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Samstag, 13. April 2019 Drucken

Kultur

Immer Drama

Fulminant: Die Werke der Malerei-Pfalzpreisträgerinen Heike Negenborn und Maria Trezinski in der Pfalzgalerie Kaiserslautern

Von Markus Clauer

Vermessung der verpixelten Welt: Werk der Pfalzpreisträgerin Heike Negenborn aus der „Net Scape“-Serie.

Vermessung der verpixelten Welt: Werk der Pfalzpreisträgerin Heike Negenborn aus der „Net Scape“-Serie. ( Foto: Negenborn)

Negenborns „Pfälzische Sommerlandschaft“, 2018

Negenborns „Pfälzische Sommerlandschaft“, 2018 ( Foto: negenborn)

Leicht morbid: Werk von Förderpreisträgerin Maria Trezinski aus dem Jahr 2018.

Leicht morbid: Werk von Förderpreisträgerin Maria Trezinski aus dem Jahr 2018. ( Foto: trezinski)

Gewitter-Liebhaberin Heike Negenborn.

Gewitter-Liebhaberin Heike Negenborn. ( Foto: höfchen)

Auf den Bildern der Pfalzpreisträgerin Heike Negenborn ist immer Drama. Am Himmel. Die Malerei von Maria Trezinski tendiert ins Giftige. Und nicht nur, weil die Förderpreisträgerin Knollenblätter-Pilze malt. Riesengroß. Jetzt sind Werke der beiden Wettbewerbssiegerinnen 2018 um den Malerei-Preis im Museum Pfalzgalerie in Kaiserslautern ausgestellt. Bilder von Menschenwerk und Natur. Eine Schau der Stunde.

Heike Negenborn liebt die Einsamkeit. Stundenlang sitzt sie so im Slevogtland, der Südpfalz, und malt. Oder sie folgt einer Gemarkungslinie in der rheinhessischen Landschaft. Schaut in den bewegten Himmel über Südfrankreich. Und wenn doch jemand vorbeikommt, sagt sie, sei sie erst einmal raus aus der Versenkung. Dann muss sie neu ansetzen mit ihrer Vermessung der Welt.

Heike Negenborn, 1964 in Bad-Neuenahr geboren, lebt in Windesheim bei Bad Kreuznach, hat am Washington College in Maryland studiert, am Austin College, Texas. Und in Mainz. Auf ihren Bildern liegt mal mehr oder weniger sichtbar ein Raster aus Linien, auf dessen Basis sie sie malerisch komponiert. Aus einer fulminanten Zentralperspektive, den Fluchtpunkt hat sie in ihrem Fokus, über ihren Flachlandschaften ballen sich bedrohliche Quellwolken über dem niedrig angesetzten Horizont. Seit 30 Jahren erzählt die Künstlerin mit zunehmender Meisterschaft in dieser Art vom Spiel des Lichts. Davon, was die Malerei kann. Von nie endenden, flüchtigen Dramen zwischen Himmel und Erde, die genau so nie stattgefunden haben. Das heißt, in ihrer eigenen Welt schon. Ihre Werke: Autofiktionen der Landschaft in Acryl.

Kann also sein, dass es aus Regenwolken unheimlich hell auf einen Felsen scheint. Weiße Schäfchen dunkle Schatten werfen. Dass Negenborn das über der Pfälzer Ebene aufgezogene Gequelle im Languedoc gesehen hat. Dass sie sich vorstellt, wie über Rheinhessen ein Gewitter aus ihrem Kopfkino aufzieht. Sie liebe Gewitter, erzählt sie und führt auf ihren Werken das metaphysische Lichtspieltheater der Natur auf. Als Regisseurin. Heike Negenborn ist eine späte Erbin der deutschen Romantik. Caspar David Friedrich und so. Weiter noch zieht der Kurator der Schau, Pfalzgalerie-Urgestein Heinz Höfchen, die Entwicklungslinien.

Zur holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts. Zu einem Jacob von Ruisdael. Wolken als Verhüllung der Anderswelt des Göttlichen spielen in der Kunstgeschichte ja schon lange eine große Rolle. Bei Heike Negenborn sind sie neuerdings von verpixelten Linien durchzogen, was auch etwas über die jetzt herrschenden übernatürlichen Machtverhältnisse erzählt. Beinahe aufzulösen scheint sich die Landschaft in digitaler Unschärfe. Auch die Farbe, die erdigen Töne, das Gelb, manchmal auch beinahe Ernst-Ludwig-Kirchnerhaftes Violett, sind verschwunden.

Geblieben ist ein Spektrum, das an Schwarzweiß-Fotos erinnert, entfernt auch an die fotorealistische Malerei des deutschen Welt-Kunststars Gerhard Richter. Den Vergleich allerdings nimmt Heike Negenborn eher freundlich als überzeugt zur Kenntnis. „Net-Scape“ nennt sie ihre neuesten Gemälde. Mit dreien davon hat sich die Haueisen- und Morgner-Preisträgerin beim Pfalzpreiswettbewerb durchgesetzt. Auf die Serie, im letzten Raum ausgestellt, läuft auch die „Blickfang“ betitelte und ihr gewidmete Schau zu, die der Künstlerin, wie sie sagt, „sehr viel bedeutet“.

Mit dem Preisgeld, der Schau im renommierten Museum, in den Räumen, in denen vor ihr beispielsweise Charles Pollock und Carmen Herrera ausgestellt haben, dem Katalog und dem garantierten Ankauf durch das Museum, ist der Pfalzpreis einer der am besten dotierten Auszeichnungen für Kunst, die es in Deutschland gibt. Eine Ehre auch für die Förderpreisträgerin Maria Trezinski. Zumal sie noch so jung ist.

Die seit 2018 Neu-Speyererin aus Braunschweig ist 1994 geboren. Der Abschluss ihres Studiums als Meisterschülerin von Wolfgang Ellenrieder an der Hochschule der Künste in Braunschweig datiert auf das Jahr 2017. Dafür sind ihre Formate schon sehr selbstbewusst.

15 mal drei Meter groß war ihr größtes, das sie bisher ausgestellt hat – in einem Hallenbad. Ihr Siegerbild für Kaiserslautern, das jetzt im Foyer des ersten Obergeschosses des Museums Pfalzgalerie hängt, ist die fast drei Meter große Ansicht einer ziemlich angegriffen wirkenden Feuerwanze. Die Musterung des Krabbeltiers ist verschwommen, die Beine wachsen asymmetrisch aus dem Körper. Das Ganze ist heftig gestisch gemalt, Trezinski offensichtlich eine junge Wilde einer nächsten Generation, die die Bedrohung der bedrohlichen Natur beschäftigt.

Wie sie erzählt, hat sie sich bei ihrem Wanzenbild von den Fotos inspirieren lassen, die der Biologe Timothy Mousseau in Tschernobyl aufgenommen hat, um die Folgen des Reaktorunfalls auf das Naturreich zu dokumentieren. Folgerichtig sehen die Wesen auf ihren Bild auch ziemlich derangiert aus. Mutiert?

Von „Tierschicksalen“ hat der Blaue-Pferde-Maler Franz Marc einmal gesprochen. Wenn man so will, malt Trezinski sie in ihren Insektenwerken fort. Dabei zählen Blutwanzen und Falter zu ihren Motiven. Ähnlich ungewöhnlich ist auch ihr jüngstes Sujet. Pilze der Gattung Wulstlinge wie der Panther-, der Knollenblätter-, der Fliegenpilz und der Scheidenstreifling, deren Giftigkeit wie immer eine Frage der Dosierung ist. Sie können auch als Halluzinogene funktionieren. Ihre lateinische Bezeichnung „Amanita“ jedenfalls hat Trezinski für ihre Förderpreisträgerin-Schau gewählt hat, zu der auch eine blutgesprenkelte Vase mit Disteln und Maiglöckchen gehört. Tragisch in der Horizontale drapiert liegt eine Blume, die teilexplodiert aussieht und in verschobener Perspektive auf den Kelch gemalt ist.

Dominant sind allerdings die mykologischen Exerzitien der jungen Künstlerin. Drohend stehen die Pilze, die im Zwischenreich zwischen Pflanze und Tier hausieren. Oder sie biegen sich selbstbewusst ins Bild und glänzen in giftiger Farbigkeit, was daher rührt, dass Maria Trezinski teilweise mit Sprühfarben hantiert. Unheimlich sehen sie aus, nicht nur durch die unerklärlichen Hexenkreise, die sie mit sich tragen. Unheimlich gut auch. Berauschend. Schauen Sie doch selbst.

Die Ausstellungen

Beide Schauen laufen bis 2. Juni im Museum Pfalzgalerie in Kaiserslautern. Info: www.mpk.de

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