Schließen x

Anmelden

»Registrieren     »Passwort vergessen

Donnerstag, 10. Oktober 2019 Drucken

Kultur

Kommentar zum Literaturnobelpreis: Chance vertan

Von Frank Pommer

Der Staatssekretär der Schwedischen Akademie, Mats Malm, gibt die Gewinner der Literatur-Nobelpreise 2018 und 2019 an der Schwedischen Akademie in Stockholm bekannt.

Der Staatssekretär der Schwedischen Akademie, Mats Malm, gibt die Gewinner der Literatur-Nobelpreise 2018 und 2019 an der Schwedischen Akademie in Stockholm bekannt. (Foto: dpa)

Erstmals seit 1950, als William Faulkner und Bertrand Russell den Literaturnobelpreis erhielten, vergibt die Schwedische Akademie wieder zwei Preise. Freuen dürfen sich Olga Tokarczuk und Peter Handke. Doch die Umstände sind 2019 völlig anders. 1949 hatte man schlichtweg keinen geeigneten Kandidaten gefunden. 2019 blickt man zurück auf eine skandalträchtige, schmutzige Geschichte, in welche sich die Akademie im vergangenen Jahr verstrickt hatte. Es ging um Geheimnisverrat, finanzielle Ungereimtheiten und vor allem um sexuelle Übergriffe. Hauptakteur in dieser Geschichte war der französisch-schwedische Regisseur Jean-Claude Arnault. Der saß zwar nie selbst in der Akademie, wohl aber seine Frau Katarina Frostenson. Arnault soll nicht nur unrechtmäßig Fördergelder der Akademie erhalten, sondern auch die Namen der künftigen Preisträger hinausposaunt haben – die ihm seine Frau angeblich vorher verraten hatte. Am schlimmsten aber wogen die Vorwürfe der sexuellen Übergriffe, die zum Teil in den Räumen der Akademie stattgefunden haben sollen. Und um den Skandal komplett zu machen: Einige Akademiemitglieder sollen davon gewusst haben.

Es war also völlig richtig, im vergangenen Jahr keinen Nobelpreis zu vergeben, zu tief steckte die Akademie in dem selbstverschuldeten Schlamassel. Diese Lücke in der Jahresliste der Nobelpreisträger hätte eine Art Mahnmal sein können, das die aktuellen und künftigen Mitglieder der Akademie an deren schwerste Krise ihrer Geschichte hätte erinnern können. Indem man aber jetzt den Preis nachholt, geht man quasi zur Tagesordnung über und füllt nachträglich die entstandene Lücke. Wie muss sich jetzt eigentlich Olga Tokarczuk, die nachgeholte Preisträgerin für 2018 fühlen? Als Nobelpreisträgerin zweiter Klasse? Oder gar als Lückenbüßerin? |pom

Pfalz-Ticker