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Montag, 14. Januar 2019 Drucken

Kultur

Der Tanz und das Weltklima

Ballett: Giuseppe Spotas Choreographie von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ in Mannheim

Von Alexandra Karabelas

Spitze: Emma Kate Tilson in Mannheim.

Spitze: Emma Kate Tilson in Mannheim. ( Foto: Hans Jörg Michel)

„Die vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi? Man kann Vivaldis weltbekanntes Opus Magnum aus dem Jahr 1725 heute nicht neu vertanzen, ohne sich des besorgniserregenden Zustands des Klimas bewusst zu sein. So dachte jedenfalls Giuseppe Spota, choreographischer Assistent von Stephan Thoss am Nationaltheater und designierter Ballettchef des Musiktheaters im Revier in Gelsenkirchen. Und Recht hat er. Die Premiere des neuen Mannheimer Ballettabends überzeugte auf ganzer Linie.

Spotas Neuinszenierung der „Vier Jahreszeiten“ ist wertvoll. Sie kommt auch unerwartet mit dem Kunstdiskurs in der Stadt in Dialog. Und sie passt kongenial zum zweiten Stück des Abends, Johan Ingers fabelhaftes „Empty House“ aus dem Jahr 2002. Der Schwede hatte das choreografisch und tänzerisch exzellente Werk zu Musik von Félix Lajkó in einer schmerzhaften Zeit geschaffen. Inger, ein profilierter Tänzer des berühmten Nederlands Dans Theater (NDT), verarbeitete darin den kurz zuvor erlebten Weggang des langjährigen Direktors Jirí Kylián vom NDT.

Seine Bühne: betörend. Ein von Energien und Emotionen dicht angereicherter Niemandsort, konstruiert als weißer Kubus, in dem eine einzelne Stoffbahn eine Wand markiert. Der atmende Raum wird so zum magnetischen Kreuzungspunkt verschiedenster, rasant und virtuos formulierter Rhythmen und Bewegungsstrukturen, die das Ensemble fabelhaft präzise tanzt.

Auf einer höheren Ebene geht „Empty House“ in Dialog mit Spotas „Vier Jahreszeiten“. Es formuliert die Verlorenheit und Desorientiertheit von Menschen an einem Ort, an dem die gewohnten, organischen Abläufe nicht mehr funktionieren. So wie die Jahreszeiten auf der Erde. Als Gesamtkunstwerk aus zeitgenössisch choreographierten Bewegungsflüssen, Sound, Licht und szenischer Darstellung entwickelt Spotas Neuinszenierung nahezu einen Thrill. Als ob man „Romeo und Julia“ vorgesetzt bekommt, hofft man bis zum Schluss vergeblich, die Geschichte zwischen dem Menschen und der Erde möge noch gut ausgehen. Tut sie aber, nach aktuellem wissenschaftlichen Stand, wohl nicht.

Spota zeigt das drastisch und mit Ironie. Denn dicke Röhren aus Plastik bilden im ersten Bild einen unterirdischen Wald der Entfremdung von der Natur. Tänzer in den verknitterten Röhren, die plötzlich wie zerrissene Reagenzgläser wirken, versinnbildlichen Pflanzen, mit denen andere nichts mehr anzufangen wissen. Jene tragen überdimensionale Gartenhandschuhe und wühlen sich um jene Materie, die einmal lebte. Frühling ade, fällt einem da ein.

Den Sommer siedelte Spota am Meer an. Ein Paar, gekleidet in Tauchhosen und durchsichtigen Plastiktops, versucht sich an einem Strandspaziergang. Während sie das Wasser berühren möchte, hält er sie zurück. Denn eine Sonne aus weißen Plastikkanistern schwebt vom Bühnenhimmel und suggeriert eine von Unrat überschwemmte Wasseroberfläche, die bald zum dominierenden Objekt der Gruppenchoreographie wird. Spota gestaltete den Übergang schlicht beeindruckend. Meeresrauschen spült sich in die Ohren des Publikums, das Licht wandert in Wellen über alle Zuschauerreihen. Man schloss die Augen und war selbst dort, an diesem verschmutzten Strand, der Kraft des Wasser ausgesetzt.

Weitere Zuspitzungen beinhaltet das Werk ab dem Herbst. Wie einst in „Singing in the Rain“ springt ein Herr im durchsichtigen Plastikmantel und viel zu lauten Schritten im Kreis um die wie sich wie zu Blätterhaufen zusammenfindenden Tänzer. Zum Schluss greift er zu einem Laubsauger und pustet ungeniert die herumliegenden Tänzer vom Platz. Gelächter im Publikum.

Nicht fehlen dürfen am Ende die Eisbären. Umringt von auf einer weißen Fläche vorher herum schlitternden Menschen, beklatschen diese unverhohlen den Überlebenskampf des tierischen Paares. Wie in allen vier Konzerten, mischten sich andere Töne, Sounds und Stimmungen in die bekannten Melodien. Die Komponistin Hanna Green hatte ganze Arbeit geleistet, Vivaldis Komposition auch auf der Musikebene zu dekonstruieren. Fehlen zum Schluss nur noch Thierry Geoffreys Protestzelte auf der Bühne, die derzeit die Kunsthalle Mannheim bevölkern. „Zeitgenössische Kunst ist immer zu spät dran“, steht da auf einem. Oder die Stahlkonstruktion „Strike“ der Ready Made-Künstler Calire Fontaine, deren Licht dann ausgeht, wenn man im wahrsten Sinne des Wortes sich zum Streik aufmacht. Spota hat mit seinem Werk eine Verbindungslinie zum immer performativer werdenden Kunstbegriff der Kunsthalle geschaffen. Die Mannheimer dürfen sich glücklich schätzen.

Termine

17., 23., 26., 31. Januar. Karten: 0621/1680150. www.nationaltheater-mannheim.de

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