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Montag, 27. November 2017 Drucken

Kultur

Kaiserslautern: Pfalztheater präsentiert mit „Die Comedian Harmonists“ einen klug kalkulierten Publikumserfolg

Von Frank Pommer

Ein Leben auf der Showtreppe: Die Kaiserslauterer Harmonists (von links): Björn Christian Kuhn, Manuel Klein, Oliver Burkia, Stefan Kiefer, Jan Henning Kraus. Es fehlt auf dem Bild Horst Maria Merz am Klavier.

Ein Leben auf der Showtreppe: Die Kaiserslauterer Harmonists (von links): Björn Christian Kuhn, Manuel Klein, Oliver Burkia, Stefan Kiefer, Jan Henning Kraus. Es fehlt auf dem Bild Horst Maria Merz am Klavier. ( Foto: Brehm-Seuffert)

Das könnte das erfolgreichste Stück der aktuellen Pfalztheater-Saison werden: Gottfried Greiffenhagens und Franz Wittenbrinks „Die Comedian Harmonists“ in einer schlüssigen, aber nicht überambitionierten Regie von Katharina Ramser. Der Abend lebt von seinem hohen Wiedererkennungswert. „Veronika, der Lenz ist da“ oder „Mein kleiner grüner Kaktus“ sind offenbar immer noch Gemeingut. Und werden bei der Premiere am Samstagabend auch zum Teil hinreißend gesungen. Das Publikum erkämpfte sich tapfer klatschend zwei Zugaben.

Musik, Gesang sind jedoch nicht alles. Das Stück erzählt von mehr. Vom mühsamen Aufstieg der fünf Sänger, bis sie insgesamt zu Stars, vielleicht sogar zu Weltstars geworden waren. Und vom Auseinanderbrechen des Ensembles. Vom Zerbrechen an der politischen Wirklichkeit. Das zur Hälfte aus jüdischen Sängern bestehende Ensemble darf im NS-Staat nicht mehr auftreten, nur noch im Ausland. Doch die „Arier“ unter den Comedian Harmonists zieht es heim ins Reich. Die Regie belässt sie in ihren typischen Fracks, die „Nicht-Arier“ tragen graue Mäntel. Noch einmal singen sie zusammen, während es wie zu Beginn des Abends heftig schneit: „Irgendwo auf der Welt/gibt’s ein kleines bisschen Glück.“

Ein Abschied für immer sollte dies für die fünf Sänger und den Pianisten Erwin Bootz sein. Die einen, die „Arier“, werden mit dem „Meistersextett“ scheitern; die anderen, die jüdischstämmigen Sänger, in Übersee mit den „Comedy Harmonists“. Geblieben ist nur der Mythos der „Comedian Harmonists“, die wie ein Sinnbild für eine kurze Epoche des auch intellektuellen und vor allem künstlerischen Aufbruchs im Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stehen: Für die sogenannten Goldenen Zwanziger, die zwar einerseits geprägt waren von Armut und Massenarbeitslosigkeit, andererseits aber ein Jahrzehnt der Freiheit, der Unabhängigkeit, der prallen Lebenslust und Genusssucht waren. Berlin machte für wenige Jahre Paris seine Vormachtstellung in Europa streitig.

Und mittendrin diese fünf Sänger mit ihrem Pianisten. Es war eine weltoffene, eine internationale Stadt – über der sich die braunen Schatten immer unheilvoller ausbreiteten. Man fragt sich dann, wie das möglich war, dass ein ganzes Volk bereitwillig in den Untergang stürzte, alle Freiheiten aufgab, sein kulturelles Erbe ebenso wie seine humanistische Tradition verriet und Hitler samt seinen Terror- und Schlägertruppen mit offenen Armen empfing.

Der Beginn des zweiten Teils der Pfalztheater-Produktion greift diese Frage auf. Harry Schäfer, der in der Figur des Hans mal Conférencier, mal Manager, dann wieder Clubbesitzer, aber auch Beamter der den berüchtigten „Ariererlass“ durchsetzenden Reichsmusikkammer ist, hält einen Monolog. Spricht von den Gefahren und Gefährdungen der Freiheit, von den Verführern, die bewusst auf unsere Ängste abzielen und alle Andersdenkenden diffamieren. Sein Appell passt für das Jahr 1933 so gut wie für 2017. Man muss nur NSDAP durch AfD ersetzen. Es fröstelt einen, und die Unbeschwertheit und Lebensfreude der berühmten Songs der Harmonists ist ganz unvermittelt ziemlich weit weg.

Weit weg sind diese Gedanken dann aber auch, wenn Hits der Comedian Harmonists wie „Wochenend’ und Sonnenschein“, „Veronika, der Lenz ist da“ oder „Ein Freund, ein guter Freund“ erklingen. Diese Revue aus der Feder von Gottfried Greiffenhagen und mit der von Franz Wittenbrink eingerichteten Musik stellt doppelte Anforderungen an die Akteure, sie müssen schauspielerisch wie sängerisch überzeugen. Und sie dürfen keine Egoisten sein, denn es kommt ganz entscheidend auf den Zusammenklang an.

Björn Christian Kuhn (Ari Leschnikoff, 1. Tenor), Stefan Kiefer (Erich A. Collin, 2. Tenor), Manuel Klein (Roman Cycowski, Bariton), Oliver Burkia (Harry Frommermann, Tenor buffo) und Jan Henning Kraus (Robert Biberti, Bass) bilden ein großartig aufeinander abgestimmtes Gesangsensemble. Auch wenn es durchaus Qualitätsunterschiede gibt und Björn Christian Kuhns wunderbarer Tenor absolut heraussticht. Zudem bringen alle Sänger das notwendige komödiantische Talent mit und verfügen über jenen so typischen 20er-Jahre Charme.

Es gibt natürlich einen Grund für diese in vielen Momenten spür- und hörbare perfekte Harmonie, gibt einen Hauptverantwortlichen dafür: Horst Maria Merz, der die fünf Schauspieler-Sänger vorbereitet hat und bei der Premiere in der Rolle des Erwin Bootz auch am Flügel sitzt. Das Ergebnis ist ein vom Publikum fast schon frenetisch gefeierter Abend.

 

Termine

Weitere Vorstellungen: 3., 6., 19., 23., 30. Dezember; 5., 13., 26. Januar; 3., 22. Februar; 18. März; 7., 20. April.

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