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Donnerstag, 18. April 2019 Drucken

Kultur

Die bösen Augen von Mark Zuckerberg

Politisch, plakativ, professionell: Graffiti-Kunst hat sich längst etabliert. Bei der 5. Urban Art Biennale in der Völklinger Hütte ist junge Kunst aus den Metropolen der Welt zu sehen: teuflische Madonnen, eine Veilchen-Queen und ein „Fritz the Cat“-Gemälde-Gobelin.

Von Andrea Dittgen

Wer beobachtet hier wen? Besucherin vor dem Zuckerberg-Werk.

Wer beobachtet hier wen? Besucherin vor dem Zuckerberg-Werk. ( Foto: Dittgen)

Tank-Paar: Mentalgassis Figuren sind trotz gestopften Mäulern schreiend laut.

Tank-Paar: Mentalgassis Figuren sind trotz gestopften Mäulern schreiend laut. ( Foto: Dittgen)

Mark Zuckerberg, der Facebook-Chef, ist der Schlimmste. Fünf Meter hoch ist das Porträt, auf dem er lieb lächelt – und es böse meint. Seine Augen sind blinkende Überwachungskameras. Er weiß alles über dich, will das Berliner Künstlertrio Mentalgassi sagen. Das Motiv beherrscht die Wände, Gitter, Rohre, Tanks und das rostige Eisen der Völklinger Hütte. Die Augen von Laura Maas starren riesengroß auf einer Säule. Das seltsame Paar auf den beiden zehn Meter hohen Tanks nebeneinander zeigt, wie es endet: Er hat die Augen zu und will nichts mehr sehen, sie hat die Augen weit aufgerissen. Beide verbindet eine Eisenstange von Mund zu Mund, die ihnen das Sprechen unmöglich macht. Den meterhohen Fotobildern von Mentalgassi kann niemand entkommen. Die überlebensgroßen Fotos an den Gebäuden, eigens für die Völklinger Hütte entstanden, erinnern an die Arbeiten des französischen Street Art-Künstlers JR, sind aber viel politischer und kritischer. So wie das Berliner Künstlertrio, das früher mal gesprayt hat und sich wandelte, als es geschnappt wurde, hat sich die auch die Szene der Urban Art, der wilden großformatigen Kunst an Gebäuden der Großstädte gewandelt.

Kleinteilige Werke wie bei der ersten Urban Art Biennale vor acht Jahren gibt es nicht mehr. Dilettantische Sprayerei auch nicht. Die Künstler sind professioneller geworden, sie wissen, wie man die Aufmerksamkeit der Passanten einfängt. Zum Beispiel mit einer holzschnittartigen Madonna, die aussieht wie eine mittelalterliche Schnitzerei. Natürlich ist sie mindestens zwei Meter hoch – und statt zarter Gesichtszüge entpuppt sich das, was unter dem Schleier hervorguckt, eher als teuflisches Wesen.

Monkey Bird, ein Duo aus Bordeaux, dachte sich das auch. Mit dem 30 Meter hohen Paar, das sich um ein Gewinde drängt wie eine Konstruktion von Leonardo da Vinci, bietet es das größte der 120 Kunstwerke der neuen Urban Art Schau. Blase aus Paris nimmt sich Heiligendarstellungen von italienischen Meister vor und verfremdet sie. DXTR (gesprochen: Dexter) aus Berlin nimmt Comiczeichnungen von Robert Crumbs „Fritz the Cat“ zusammen mit den verpixelten Bildern der Computerspiele aus den 80er Jahren und macht daraus moderne Gemälde-Gobelins. Thomas Baumgärtel, der Bananensprayer, verpasst einem Porträt der Queen ein Veilchen und ein Körnchen aus – natürlich – lauter kleinen Bananen.

Einen neuen Weg geht das Berliner Kollektiv mit dem schönen Filmtitelnamen Rocco und seine Brüder. Es baut ein bleiverglastes historisches Kirchenfenster nach – in typischem Berliner U-Bahn-Gelb, setzt geklaute U-Bahn-Fenster und Warnschilder drauf. Die Truppe möchte daran erinnern, dass zu Beginn der Sprayerbewegung in den 70er Jahren in New York die U-Bahnen ihre Ikonen waren.

Natürlich gibt es immer noch dekorative Muster, die an Wände gemalt und gesprüht werden, aber die wenigsten sind harmlos. Großformatige Frauenporträts (von Männern) werden zur Anklage gegen Ausgrenzung. Doch das täuscht: Urban Art ist vor allem ein Männerding. Die Frauen, die in Völklingen vertreten sind, lassen sich an einer Hand abzählen. Dennoch lohnt die Entdeckungstour durch die Hütte, für die man sich mindestens zwei Stunden Zeit nehmen sollte, denn die Wege sind weit, und es gibt viel zu sehen. 150.000 Besucher kamen zur letzten Schau vor zwei Jahren. Das sind Zahlen, von denen Museen oft nur träumen können. Dennoch ist unklar, ob es eine Fortsetzung der wie immer von Frank Krämer hervorragend kuratierten Schau gibt: Meinrad Maria Grewenig, der Chef des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, unter dessen Ägide diese nicht nur für das Saarland wichtige Ausstellung entstand, geht im Juni. Die Nachfolge steht noch nicht fest, auch die der Urban Art Biennale nicht. Also schnell hin – oder wie es Grewenig formuliert: „Jeder, der sich dieser Art der Kunst und der Kreativität verschließt, ist an der Zeit vorbeigegangen.“

Die Ausstellung

5. Urban Art Biennale, 100 Künstler aus 20 Ländern mit 120 Werken, Weltkulturerbe Völklinger Hütte, bis 3. November, Eintritt: 17 Euro, Katalog (240 Seiten) 27,50 Euro.

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