Zweibrücken Zweibrücker Fahrzeuggutachter möchte einen Gang zurückschalten
Mit geschultem Blick nimmt Hermann Weis noch immer jeden Unfallschaden unter die Lupe, den Versicherungen an ihn herantragen. Seit fast 30 Jahren ist der heute 72-Jährige als Kfz-Gutachter mit ungebrochener Leidenschaft für seinen Beruf im Einsatz. Doch nun möchte er langsam einen Gang zurückschalten und den Übergang in den Ruhestand einleiten. Unterstützung erhält er dabei gegenwärtig von seinem Enkel Silas Hasenstab. Der Student der Betriebswirtschaftslehre, Schwerpunkt Marketing-Management, hat bereits erste Einblicke in das Metier gewonnen, will allerdings später nicht in die Fußstapfen seines Großvaters steigen.
Trotz allem möchte Weis sein Lebenswerk in familiäre Hände geben, wohl wissend, dass ein solcher Schritt Zeit, Vertrauen und sorgfältige Planung erfordert. Der Weg zum Gutachter begann für Hermann Weis nicht am Schreibtisch, sondern mit der Spritzpistole in der Hand: In Einöd und später in Zweibrücken führte er 14 Jahre lang seinen eigenen Fachbetrieb für Lackier- und Karosserietechnik. Es war ein Handwerk, das Präzision verlangte, doch etwas Wesentliches fehlte ihm in der Abgeschiedenheit der Lackierkabine: der Mensch.
In der Lackierkabine zu einsam
„Ich habe den Kontakt zu den Kunden vermisst“, erinnert sich Weis heute. Es war dieser Drang zum Austausch, zur Beratung und zum direkten Gespräch, der ihn schließlich dazu veranlasste umzusatteln: Er wurde Kfz-Gutachter. Dieser Schritt fiel ihm nicht schwer, denn aufgrund seiner zuvor erworbenen und fundierten Praxiskenntnisse in Lackiertechnik und Karosseriebau verfügte er schon gleich zu Beginn über tiefes Fachwissen wie Materialeigenschaften, Lackiertechniken, Instandsetzungsmethoden und Unfallschäden. Weis: „Dies ist ein entscheidender Vorteil, um Unfallschäden präzise einzuordnen, Reparaturwege korrekt zu beurteilen und Schadenkostenkalkulationen nachvollziehbar zu erstellen.“
Laut Weis hat sich der Beruf des Kfz-Sachverständigen kontinuierlich verändert und ist heute maßgeblich durch Digitalisierung, komplexe Fahrzeugtechnologien und eine veränderte Schadenabwicklung geprägt. Früher seien Gutachten noch manuell auf Papier geschrieben worden, Fotos wurden entwickelt und später eingeklebt. Heutzutage erfolge die Schadensaufnahme oft direkt am Fahrzeug per Tablet oder Smartphone-App. Gutachten würden papierlos erstellt und elektronisch an Versicherungen übermittelt. Immer wieder änderten sich die Rechtsgebungen und Gesetze im Versicherungswesen.
Wenn der Schaden nicht zum Vorfall passt
Auch mit Betrugsversuchen wurde Hermann Weis im Laufe seiner Tätigkeit konfrontiert. Fingierte Unfälle, überhöhte Abrechnungen oder falsch dargestellte Unfallhergänge zählen dabei zu den häufigsten Maschen. An einen besonders dreisten Fall erinnert er sich noch gut: Ein Mieter hatte das Fahrzeug seines Vermieters absichtlich mit einem spitzen Gegenstand zerkratzt. Die Beschädigung zog sich in einer langen, wellenförmigen Spur über den Lack.
Allerdings wurde die Tat von einer Nachbarin beobachtet, die den Fahrzeughalter informierte. Dieser forderte daraufhin Schadensersatz. Der Verursacher wiederum meldete den Schaden seiner Haftpflichtversicherung und gab an, der Kratzer sei versehentlich beim Umzug entstanden, als er einen Korb aus der Wohnung getragen habe. Für Weis war diese Darstellung jedoch wenig plausibel. Das auffällige, wellenförmige Schadensbild hätte eine entsprechende Bewegung beim Tragen vorausgesetzt. Ein Ablauf, der niemanden überzeugte.
Teure Schäden auch bei kleinen Unfällen
Oft wird der Kfz-Gutachter auch auf die immer höheren Reparaturkosten angesprochen. „Das hängt mit gestiegenen Löhnen zusammen. Die Stundenverrechnungssätze liegen inzwischen bei bis zu 180 bis 240 Euro“, erklärt Weis. Hinzu kämen aufwendigere Werkstattausstattungen sowie teurere Materialien. „Allein ein Liter wasserbasierter Lack kostet rund 150 Euro, dazu kommen Klarlack und Härter.“
Auch die Technik in modernen Fahrzeugen treibe die Kosten nach oben. Sensoren, Kameras und Assistenzsysteme seien heute in großer Zahl verbaut. Selbst kleinere Unfälle könnten daher teure Schäden verursachen, etwa wenn empfindliche Komponenten in Stoßstangen oder Scheinwerfern beschädigt sind.
Bei diesen Terminen gab es was zu lachen
Weis erlebt auch immer wieder kuriose Situationen. Schmunzelnd berichtet er von einem Termin im Saarland: „Ich hatte den Kunden vorab gefragt, ob alle Unterlagen vorliegen. Als ich dann vor Ort war und nach dem Unfallfahrzeug fragte, sagte er mir, seine Frau sei gerade damit unterwegs, und ob ich das Auto für das Gutachten überhaupt brauche.“
Auch ein kleiner Junge sorgte bei Hermann Weis für einen Lacher. „Ich sollte ein beschädigtes Motorrad begutachten. Der Junge fragte mich, was ich denn hier mache. Ich antwortete ihm, dass ich das kaputte Motorrad seines Vaters fotografiere. Das hätte keinen Sinn, ich solle wiederkommen, wenn's wieder ganz ist, hat der Junge gesagt!“