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Buch

Schleier und High Heels

Alice Schwarzer und ihre Algerien-Familie

Alice Schwarzer

Alice Schwarzer hat ein Buch über ein Land zwischen Tradition und Moderne geschrieben. Foto: Henning Kaiser

Deutschlands bekannteste Frauenrechtlerin ist ledig, kinderlos und hat - Überraschung - trotzdem eine Großfamilie. In Afrika. Im neuen Buch befasst sich Alice Schwarzer mit Algerien - und was es für Europa heißt, wenn das Land «kippt».

Köln (dpa) - Man ist schon überrascht: Deutschlands bekannteste Frauenrechtlerin Alice Schwarzer ist Teil einer nordafrikanischen Großfamilie.

Die Chefin des feministischen Magazins «Emma» wirft sich auch schon mal «laut jammernd aufs Bett» und rauft sich die Haare, wenn sie nicht weiß, was sie anziehen soll. Schauplatz ist Algier. Eine Hochzeit steht an und der Gast aus Köln hat nur ein einziges Abendkleid in der Reisetasche. «Die Braut aber wird sieben Kleider tragen. Hintereinander. Und alle weiblichen Gäste mindestens fünf.» Mit dieser Szene beginnt das neue Buch der Autorin «Meine algerische Familie» - eine Art Doppelporträt.

Das Schicksal des größten afrikanischen Landes steht im Mittelpunkt. Es geht um religiöse Radikalisierung, Kopftuch, Koran, islamistische Bedrohung und eine «wackelige Demokratie». Die befreundete Journalistin Djamila - in den 1990ern fürchtete sie um ihr Leben und arbeitete einige Jahre im Kölner Exil - hat Schwarzer eingeführt in ihre Großfamilie. Djamilas Großvater - nicht untypisch - hatte neun Frauen. Ihre Mutter wurde mit 15 Jahren verheiratet, war verschleierte Analphabetin. Djamilas Nichten sind Studentinnen, mögen High Heels.

«In den drei Generationen dieser Familie zwischen Tradition und Moderne spiegelt sich die dramatische Geschichte des Landes», sagte Schwarzer kürzlich der Deutschen Presse-Agentur. Also Kolonialzeit, Unabhängigkeitskrieg, Bürgerkrieg in den 1990ern bis hin zum «heutigen Stillstand, der eine Ruhe vor dem Sturm sein könnte», schreibt die 75-Jährige und mahnt: «Es ist auch im ureigensten Interesse Europas, zur Stabilisierung Algeriens beizutragen. Denn: Fällt Algerien, kippt der ganze Maghreb. Und dann schwappt das Problem direkt rüber nach Europa.» Unter 40 Millionen Einwohnern sei jede vierte Frau und jeder achte Mann Analphabet. Kritiker monierten Stagnation und Korruption.

Und: «Frauen haben lebenslang einen Vormund - Vater, Bruder, Ehemann -, nicht die gleichen Rechte und auch die Sitten in dem patriarchal-islamischen Land schränken sie stark ein», berichtet Schwarzer. Studentinnen werde immer öfter «sittsame Kleidung» nahegelegt. Mit politischem Islam hat die Autorin sich schon öfter befasst. Ihr letztes Buch dazu - «Der Schock - die Silvesternacht von Köln» (2016) - hatte auch Kritik ausgelöst mit der These, die Täter seien «fanatisierte Anhänger des Scharia-Islam». Viele widersprachen.

Authentisch und spannend am neuen Schwarzer-Titel: Die Familienmitglieder kommen selbst im O-Ton zu Wort. Djamila: «Heute sind Alkohol und Kopftuch die Zeichen, an denen wir Algerier uns erkennen. Jeder, der noch in Gegenwart anderer trinkt, ist mit Sicherheit kein Islamist.» Einer ihrer Brüder räumt ein, er habe beim ersten Anlauf zu freien Wahlen 1991 noch die Islamisten gewählt. Und ein Neffe spricht über die möglichen «1001 Interpretationen» des Koran, Doppelmoral, das Tabuthema Sex und Gewissensfragen.

Schwarzer porträtiert Land und Familie zugleich. Und übrigens - noch zu ihrer leiblichen Familie: Alice Schwarzer wuchs bei ihren Großeltern in Wuppertal auf - es war eine Kindheit ohne Vater und mit einer Mutter, die sich rar machte.

- Alice Schwarzer: Meine algerische Familie, Verlag Kiepenheuer und Witsch, 224 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-462-05120-9.

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