motiv wirken dann doch nicht schlüssig, die Zeichnung der Charaktere stimmt dadurch ebenfalls nicht mehr.

 

„Es gibt eine gewisse Unschärfe“, räumt Drehbuchautor Sönke Lars Neuwöhner im Publikumsgespräch ein. Und erklärt einer Zuschauerin den Schluss. „Genauso hab ich’s doch auch protokolliert“, scherzt Richy Müller, ganz in der Rolle, dazu.

 

Dass der Mut, neue Erzählformen im alten Genre TV-Krimi auszuprobieren, nicht immer zu 100 Prozent stimmigen Ergebnissen führt, zeigt noch deutlicher die ZDF-Produktion „Schwartz & Schwartz: Mein erster Mord“, die Klischees vertieft und das Justizsystem als Schlangengrube zeichnet.

 

„Haben Sie den Fall eigentlich wegen ihrer schönen Cockerspanielaugen bekommen?“, muss sich Jungkommissar Mads Schwartz (der exzellente Golo Euler) von seiner neuen Kollegin (beeindruckend wie immer: Brigitte Hobmeier) anhören, die über sich selbst gleich sagt: „Ich bin unangenehm.“ Doch die neue Chefin ist schlimmer. Schwartz ist frisch vom Kriminaldauerdienst zur Mordkommission befördert. Warum, fragt er sich fast zu spät. Lieber geht er, geschmeichelt, mit Feuereifer an den Fall: Die Frau eines bekannten Frauenarztes ist tot. Allergischer Schock.

 

Kein Unfall, ist sich Schwartz sicher. Ebenso sein windiger Bruder Andi (Devid Striesow), der sich in sein Leben schleicht. Und hinter Mads’ Rücken äußerst unkonventionell ermittelt. „Mein erster Mord“ geht hier tatsächlich neue Wege, allerdings fällt der Film unnötig voyeuristisch aus. Der Bösewicht des Stücks, von Ulrich Noethen fast schon überspielt, begeht entsetzliche Verbrechen, an denen sich die Kamera (Klaus Eichhammer) zu weiden scheint. Man fragt sich nicht nur angesichts der MeToo-Debatte, warum die Lust am Quälen von Frauen in Krimis nach wie vor so ausgestellt wird. Hier gehen die Autoren Alexander Adolph und Eva Wehrum sowie Regisseur Rainer Kaufmann („Die Apothekerin“) doch zu weit. Dennoch ist der Fernsehfilm für den Medienkulturpreis und den Filmkunstpreis nominiert. „Mein erster Mord“ soll zudem Auftakt einer Reihe sein. Allerdings lässt es sich fragen, in welchem Rahmen die Brüder künftig weiter ermitteln wollen. Da sind doch sehr viele Grenzen überschritten worden.

 

 

Termine

—„Tatort: Murot und das Murmeltier“: morgen, 13 Uhr, 8. September, 15 Uhr, und am 6. Januar 2019 in der ARD.

—„Tatort: Der Mann, der lügt“: heute, 13 Uhr, morgen, 22 Uhr. 4. November in der ARD.

—„Schwartz & Schwartz: Mein erster Mord“: heute, 17 Uhr (mit Gast Golo Euler), morgen, 21 Uhr, sowie 9. September, 15 Uhr.

 

 

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