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Mittwoch, 02. Mai 2018 Drucken

Kultur

Kino: „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“

Kino aktuell: Kerstin Poltes lebenskluger Debüt-Film „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“ mit der brillanten Corinna Harfouch

Von Peter Claus

Was kann Kino mehr? Corinna Harfouch in „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“.

Was kann Kino mehr? Corinna Harfouch in „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“. ( Foto: Alamode Film)

Der liebe Gott bekommt einen Kinnhaken. Selbst mit Eisbeutel spürt er den Schmerz eine ganze Weile. Doch er zürnt nicht. Er bedankt sich sogar. Skurrile Szenenfolgen wie diese, sind typisch für die melancholische Märchenkomödie „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“. Autorin und Regisseurin Kerstin Polte gibt damit ihr bemerkenswertes Spielfilm-Debüt.

Dieser Film macht einen staunen. Denn es gelingt, über so Schwergewichtiges wie Lebensangst, Krankheit und Sterben mit heiterer Gelassenheit und wunderbar blühender Fantasie nachzudenken. In einer Fülle von oft kuriosen Momentaufnahmen, wird eine erst einmal gar nicht sonderlich ungewöhnliche Familiengeschichte erzählt.

In deren Zentrum steht Charlotte (Corinna Harfouch). Seit bald vier Jahrzehnten ist sie mit Paul (Karl Kranzwoski) verheiratet. Routine, so der erste Eindruck, hat ihrer Gemeinsamkeit allen Reiz genommen. Von Lebenslust keine Spur. Auch ihre chaotische Tochter Alex (Meret Becker), die sich mühsam als Fahrlehrerin durchschlägt und dabei versucht, der 11-jährigen Jo (Annalee Ranft) eine gute Mutter zu sein, wandelt alles andere als fröhlich durchs Dasein. Eine Kurzschlusshandlung Charlottes wirft die Familie aus den fest geschriebenen Bahnen. Sie lässt Paul auf einem Rastplatz zurück und düst mit dem Auto davon. Daraus entwickelt sich ein verspieltes Road Movie. Alex und Paul suchen nach Charlotte, an deren Seite sich auch Enkelin Jo ins Ungewisse aufgemacht hat. Die Verfolger bekommen Unterstützung von der flippigen Fernfahrerin Marion (Sabine Timoteo). Alle Charaktere landen endlich auf einer einsamen Insel bei einem kauzigen Pensionswirt namens Horster (Bruno Cathomas). Er hält sich tatsächlich für Gott. Wie die Beteiligten auf der Leinwand, glaubt man ihm das auch als Zuschauer, wenn man sich erst einmal auf die Figuren, ihre Geschichten und den Erzählstil einlässt.

Die Präsenz des von Corinna Harfouch schlichtweg grandios angeführten Schauspiel-Ensembles und die wagemutige Inszenierung, die das Geschehen immer mindestens drei Zentimeter über dem Erdboden schweben lässt, ziehen einen mit magischer Kraft mitten in die Ereignisse hinein. Kerstin Polte erzählt weitestgehend geradlinig, erlaubt sich aber einige Extravaganzen. So beginnt der Film mit einem Satz Horsters: „Hallo, ich glaub“, ich bin depressiv.“ Und erst sehr viel später wird klar, wieso dieser leicht verwahrlost anmutende Mann das sagt, ja, wer er überhaupt ist. Kurz darauf fragt Charlotte: „Wer würde schon merken, wenn ich auf einmal nicht mehr da wäre?“ Und auch der Grund dafür erschließt sich dem Publikum viel später. Da erst weiß man denn auch, welche Pein diese Frau, die viel jünger aussieht, als sie wohl ist, umtreibt. Und man ahnt, dass der Film keineswegs auf ein hübsches Happy End zusteuert.

Als Autorin hat Kerstin Polte ihren Akteuren eine Flut gehaltvoller Monolog- und Dialogzeilen geschenkt, die den Figuren viele Geheimnisse lassen. Da wird nicht jeder Gedanke, nicht jedes Gefühl aufgedröselt und erklärt. Was den Zuschauern die wunderbare Möglichkeit schenkt, sich selbst einzubringen. Freilich: Manchmal klingt das ein wenig nach Poesiealbum. Doch das machen die Darsteller mit ihrer Präsenz wett. Corinna Harfouch gelingt eine messerscharfe Gratwanderung zwischen Komik und Tragik, indem sie hundertprozentig auf leise Töne, auf verhaltene Gesten setzt. Wenn ihre Charlotte verzweifelt nach dem eigenen Ich sucht, ist man nur zu gern an ihrer Seite. Und wird schließlich klar, welcher psychischen Belastung diese Frau ausgesetzt ist (um der Spannung willen sei das hier nicht verraten), ist man als Kinobesucher tief berührt wie lange nicht mehr von einer Frauenfigur im deutschen Kino. Um Harfouch herum und neben ihr ist ebenfalls mitreißendes Schauspiel zu genießen. Kerstin Polte hat alle ihre Akteure zu einem feinen Ensemblespiel gebracht. Fein ist das Stichwort für ihre Inszenierung. Ob Bildgestaltung, Montage oder Musikeinsatz: Sensibilität dominiert.

Gegen Ende dann wird die Titelfrage des Films beantwortet. Da darf man schmunzeln, wird aber zugleich zum Nachdenken über das eigene Leben gebracht. Mehr kann Kino kaum!

Pfalz-Ticker