Schließen x

Anmelden

»Registrieren     »Passwort vergessen

Donnerstag, 13. April 2017 Drucken

Kaiserslautern: Kultur Regional

„Die Türkei ist ein Reich der Angst“

Interview: Die preisgekrönte Autorin Ece Temelkuran über Erdogan, ihr neues Buch und operierte Schwäne

„Meine künstlerische Freiheit ist gewachsen. Aber das ist ein zwiespältiger Luxus, wenn währenddessen in der Türkei Menschen sterben und im Gefängnis sitzen. Die Lage ist furchtbar.“ Ece Temelkuran lebt im Exil. ( Foto: Jürgen Hein/DPa )

Ece Temelkuran zählt zu den wichtigsten Journalistinnen und Autorinnen der Türkei. Sie studierte Rechtswissenschaften an der Universität Ankara, veröffentlichte ein Dutzend Sachbücher und Romane, moderierte politische TV-Sendungen und schrieb als Kolumnistin für Tageszeitungen. Die 43-Jährige wurde vielfach ausgezeichnet, darunter mit dem Pen for Peace Award. Soeben ist ihr neuer Roman „Stumme Schwäne“ erschienen. Temelkuran lebt im Exil in Zagreb.

 

Vor fünf Monaten haben Sie Ihre Wahlheimat Istanbul verlassen und sind nach Zagreb gezogen. Fürchteten Sie in der Türkei eine Verhaftung?

Jeder, der wie ich kritisch über die Regierung und den Präsidenten schreibt, wird bedroht. Es geht nicht nur darum, eventuell angeklagt zu werden oder ins Gefängnis zu kommen, sondern um ganz alltägliche Einschüchterungen. Jedes Mal, wenn ich nach einer Auslandsreise zurückkam, fürchtete ich, dass man mir meinen Pass abnehmen würde. Als dann auch noch der Moderator einer nationalistischen Fernsehshow ankündigte, dass man dafür sorgen werde, dass meine Stimme aus der Öffentlichkeit verschwinden würde, habe ich Konsequenzen gezogen.

 

Was können Sie vom Exil aus bewirken?

Ich erhebe meine Stimme lauter denn je! In gewisser Weise ist es jetzt sogar leichter für mich, die Entwicklung zu kommentieren. Meine künstlerische Freiheit ist gewachsen, ich habe mehr Spielraum und Energie. Aber das ist ein zwiespältiger Luxus, wenn währenddessen in der Türkei Menschen sterben und im Gefängnis sitzen. Die Lage ist furchtbar.

 

Das klingt fast wie in Ihrem neuen Roman, der kurz vor dem Militärputsch von 1980 spielt. Hat die damalige Situation etwas mit der von heute zu tun?

Absolut! Das heutige Chaos in der Türkei hat seinen Ursprung in diesem Putsch. Damals wurde das Schicksal des Landes auf verhängnisvolle Weise in eine negative Richtung gedreht. Vor 1980 gab es eine bessere, freiere und fortschrittlichere Türkei – was danach kam, ist bekannt und gipfelt in der Präsidentschaft Erdoğans.

 

Inwiefern hat der Putsch 1980 den konservativen Islamismus gestärkt?

Das Militär, das fälschlicherweise immer als Beschützer des Systems gilt, als wichtige säkulare Macht, hat damals den Weg für religiöse Sekten geöffnet und sie unterstützt. Dadurch konnten konservative Parteien wie die AKP erst groß und mächtig werden. Das ist jedoch nicht der einzige Grund. Eine lang anhaltende, fatale Wirkung hatte auch die Zensur der türkischen Sprache. 1980 wurden hunderte Wörter aus den offiziellen Lexika und dem Sprachgebrauch der staatlichen Medien getilgt. Die Menschen bekamen Angst davor, etwas Falsches zu sagen. Heute ist die Türkei ein Reich der Angst und Schizophrenie – der traurige Höhepunkt einer Entwicklung, die mit dem Militärputsch begann.

 

Sie erzählen Ihren Roman aus der Perspektive von Ayse und Ali, zwei Kindern – das ist ungewöhnlich für eine politische Handlung.

Ich habe mich ganz bewusst für diesen Blickwinkel entschieden. In der komplizierten und verwirrenden Lage, in der sich die Türkei damals befand – und heute wieder befindet –, ist es manchmal leichter, mit Kinderaugen auf das Geschehen zu blicken. Das Vokabular wird überschaubarer, die Sprache reduzierter. Das Wesentliche kristallisiert sich einfacher heraus. Wer könnte besser als Kinder das Chaos beschreiben, das nicht einmal Erwachsene verstehen?

 

Sie selbst waren damals acht Jahre alt. Welche Erinnerungen haben Sie?

Ich weiß noch genau, wie ich im Morgengrauen des Putsches aufwachte und den Flur entlang zu meinen Eltern ging. Sie saßen im Wohnzimmer, rauchten, und sahen unendlich traurig aus. Draußen war dieses Zwielicht, das Morgenblau. Ich hatte keine Ahnung, was los war, spürte jedoch, dass es etwas mit uns, mit mir zu tun hatte. Wir Kinder ahnten, dass etwas Schreckliches passiert war – das geht auch Ayse und Ali in meinem Roman so.

Ihr Roman heißt „Stumme Schwäne“. Was verbindet Sie mit diesen Tieren, die an einem kleinen See in Ankara leben?

Was ich Ihnen jetzt erzähle, ist tatsächlich passiert: Der türkische Generalstabschef befahl 1980, ihm einen dieser Schwäne für seinen Gartenteich zu bringen. Das Tier flog jedoch bald wieder zurück an den See und verletzte sich auf dem Weg, als es gegen ein Gebäude stieß. Darauf ließ der Generalstabschef allen Schwänen einen Knochen im Flügel herausoperieren, um sie am Fliegen zu hindern.

 

Sie kommentieren seit Jahren kritisch die Politik Präsident Erdoğans. Frustriert es Sie, dass er in der türkischen Bevölkerung noch immer so populär ist?

Schlimmer noch: mir kommt es manchmal so vor als würde ich mit ihm als Duo auftreten. Wann immer ich irgendwo auf der Welt auf einer Bühne stehe oder Texte für internationale Medien schreibe, ist auch er da. Man zeigt Bilder von ihm, wiederholt seine Positionen, reproduziert sein Gesicht und seine Überzeugungen. Das ist problematisch. Ich frage mich gelegentlich, ob wir oppositionellen Autoren nicht zu Spiegelbildern der Unterdrücker und Diktatoren werden. Außerdem beobachte ich mit Sorge, dass man inzwischen weltweit kritisch denkende Prominente diskreditiert. Man verurteilt sie öffentlich, zweifelt ihre Meinung mit alternativen Fakten an und liefert sie Medien aus, die das nachplappern. Wenn bekannte fortschrittliche Künstler und Wissenschaftler diskreditiert werden, fällt es auch den Massen schwerer, ihren Unmut auszudrücken. Die Folge ist, dass der Populismus noch mehr Raum bekommt.

 

In Ihrem Roman zitiert eine Frau den türkischen Dichter Nâzım Hikmet, der einmal sagte: „Wir müssen an die Menschen glauben“. Tun Sie das?

Es fällt mir manchmal schwer, aber woran sollte ich sonst glauben? An Gott jedenfalls nicht. Für mich ist es eine moralische Pflicht, an die Menschen zu glauben – ich habe gar keine andere Wahl. Die Menschen werden wieder aufstehen und die Geschichten ihres Leidens und ihres Widerstands erzählen, davon bin ich überzeugt. Vielleicht dauert es noch, aber es wird der Tag kommen, an dem ein Wind die Fenster aufstößt, hindurchweht und einen kühlen Lufthauch mit sich trägt.

Lesezeichen

Ece Temelkuran: „Stumme Schwäne“; aus dem Türkischen von Johannes Neuner; Hoffmann und Campe, Hamburg; 22 Euro.

 

Pfalz-Ticker