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Dienstag, 19. Juni 2018 Drucken

Kultur

Die Oper als ewigen Kreislauf des Immergleichen

Hintergrund: Hat die Gattung der Oper eine Zukunft, wenn sie der Musik der Gegenwart keine Chance gibt?

Von Frank Pommer

Musiktheater einmal ganz anders: Szene aus der Mannheimer Produktion „Vespertine“. Der Untertitel lautet: „Ein Popalbum als Oper“.

Musiktheater einmal ganz anders: Szene aus der Mannheimer Produktion „Vespertine“. Der Untertitel lautet: „Ein Popalbum als Oper“. ( Foto: Michel)

Wie steht es also um die Zukunft der Oper? Blickt man auf die Auslastungszahlen, die jährlich in der Statistik des Deutschen Bühnenvereins veröffentlicht werden, könnte man zu dem Schluss kommen: gut! Aber die Frage muss doch auch sein, wird es in zehn, 20, 50 Jahren überhaupt noch Opern geben? Also neue Opern, komponiert von lebenden Künstlern? Oder wird der ewige Kreislauf des Immergleichen nicht irgendwann die gesamte Gattung zu Grabe getragen haben?

Alexander Kluge hat die Oper einmal als Kraftwerk der Gefühle bezeichnet. Seit über 400 Jahren, seit ihrer Erfindung in Italien, befeuert dieses Kraftwerk nun schon unser Innenleben. Was einst mit Claudio Monteverdi, dem ersten Superstar der Musiktheater-Geschichte, dessen Werke noch immer gezeigt werden, begann, hat sich als Erfolgsgeschichte bis in unsere Zeit fortgeschrieben. Ein Ende scheint nicht absehbar, oder?

Zusammenspiel aller Kunstformen

 

Die Oper ist das einzige Gesamtkunstwerk, das diesen Namen wirklich mit Recht trägt, schließlich müssen alle Kunstformen zusammenwirken, um zu ihrem Gelingen beizutragen: Musik, Schauspiel, Dichtung, Bildende Kunst. Heute nicht selten noch ergänzt um filmische Mittel in Videos oder auch um Tanz. Der Notentext, die Partitur alleine, bleibt quasi im Zustand des Fragmentarischen. Musiktheater entsteht erst im Moment seiner szenischen Verwirklichung, im Zusammenspiel von Orchesterklang, Gesang, Bühnenbild und Regie. Deshalb kann auch keine noch so perfekte Studioaufnahme das Live-Erlebnis ersetzen. Und deshalb auch hat man noch jeder Premiere mit einem Kribbeln im Bauch entgegengefiebert, das in dem Moment, wenn der Vorhang sich hebt, seinem Höhepunkt zusteuert.

 

Dabei gibt es wohl auch keine absurdere Kunstform als die Oper. Während das Sprechtheater längst versucht, zu einem möglichst realistischen Tonfall jenseits jeglicher gespreizter Deklamation zu gelangen, wird in der Oper gesungen. Auch dann, wenn eine Figur einfach nur den Raum betritt und eigentlich „Guten Tag“ sagen sollte, singt sie womöglich eine zehnminütige Auftrittsarie. Auch das Sterben vollzieht sich mitunter nur unter höchsten sängerischen Anstrengungen. Wagners Tristan etwa stirbt im Grunde den gesamten dritten Aufzug lang. Ehe König Marke am Ende dann feststellen kann: „Tot denn alles“. Doch auch dann ist dieses unfassbar aufwühlende Stück Musiktheater noch nicht zu Ende. Es folgt, als Schlussgesang, Isoldes Liebestod. Sie singt sich quasi in den Tod, so wie sich die Figur der Elektra in der gleichnamigen Oper von Richard Strauss in den Tod tanzt. All das passiert vor unseren Augen, und wir glauben, was wir sehen. Nicht mit dem Verstand, wohl aber mit dem Herzen.

Großes Gefühlskino

 

Wie keine andere Kunstform vermag die Oper zu emotionalisieren. So nach dem Motto: „Heute in ,Tosca’ gewesen, wieder viel geweint.“ Wir zittern, leiden, lieben, ängstigen uns mit den Figuren auf der Bühne, obwohl wir doch von Beginn an wissen, wie es ausgeht. Meistens nämlich nicht gut. Die Oper ist großes Gefühlskino – mit der Partitur als Drehbuch. Und ähnlich wie im Filmgeschäft werden ihre Stars bejubelt, allen voran die Sängerinnen, die als Diven gefeiert werden. Aber auch der Maestro im Graben wird verehrt wie ein Klangzauberer, dessen magische Kräfte, aus Noten Musik zu formen, nicht von dieser Welt scheinen. Und für die Damen gibt es natürlich die Ritter des hohen C, die Heldentenöre, die für weiche Knie im Parkett sorgen. Selbst der Regisseur bekommt nach der Premiere noch seinen verdienten Applaus beziehungsweise sein Buhgewitter. Nur der Schöpfer des Kunstwerks, der Komponist, der wird eigentlich nie gefeiert. Wie auch? Der ist ja in den allermeisten Fällen schon tot.

 

Weil wir immer nur dasselbe in immer anderen Verpackungen zeigen, weil landauf, landab „Carmen“, „La Traviata“, „Zauberflöte“ oder „Der fliegende Holländer“ auf die Bühne kommen, rückt die Regie immer stärker in den Vordergrund. Wobei man eigentlich glauben sollte, zu einer „Tosca“ sei doch schon irgendwie alles gesagt.

 

Dieser Umstandtreibt den Komponisten Moritz Eggert um, welcher der Gattung der Oper ein baldiges Ende vorhersagt. „Ohne neue Opern stirbt die Oper aus, egal, wie lange man sie als betagtes und immer wieder aufgehübschtes Schlachtschiff künstlich am Leben hält“, schreibt er in der Online-Ausgabe des Klassikmagazins „Crescendo“. Man muss diesen Pessimismus nicht teilen, und sicherlich darf man Eggert auch ein wenig Eigennutz unterstellen, schließlich komponiert er selbst Opern. Aber er hat den Finger natürlich in die offene Wunde des Opernbetriebs gelegt.

 

Eggert hat sich die Spielpläne der Opernhäuser im deutschsprachigen Raum angeschaut und festgestellt, dass in der laufenden Spielzeit 2017/18 von 444 Opernpremieren nur 38 Wiederaufführungen von Stücken waren, die nicht älter als 50 Jahre alt sind. Uraufführungen gab und gibt es in der Spielzeit insgesamt 33. Seine Schlussfolgerung aus dieser Erkenntnis: „So lange das so ist, ist unsere Opernlandschaft tot, verarmt und erbärmlich, egal, wie die Qualität der Inszenierungen ist ... Es kann doch nicht wahr sein, dass man bis in alle Ewigkeiten hauptsächlich 19. Jahrhundert spielt, das ist falsch, dumm und tut auch dem Repertoire des 19. Jahrhunderts nicht gut.“

Neuproduktionen finanzielles Wagnis

 

Moritz Eggert fordert, dass die staatlich subventionierten Theater mindestens 50 Prozent ihres Musiktheaterspielplans mit neuer Musik bestreiten sollten. Das ist sicherlich eine Maximalforderung, die auch ein Wunschtraum der zeitgenössischen Musik bleiben wird. Es wäre der Oper der Gegenwart ja schon geholfen, wenn man neuen Werken die Chance geben würde, ein zweites oder drittes Mal nach der Uraufführung auf die Bühne zu kommen. Die zeitgenössische Oper sollte also Teil des Repertoires werden, wovon sie meilenweit entfernt ist. Dafür gibt es Gründe.

 

In jedem Theater ist die Opernsparte der kostenintensivste Bereich, schließlich müssen neben den Sängern auch das Orchester und der Chor entlohnt werden. Eine Opern-Neuproduktion ist immer auch ein finanzielles Wagnis, und dies gilt für eine Uraufführung in noch viel stärkerem Maße. Ein halb leeres oder vielleicht noch schlechter besuchtes Haus kann ganz schnell die gesamte Planung in Schieflage bringen. Mitunter wird versucht, das mit einer Art Mischfinanzierung aufzufangen: Eine „Carmen“, dazu eine Operette und ein Musical im Spielplan, spielen das Geld ein, um auch eine Uraufführung zu stemmen.

 

Dennoch stellt sich schon die Frage, wer, wenn nicht die öffentlich finanzierten Theater (und die mit Rundfunkgebühren bestens ausgestatteten Sendeanstalten der Öffentlich-Rechtlichen), soll sich denn um die Gegenwartsmusik kümmern? Wäre es nicht gerade eine Art Verpflichtung der Theater, ein Kulturauftrag, in ihren Spielplänen auch der Neuen Musik eine Chance zu geben?

Frisches Opernblut

 

Wobei diese auch zu einem Teil selbst an ihrer Situation die Schuld trägt. Anders als im angelsächsischen Raum, wo man viel unbefangener und offener mit der Gegenwartsmusik auf der Opernbühne umgeht, wurde gerade in Deutschland die Frage der Neuen Musik nie ganz ideologiefrei behandelt. Die intellektuellen Zentren der Bewegung saßen in Darmstadt und in Donaueschingen. Den Komponisten dort, egal, ob sie Boulez, Lachenmann, Stockhausen oder wie auch immer hießen, war Musik als zweckfreie Schönheit, die Oper als eben jenes Kraftwerk der Gefühle, suspekt. Der C-Dur-Akkord wurde nachgerade für faschistoid erklärt, und die musikalische Avantgarde igelte sich in ihrem Weltanschauungsturm ein. Sie blieb etwas für Eingeweihte, auch in den Feuilletons, die bürgerlichen Opernliebhaber, die in „Traviata“ und „Aida“ strömten, blieben ausgeschlossen.

 

Moritz Eggert, 1965 in Heidelberg geboren, gehört einer ganz anderen Komponistengeneration an. Die todernste Ideologie der Nachkriegsgeneration ist ihm völlig fremd. Solche Komponisten wie er könnten dem Musikbetrieb wieder frisches Opernblut zuführen. Nötig und gut wäre das, sollte man doch nicht vergessen, das beispielsweise zu Zeiten Mozarts quasi kein Stück, das auf die Bühne kam, älter als 20, 30 Jahre war. Es war damals zwar nicht alles gut, was gezeigt wurde, aber das, was gut war, wird auch heute noch gezeigt.

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