Zweibrücken
Zweibrücker Unterwelt: Schutzbunker oder Museum? Was ein Experte sagt
Schon beim Abstieg in den Himmelsbergstollen kommt das Gefühl auf, man betritt eine andere Welt. Eine Welt acht bis zwölf Meter unter der Erde. 100 Prozent Luftfeuchtigkeit herrschen hier, Licht ist nur dort, wo die Taschenlampe hinstrahlt. Der Boden ist nass, an manchen Stellen sehr matschig. Zwischen acht und neun Grad herrschen hier in der Zweibrücker Unterwelt – das ganze Jahr über. 150 auf 80 Meter ist die unterirdische Anlage groß. Doch hier unten herumlaufen, die rund 40 bis zu zehn Meter hohen Räume und die Gänge erkunden, ist gefährlich. Denn die Stadt unter der Rosenstadt wurde ursprünglich als Steinbruch im ausgehenden Mittelalter errichtet. Etwa im 15. oder 16. Jahrhundert. Viele Jahrhunderte, zahlreiche Umbau-Maßnahmen und die hohe Luftfeuchtigkeit haben den Wänden aus Buntsandstein stark zugesetzt. An vielen Stellen könnten Steine von den Decken fallen, Decken und Wände könnten einstürzen.
Wo ist die Anlage einsturzgefährdet? Wie alt ist sie genau und wie wurde sie über die Jahrhunderte genutzt? Und kann sie wieder genutzt werden und sogar für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden? All diese Fragen sollte Bernhard Häck klären. Eine Woche lang hat er den Himmelsbergstollen begutachtet, die Räume genau unter die Lupe genommen. Seine Erkenntnisse hat der Fachmann vom bayrischen Landesamt für Denkmalpflege in einem 86-seitigen Vorgutachten zusammengefasst und diese Woche dem Bauausschuss präsentiert.
Die Räume des L-förmig angelegten Stollens sind laut Häck bis zu zehn Meter hoch. „Die Himmelsberganlage ist über die Jahrhunderte hinweg immer wieder umgebaut und einer anderen Nutzung zugeführt worden“, sagte Häck. „Aufgrund der Historie über Jahrhunderte hinweg und ihrer Größenordnung ist sie einzigartig in ganz Deutschland“, schwärmte der Fachmann bei einer Stollenführung am nächsten Tag.
Alte Kunst an Wänden entdeckt
Akribisch skizzierte der Experte in seinem Gutachten die einzelnen Umbaumaßnahmen an dem Stollen. „Wenn wir wissen, wie die Anlage damals gebaut worden ist, dann können wir daraus schließen, wie wir heute mit ihr umgehen“, sagte er im Bauausschuss. Durch Kerben an Wänden rekonstruierte der Fachmann, wie damals Stein unterirdisch herausgeschlagen wurde, um Häuser und Brücken zu bauen. Unterirdisch, weil Steinmaterial an den Berghängen durch Witterungseinflüsse schon zu porös war.
In einem Raum hat er sogar Kunst entdeckt: Dort sind Gesichter von Menschen in die Wand geritzt. „Das sind Bilder aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.“
Im Zweiten Weltkrieg Schutzraum vor Bomben
Im Eingangsbereich hat jemand die Jahreszahl 1944 in die Wand geschlagen. Ein Jahr der Endphase des Zweiten Weltkrieges, als die Anlage als Schutzraum vor Luftangriffen genutzt wurde. In einem Raum finden sich Inschriften in den Wänden eingeritzt. „Anhand derer kann man die Einzelschicksale der Menschen rekonstruieren, die im Zweiten Weltkrieg hier gelebt und gearbeitet haben“, informierte Häck.
„Wo sind die Gefahrenpunkte? Wie viel Aufwand wäre nötig, um die Anlage für Nutzung tauglich zu machen?“ Das wollte Ausschussmitglied Norbert Pohlmann (Grüne) im Bauausschuss wissen. Häck warnte daraufhin vor „blindem Aktionismus“. Bevor die Anlage gesichert werden kann, müsse sie erst komplett dokumentiert werden.
Besonderes Alleinstellungsmerkmal
Oberbürgermeister Marold Wosnitza wollte wissen, wie lange die Dokumentation dauert und: „Was würde uns das kosten?“
Allein die Vermessung belaufe sich auf 20.000 bis 30.000 Euro, antwortete Häck. Was die detaillierte Dokumentation kostet, könne er noch nicht abschätzen. Allerdings gebe es verschiedene Fördertöpfe.
Viel Aufwand und hohe Kosten also. Ausschussmitglied Rolf Franzen (CDU) wollte wissen, ob die Anlage das denn überhaupt wert ist. „Ja“, antwortete Häck ohne zu zögern. „Diese Anlage hat ein Alleinstellungsmerkmal. Es lohnt sich bei weitem, sie zu erhalten, zu sichern und zu präsentieren.“ Ist die Anlage wiederhergestellt, könne er sie sich als Museum vorstellen, oder auch als Veranstaltungsort für Lesungen und Führungen.
Feuchtigkeit in Räumen muss weg
Thorsten Gries (SPD) erkundigte sich, inwiefern die Anlage als Schutzraum geeignet wäre. „Auch das wäre machbar, es ist nur eine Frage der finanziellen Mittel“, antwortete Häck.
Ein Problem ist laut Häck die hohe Luftfeuchtigkeit. Die schadet den Wänden. „Wenn das Wasser drin bleibt, kollabiert der Raum.“ Als Lösung könnten Lüftungsschächte wieder aktiviert, sprich: geöffnet, werden, um Luftzirkulation zu ermöglichen. So werden Feuchtigkeit und weitere Korrosion verringert.
„Erst mal sehen wir, dass wir die Feuchtigkeit zumindest teilweise rausbekommen, dann würde eine 3D-Vermessung anstehen“, sagte Stadtchef Wosnitza nach einer Führung durch den Stollen. Dann sollen die Schadenstellen gesichert werden. Zudem müssten Fluchtwege installiert werden. Sein Ziel: „Dass man in Teilen der Anlage in den nächsten fünf bis sechs Jahren Veranstaltungen durchführen kann.“