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Dienstag, 21. August 2018 Drucken

Kultur

Auf dem Weg zur Insel

14. Festival des deutschen Films Ludwigshafen: Morgen Eröffnung mit „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“ – Meret Becker und Regisseurin Kerstin Polte dabei

Von Susanne Schütz

Hat sie ihr Leben auch wirklich richtig gelebt? Charlotte (Corinna Harfouch) in „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“ .

Hat sie ihr Leben auch wirklich richtig gelebt? Charlotte (Corinna Harfouch) in „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“ . ( Foto: ALAMODE)

Eröffnungsgast: Meret Becker (links) mit Sabine Timoteo.

Eröffnungsgast: Meret Becker (links) mit Sabine Timoteo. ( Foto: Alamode )

Hört den Seelenfunk ab: der Schweizer Bruno Cathomas.

Hört den Seelenfunk ab: der Schweizer Bruno Cathomas. ( Foto: Alamode)

Eine wundersame, märchenhafte, melancholisch-träumerische Filmperle, die beim kurzen Programmkinodurchlauf im Frühjahr ein wenig unterging, eröffnet morgen das 14. Festival des deutschen Films in Ludwigshafen: „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“ heißt Kerstin Poltes erster abendfüllender Spielfilm, der mit frischen Ideen und starken Frauenfiguren überzeugt – ein charmanter Wohlfühl-Eröffnungsfilm mit Corinna Harfouch in der Hauptrolle.

„Warum soll ich verschwinden, wenn ich gar nicht da war? Kann man da noch irgendwas machen?“, fragt Charlotte (Harfouch) mit sanfter, nahezu brechender Stimme ins Leere. Sie sitzt in einem Beichtstuhl, obwohl evangelisch: „Ich hatte die Idee, Sie könnten was übermitteln.“ Und die Zuschauer sind da schon bereit, eine Antwort zu hören von ganz oben. Schließlich konnten sie zuvor schon einen freundlich-gemütlichen, ebenfalls melancholisch gestimmten Mann (Bruno Cathomas) mit Unmengen von Schlüsseln hantieren sehen und sagen hören: „Ich kümmere mich um Wind und Wolken und höre den Seelenfunk ab.“

„Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“ lässt sein Publikum von Anfang an staunen – und darüber nachdenken, ob es nicht tatsächlich noch einen Zauber im Alltag geben kann. Warum nicht einfach mal das Gegenteil von dem tun, was man sonst macht? Und wer entscheidet eigentlich, was möglich ist und was nicht?, fragt eingangs auch gleich Charlottes bald elfjährige Enkelin Jo (Annalee Ranft). Und muss aber erleben, dass Katzen nicht fliegen können: Ihr Haustier stirbt nach einem Fenstersturz. Sie trauert, was ihre leicht überforderte Mutter Alex (Meret Becker), eine angehende Fahrlehrerin, noch weiter überfordert. Charlotte aber versteht ihre Enkelin, hat ihr doch nach einem bislang guten, aber nicht unbedingt erfülltem Leben gerade ein Arztbesuch den Boden unter den Füßen weggezogen.

Unter welcher Krankheit sie – vielleicht – leidet, lässt der Film lange offen. Schließlich steht die Frage im Mittelpunkt, ob es manchmal einer Erschütterung bedarf, um sich wieder bewusst zu machen, was das Leben ausmacht. Liebe zum Beispiel. Und die, fürchtet Charlotte, ist nach 37 Jahren, fünf Monaten und 21 Tagen Ehe vielleicht gar nicht mehr da zwischen ihr und ihrem ungleich pragmatischeren Ehemann Paul (Karl Kranzkowski). Der bemerkt ihr Aufgewühltsein erst einmal nicht. Und findet die Idee absurd, mit der kleinen Jo zum Geburtstag auf eine Insel zu fahren. Und so begeben sich Großmutter und Enkelin allein auf diese Reise, bald jedoch gefolgt von dem sich sorgenden Paul und der aufgelösten Alex. Den Weg weist diesem zunächst genervtem Vater-Tochter-Duo eine freundliche, in sich ruhende Lkw-Fahrerin (Sabine Timoteo), in die sich Alex alsbald verliebt.

Es entspinnt sich ein Roadmovie mit liebenswert-schrulligen Momenten – und irgendwann ist auch egal, wer der rundliche Mann mit den vielen Schlüsseln nun wirklich ist, der just auf der von Charlotte angesteuerten Insel haust. „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“ ist eine schöne allegorische Feier der kleinen Wunder, die zu begreifen, es nur ein offenes Herz braucht. Und so begeistert der lediglich am Ende nicht ganz schlüssige Film immer wieder mit überraschenden Bildern, Gedanken – und genau passender Musik, etwa dem Lied „Monster“ von und mit Darstellerin Meret Becker selbst, die morgen auch zur Eröffnung erwartet wird. Und die familiäre Verbundenheit, die zwischen Charlotte und Jo durch gemeinsames Singen bei der Autofahrt wächst, bekommt durch die Liedauswahl auch eine hübsche Zusatznote, die über den Film hinausweist: Corinna Harfouch singt einen Titel ihrer Söhne Hannes und Robert Gwisdek mit, „Oha“ von Shaban & Käptn Peng.

Kerstin Polte, die aus Wiesbaden stammt und in Québec, Zürich sowie an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung bei Didi Danquart studierte, hat sichtlich selbst viel Zeit und Liebe in den Film investiert. Und sie kann auf ein exzellent aufspielendes Ensemble bauen, aus dem neben Corinna Harfouch die deutlich weicher als sonst spielenden Meret Becker und Sabine Timoteo herausragen. Und ein wenig hat die 43-jährige Filmemacherin auch sich selbst eingebracht, erläutert sie in ihrer Internetbiografie: „Ich versuche, die Filmwelt um Frauenfiguren zu bereichern – mutig, eckig, merkwürdig, sehnsüchtig und stur. Wahrscheinlich weil ich ein wenig selber so bin.“

Und ihren Anspruch ans Filmemachen, beschreibt die Regisseurin, die zuvor die Kinodokumentation „Kein Zickenfox“ über das Frauenblasorchester Berlin gedreht hat, so: „Mich interessieren die Vielzahl der Leben, die wir gerade nicht leben. Die Geschichten, die fast passiert wären. Wären wir nur mutiger gewesen. Ich versuche, Zwischenräume für erstaunliche Begegnungen zu schaffen, die Realität auseinander zu schieben, um einen Spalt zum Träumen zu öffnen.“ Das ist ihr mit „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“ geglückt.

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