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Freitag, 07. Dezember 2018 Drucken

Kultur

Kaputt-schöne neue Welt

Kunst wie von Kafka und Kippenberger: Die Baden-Badener Kunsthalle zeigt die erste deutsche Einzelausstellung des New Yorker Kunstwelt-Stars Nicole Eisenman

Von Markus Clauer

Sitzt da etwa Trump? Gemälde „Huddle“.

Sitzt da etwa Trump? Gemälde „Huddle“. ( Foto: Eisenman, matt grubb)

Debiler Krieger: Eisenman-Skulptur „Der General“ aus dem Jahr 2018. Zu sehen in Baden-Baden.

Debiler Krieger: Eisenman-Skulptur „Der General“ aus dem Jahr 2018. Zu sehen in Baden-Baden. ( Foto: eisenman, kern gallery, Mcnamara)

Selbstporträt, schwebend über der Silhouette der Heimatstadt.

Selbstporträt, schwebend über der Silhouette der Heimatstadt. ( Foto: mac)

Hexen-Kopf mit Innenleben, 2018.

Hexen-Kopf mit Innenleben, 2018. ( DOPPELTERZEILENUMBRUCHFoto: eisenman, kern gallery, Mcnamara )

Der Titel ist typisch, „Baden Baden Baden“. Nicole Eisenman liebt unter anderem die Ironie. Die Kunsthalle in der Stadt an der Oos zeigt jetzt die erste Ausstellung der 1965 in Verdun, Frankreich, geborenen New Yorkerin in Deutschland. Verwunderlich, denn die rebellische US-Malerin ist in der Kunstwelt schon lange ein Star. In Baden-Baden allerdings ist vor allem ihr kaputt-schönes plastisches Werk zu sehen. Viele Arbeiten sind ganz frisch oder extra für die Schau entstanden.

Zum Beispiel „Der General“, der Poster-

boy der Ausstellung, ein dümmlich-dreist himmelhochnäsiger Gipskopf mit einem Schüsselsieb-Helm aus dem 3D-Drucker, dem Knollenzinken aus Bronze und der Uniform aus Stofffetzen. Ziemlich zerrupft und zusammengeflickt steht er auf einem gelb und rosa angestrichenen Sockel. Aus seinem Ohr quilt es zählflüssig. Ein grundlos stolzer Befehlshaber ohne Gefolgschaft und aus der Welt gefallener Krieger ist er. Ein Don Quichotte, dem die Autorin Hannah Black im literarisch-trashig gestalteten Katalog auch noch Verdauungsprobleme andichtet. Offenbar weiß er nicht, wie ihm geschieht.

Nicole Eisenman ist berühmt für ihre technische Brillanz, die kunsthistorischen Reminiszenzen und die Verwirbelung von Politischem und Privatem. Popkulturelle Einflüsse wie Horrorfilmszenen, Volkskunst, Comic, Porno oder ihre lesbische Community scheinen auf in ihrem humorvollen, von einer sozialsatirisch-kritischen Haltung unterströmten Werk. Kann gut sein, dass es ihr viel Spaß gemacht hat, den hochrangigen Soldaten so nahbar mitleidserregend zu demilitarisieren. Sagen wir es so: bestimmt. Ihre Baden-Badener Ausstellung jedenfalls zeigt neben dem Hang zu diverser (grob, poliert, farbig) Oberflächengestaltung und zu Materialmix (Bronze, Gips, Styropor, Kunststoff) eine düster witzige Lust an Deformationen, Neuinterpretationen und aufwallender Kritik. Auf dem Gemälde „Huddle“ ist das surreale, zwischen Taghelle mit Van-Gogh-Wolken am Himmel und einem Stadt-Moloch im Sonnenuntergang abgehaltene Meeting schwarz gekleideter Anzugträger dargestellt. Sie sitzen auf der Plattform eines Geschäftshausturms im Morast den sie – offensichtlich – selbst produziert haben. Und vorne, der feine Herr, ähnelt mit orangfarbener Haartolle und roter Krawatte Donald Trump. Auweia.

In einen Raum ragt ein sechs Meter langer, abgeknickter, zerklüftet ummantelter Fahnenmast, an dem eine übergroße Pappbecherabdeckung baumelt. Die Flagge fehlt. Dafür liegt ein Adler, das US-amerikanische Wappentier, in einer leeren Champagnerkiste. Vollends erschöpft erscheint er von den Zumutungen des Landes, das er repräsentiert. Jede/n einzelne/n. Manchmal wird Eisenman auch autobiografisch. Einmal, auf einem Video, sieht man sie auf einem Styropor-Schneemobil durch das schneebedeckte New Jersey pesen, zusammen mit Freunden. Gleich am Anfang verletzt sie sich. Zum Schluss werden die Mobile, die jetzt an der Kunsthallenwand installiert sind, auf ein Auto geschnallt, dann beginnt die Filmschleife neu. Ein anderes Mal zeigt sich Eisenman auf einem Gemälde wie schwebend über der Häuserzeile ihres Heimatorts, einer Kleinstadt in Westchester County, sie scheint entrückt.

Im edlen großen Oberlichtsaal der Kunsthalle empfängt einen – samt dem General – ein skurril-fatales Köpfe-Sextett. In sich gekehrte, verstörend-seltsame Figuren, denen Gewalt angetan wurde. Ein Schafskopf mit durch die beiden Augenhöhlen gezogenem Alu-Augenpiercing in Lila. Ein kantiger Seeadler mit Schwarzwälder Kuckucksuhr im offengelegten Hinterkopf. In den zerklüfteten Bronze-Kopf „mit Dämon“ nässt es wie in eine Tropfsteinhöhle. Dafür steigt aus einem Hexenkopf, laut Katalogbuch die Zweitversion eines Werks, das niemand für eine Milliarde Dollar kaufen wollte, Weihrauch auf. Im Innern sitzt eine schwarz gekleidete Alte mit weißer Katze im Arm unterm Kronleuchter. Ein anderer Kopf sieht aus wie von einem Gemälde des englischen Berserker-Malers Francis Bacon (1909 bis 1992) abgeformt. Diese Art Anspielungen mag Eisenman nämlich gern. „Wenn man optimistisch an den besten Fall denkt“, formulierte sie einmal ihr Credo, „schiebt man den Ball der Kunstgeschichte ein kleines bisschen vorwärts.“ Und so pausen sich Fragmente und Stile wie der des moralischen Realisten Renato Gattuso durch ihre Arbeiten, von Michelangelo, Max Beckmann, Emil Nolde oder Edvard Munch. Hätten Kafka und der Künstlerpunk Martin Kippenberger zusammen gemalt, hieß es schon, würde das Ergebnis aussehen wie von Nicole Eisenman.

Ihr Durchbruch war ein 36 Quadratmeter großes Wandgemälde, das bei der Whitney Biennale 1995 in New York gezeigt wurde. Das Whitney Museum liegt darauf in Trümmern, ein „Friedhof der Kunst“, aus dem Chaos zerborstener Leinwände werden Überlebende geborgen. Und mitten drin sieht man ihr, Eisenmans Ebenbild, vor einem weißen Wandrest auf einem Gerüst sitzen. Sie hebt den Arm, in der Hand einen Pinsel, bereit für einen Neuanfang, das selbstbewusste Bild einer 30-Jährigen. Damals gehörte sie einer feministischen Guerilla-Truppe an, die sich „Bad Girls“ nannte und New Yorker Museen mit Aktionskunst unsicher machte.

Das mit den Skulpturen ist im Übrigen neu. Nachdem sie wegen der, wie sie sagt, „Riesensauerei“, die sie als Studentin bei der Bildhauerei mit Gips in ihrem Atelier hinterlassen hatte, fast von der Rhode Island School of Design in Providence geflogen wäre, hat sie lange die Finger davon gelassen. Seit 2013 erst entsteht auch ein plastisches Werk. Immer ist sie dabei auf der Suche nach einem Ausweg aus der Zone des Gewohnten. „In der Kunst“, sagte sie einmal in einem Interview, „gibt es keinen Grund, nach Sicherheit zu suchen. Es ist der Ort zum Spielen, um peinliche Schritte zu machen. Dann kommt die Möglichkeit des Neuen auf.“

In Deutschland berühmt ist die Tochter eines für die Army tätigen Psychiaters und Ur-Enkelin einer von den Nazis über Trinidad nach New York geflüchteten Wienerin, spätestens nach ihrem Auftritt 2017 bei Skulptur Projekte Münster, einer alle zehn Jahre stattfindenden Weltausstellung der Kunst im öffentlichen Raum. Nicht nur, weil ihre Brunnenanlage drei Mal Opfer von Vandalen wurde, fünf comicartige, geschlechtslose, wasserundichte Bronze- und Gipsfiguren, die müßig am Wasser chillen, während es ihnen aus den Knien fontänt. Das Publikum liebt das heiter-ironische Werk. So hat eine Bürgerinitiative mittlerweile fast 400.000 Euro privater Spenden für Eisenmans „Sketch for a Fountain“ (etwa: Skizze für einen Brunnen) gesammelt. Fehlen noch 200.000. Ankauf sehr wahrscheinlich.

Die Ausstellung

Nicole Eisenman: „Baden Baden Baden“, bis 17. Februar 2019. www.kunsthalle-baden-baden.de

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