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Kultur

Kiki Smith im Münchner Haus der Kunst: Im Kosmos des Körpers

Von Christa Sigg

Gleitet da die Jagdkönigin Diana aus einer Hirschkuh? Kiki Smiths Bronze „Born“, 2002.

Gleitet da die Jagdkönigin Diana aus einer Hirschkuh? Kiki Smiths Bronze „Born“, 2002. ( Foto: © Kiki Smith, courtesy Pace Gallery)

Die Galerie widmet der US-Künstlerin die erste umfassende Schau in Europa

Gut ein Jahr lang hat das finanziell angeschlagene Haus der Kunst in München seine große Kiki-Smith-Schau vor sich hergeschoben. Doch das Warten auf die bedeutende US-Künstlerin hat sich gelohnt.

Mit silbergrauer Mähne und zottigem Pelzschal wirkt sie wie eine Hippie-Madonna, die als Schamanin unterwegs ist. Um sie herum: verwunschene Wesen, organische Formationen. Das Haus der Kunst hat sich im Obergeschoss in einen Zauberwald verwandelt. Oder ist es nicht eher eine Hexenküche, in der sich Unheimliches zusammenbraut?

Kiki Smith kennt diese Gedankengänge, legt die hohe Stirn in feine Falten und lächelt aus opalblauen Augen in die Runde. Dann ist sie wieder ganz von dieser Welt und spricht über ihre Arbeit, die in München beträchtlichen Raum erhält und die unterkühlten Säle des neoklassizistischen Baus spürbar temperiert. Über drei Jahrzehnte Kiki Smith breiten sich hier aus, nicht im Sinne einer Retrospektive, die die Entwicklung aufzeigen will, sondern als Demonstration ihres facettenreichen Schaffens das sich mit den Bedingungen des menschlichen Daseins auseinandersetzt. Mit Geburt und Tod, Werden und Vergehen, mit dem Körper an sich. Und das kann bei Smith auch ganz schön eklig werden. Wie in einer Apotheke stehen zwölf silberbeschichtete Flaschen mit säuberlich aufgeklebten Etiketten in einer Reihe. Urin, Speichel, Tränen, Blut, Milch oder Erbrechen ist da in deutscher Frakturschrift zu lesen. Von den Flüssigkeiten sieht man zwar nichts, aber unser Vorstellungsvermögen funktioniert gut bei solchen Begrifflichkeiten. In den Vitrinen gegenüber liegen eine Hand und eine Zunge aus koloriertem Gips, ein gläserner Magen, Füße, etwas weiter eine bronzene Gebärmutter. Unter all diesen Körperteilen, die man irgendwo zwischen antiken Fragmenten und mittelalterlichen Reliquiaren verorten kann, dominiert eine bis unter die Haut entblößte „Virgin Mary“ (1992) aus Wachs. Die anatomische Genauigkeit – man muss an Modelle medizinischer Lehranstalten denken – rückt die kreatürliche Körperlichkeit und damit auch Verletzlichkeit ins Zentrum. Das einzige, das noch mit der Jungfrau Maria zu tun hat, ist der demütige Blick nach unten, der an die Verkündigung erinnert. Solche Anspielungen auf die christliche Symbolik und die von ihr so geschätzten Kunst des Mittelalters ziehen sich durch Smiths gesamtes Œuvre.

Sie selbst führt das auf ihre katholische Erziehung und das damit verbundene „schizophrene Verhältnis zum Körper“ zurück, wie sie sagt. Und schließlich ist die heute 64-Jährige in einem Künstlerhaushalt in New Jersey großgeworden. Ihr Vater Tony Smith zählt zu den Wegbereitern der minimalistischen Skulptur. Die Mutter, eine Opernsängerin, hatte Mitte der 50er Jahre Engagements in Süddeutschland – deshalb ist Kiki in Nürnberg geboren. Die Familie blieb damals kaum zwei Jahre in Bayern, doch das Faible für Deutschland ist geblieben. Zumal es Kiki Smith seit 1999 regelmäßig nach München in die Mayersche Hofkunstanstalt zieht, wo sie tagelang auf Glas malt. Etwa die Adler („Dominion“, 2012), die jetzt über den Treppen hinauf zur Ausstellung kreisen.

Smith, die in New York lebt, hat sich allerdings auch leidenschaftlich durch die europäische Kunst gearbeitet, sich mit der Kathedralskulptur und der Buchmalerei befasst, mit französischen Tapisserien und deutschen Vesperbildern. Sie kennt die üppigen Madonnen des Niederbayern Hans Leinberger so gut wie Grünewalds Isenheimer Altar. Und wenn die Künstlerin seit Mitte der 90er Jahre verstärkt das Tier in ihr Werk holt, dann überrascht es kaum, dass sie sich mit ihrer toten Katze im Arm wie eine Pietà zeichnet, die normalerweise den Leichnam Christi betrauert (1999).

Überhaupt nimmt das Verhältnis zwischen Mensch und Tier eine immer größere Rolle in ihrem Schaffen ein. Sei es in den zwölf Wandteppichen (2012-15), die mit ihrem mythologisch angereicherten Kosmos einer sehr individuellen Genesis den Mittelpunkt dieser ersten umfassenden Smith-Schau in Europa bilden. Oder in den Bronzeskulpturen, die eigentümliche Geburtsszenen vor Augen führen: Da gleitet eine Frau, vielleicht die Jagdgöttin Diana, aus einer Hirschkuh – die Wechselbeziehung Mensch und Tier kann eine durchaus schmerzhaft-symbiotische sein. Auch eine fatale: Im nächsten Raum liegen Krähen aus Silikonbronze am Boden, kein Mensch weit und breit. Dieses umgekehrte Hitchcock-Szenario hat einen vielsagenden Hintergrund. Die Vorbilder der Vögel fanden in einer Pestizid-Wolke den schnellen Tod.

Das mag eine Spur zu plakativ sein, andererseits agiert Kiki Smith wohltuend nah am Greifbaren, mit dem sie sich elementaren Themen nähert. Die kommen sowieso im Alltag über sie, und den kennt sie als ehemalige Rettungssanitäterin oder Köchin nicht nur vom Hörensagen. „Statt rum zu analysieren, packe ich lieber an“, erklärt Kiki. Mit den eigenen Händen. Meistens. Welcher Kunststar kann das in diesem Ausmaß von sich behaupten?

 

Die Ausstellung

„Kiki Smith: Procession“, Haus der Kunst, München, Prinzregentenstraße 1, bis 3. Juni täglich von 10 bis 20 Uhr, donnerstags bis 22 Uhr; Katalog (Prestel Verlag) 49,95 Euro.

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